JournalismusNetznews

AdBlocker-Streit: Es gibt keine Alternative zur Werbung

By 10. September 2010 9 Comments

Alle Jahre wieder ist es soweit: Dann wird ein großes Fass aufgemacht, um das sich alle versammeln und immer wieder „Rhabarber“ schreien, dazu gibt es einen Haufen geschwollener Stirnäderchen und wenn gerade keiner hinsieht, auch mal den einen oder anderen Fußtritt. Es geht um Werbeblocker im Netz. Ich habe eine ziemlich eindeutige Meinung zu dem Thema, allerdings vertrete ich diese nicht annähernd so borniert, wie die beiden säbelwetzenden Parteien, die sich nun Phrasen wie „Dieb!“ oder „Dummkopf!“ gegenseitig an den Kopf werfen.

T3n hat am gestrigen Donnerstag dieses Mal das Fass spendiert: „Wie viel Geld verlieren Webmaster durch Adblocker? Hier neue Zahlen & Fakten„. In den aufgearbeiteten Statistiken lernen wir, dass rund 12,65 Prozent der Deutschen die Werbung auf Websites durch den Browser blocken lassen (Firefox-Nutzer sind hier mit über 22 Prozent übrigens die Spitzenblocker). Deutschland hat es Dank dieser Quote auf den Olymp der Werbeverweigerer geschafft, in den Vereinigten Staaten sind es gerade einmal 2,4 Prozent.

Die Empörung der Verleger können nur die wenigsten Rezipienten der Studie nachvollziehen: „Verlieren die Website-Betreiber wirklich Geld durch Adblocker? Verlieren sie es nicht eher durch ungeeignete Werbung? Sollte man es dann nicht auch so nennen, wie es ist?“, analysiert Leander Wattig völlig korrekt, während bei Wirres.net die Alternatividee des Flattr-Modells neu lanciert wird.

Doch wovon reden wir hier überhaupt? Werbung ist per se unangenehm, das liegt bereits im etymologischen Hintergrund verborgen, der nun einmal von „werben“ kommt, das wiederum von „wirbeln“ abstammt. Werbung lenkt ab, zieht Aufmerksamkeit ab sich und verschleiert den Blick für das Wesentliche. Werbung ist die Mücke im Schlafzimmer, die Wimper im Auge – das war sie immer und wird sie auch immer sein. Nutzer interessieren sich kaum für die Qualität einer Anzeige, auch all die schönen Argumente, dass zum Beispiel kontextbasierte Reklame einen gewissen Mehrwert bieten würde, kann sie nicht überzeugen.

Das Geschäftsmodell des kommerziellen Internets war seit jeher eng mit dem Online-Marketing verbunden – hey, es waren die Neunziger und genau genommen kannten wir es auch nicht anders: im damaligen Privatfernsehen hat es jedenfalls geklappt, damals waren wir den Werbeblöcken hilflos ausgeliefert (in Amerika ist das seit ein paar Jahren anders). Für Inhalte zu bezahlen ist ein recht fremder Gedanke und in etablierten Medienstrukturen wird er sich auch nur schwer durchsetzen können. Oder wie geht es dem Pay-Sender Sky heute?

Einrichtungen wie Flattr sind eine tolle Neuerung. Doch wer hier seriös argumentieren will, muss zuerst eingestehen, dass freiwillige Spenden der Nutzer lediglich Peanuts sind. Die „TAZ“ konnte im Juli mit 1.420 Euro Almosen noch punkten. Die jüngste August-Bilanz zeigt jedoch, dass die anfängliche Euphorie langsam abflacht: die Flattr-Einnahmen sind wieder um neun Prozent gesunken. Für das Geld, das hier zusammen kommt, lässt sich gerade ein Halbtags-Facility-Manager einstellen. Einen, der über chronische Rückenschmerzen klagt.

Nein, mit freiwilligen Spenden ist es nicht getan und die Leser im Netz zum direkten Bezahlen aufzurufen, ist ebenfalls ein hoffnungsloses Unterfangen. Wie der jüngsten W3B-Umfrage zu entnehmen ist, sind lediglich 23,5 Prozent der Nutzer (bei „angemessenen Preisen“, was immer das heißt) bereit, für Inhalte auch Geld auf den Tisch zu legen. Weit über die Hälfte lehnt es kategorisch ab, ein weiteres knappes Viertel hat sich noch nicht einmal Gedanken über das Thema gemacht. Natürlich kann man sagen: Ist ja klar! Die Verlage haben gescheite Micropayment-Lösungen verpennt! Wer will schon immer seine EC-Kartenummer eingeben, wenn er einen Artikel lesen will? Doch so einfach ist es nicht…

Tatsache ist, dass das Desktop-Internet für Paid-Lösungen verdorben ist. Wie Springer derzeit beweist, gilt das nicht zwingend für das mobile Pendant, denn hier haben die Nutzer noch keine Erfahrungswerte, wie mit den Leistungen anderer umzugehen ist – und greifen daher wesentlich selbstverständlicher zum Portemonnaie.

Werbung ist da und sie bleibt uns im konventionellen Browser-Fenster also auch erhalten. Und so ist eine gewisse Empörung auf Seiten der Verleger schon nachzuvollziehen. Übrigens eine Verärgerung, die sogar der Urheber von AdBlock-Plus teilt. Als der Streit im vergangenen Jahr richtig hochkochte, suchte er den Schulterschluss mit den Publishern:

Mein Ziel mit AdBlock-Plus ist es nicht, die Werbeindustrie zu vernichten. Das Internet braucht Geld, um in Betrieb gehalten zu werden – und Werbung ist das universale Mittel dazu.

Wladimir Palant, so der Name des Entwicklers, zeigte sich irritiert bis erbost, dass die Nutzer seines Plugins nicht einmal verstanden haben, dass es konfigurierbar ist. Viele aktivieren nach der Installation die pauschale Reklamesperre – fertig. Auf diese Weise profitiert nicht einmal die Lieblingsseite von einem Besuch.

„Verlieren Medienunternehmen wirklich Geld durch Piraterie oder nicht eher durch anachronistische Geschäftsmodelle?“, fragt Leander Wattig. Doch leider bleibt auch er uns eine Antwort schuldig. Welche Einnahmequelle wären die Nutzer denn bereit mitzutragen? Ich habe in meiner Zeit bei Basic Thinking mitbekommen, wie weit die Toleranz der Nutzer geht – und sie ist (dimplomatisch formuliert) ziemlich begrenzt. Ohne pädagogische Maßnahmen wird der Leser niemals den eingeschlagenen Pfad des Internets verlassen.

Bild: Flickr, Fotograf: twicepix

About André Vatter

Leidenschaftlicher Social Median und Blogger aus Hamburg. Mehr erfahren.

9 Comments

  • Benne sagt:

    Gut geschrieben! Allerdings sollten sich die Seitenbetreiber mal an die eigene Nase fassen. Wenn ich zB SPON aufrufe und oben und rechts ist ein riesiger, roter Media-Markt-Banner, der wirklich nur noch nervt, dann schalte ich meinen AdBlock ganz schnell wieder ein. Werbung sollte nicht größer als Content sein. Gegen Bannerwerbung etc. habe ich nichts einzuwenden.

  • André sagt:

    @Benne: Das Problem ist, dass der Online-Werbemarkt am Boden liegt: Es gibt einfach zuviel Werbefläche. So muss es zwangsläufig aggressiver werden (Branding etc.). Wie gesagt – eine Lösung habe ich auch nicht anzubieten. Aber so lange ich keine habe, prügel ich auch nicht auf den Bedenken der Betreiber herum.

  • […] zur Ergänzung ein Artike AdBlocker-Streit: Es gibt keine Alternative zur Werbung von André Vatter. […]

  • […] Es gibt interessante Reaktionen hier in den Kommentaren und von Marcel Weiß, Felix Schwenzel, Martin Weigert, DavidBLN, André Vatter […]

  • Mehrstufenfilter sagt:

    Aggressive Werbung bekommt eine aggressive Gegenreaktion. Und ja man kann Werbeblocker auch konfigurieren. Werbung ist nun mal keine relevante Information…

  • […] AdBlocker-Streit: Es gibt keine Alternative zur Werbung […]

  • norsh sagt:

    Nun ja, Wladimir Palant hat recht. Werbung kommt bei mir nicht durch. AdBlock-Plus ist so „konfiguriert“, dass es alles blockt. Und das ist gut so. Mir gefallen gewissen Mentalitäten einfach nicht. Und das hat auch nichts mit konservativem Denken zu tun. Warum glaubt mittlerweile eigentlich jeder, der im web aktiv ist und sein es nur ein Blog, dass er dafür zu entlohnen sei?

    Mir geht es jetzt nicht um diesen oder jenen Blog sondern ums „Allgemeine“. Es ist einfach nur grausam wer heute alles meint, er müsse doch für seine „Abeit“ im web belohnt werden. Selbst die Donate-Funktion seh ich noch skeptisch. Klar, es ist einfach und warum sollte nicht die Möglichkeit geboten werden, wenn User Projekte gerne unterstützen möchten. Allerdings möchte ich eher auf die Werbung eingehen.

    Ich selber adminstriere auch websites und hab somit gewisse Kosten für Domain, Server, webspace usw. Hier kommt aber meine angesprochene Mentalität zum Zuge. Für mich sind das alles Projekte, die gerne gestalte und auch ein Leben ausserhalb des web haben. Für mich sind das Hobbys, Engagement und Initiative. Und wo ist der Unterschied wenn ich persönlich investiere bei: dem Kuchen für das monatliche Kindergartenfest oder was auch immer und dem Unterhalten von websites bzw. der Produktion von content (und damit sind auch Texte und Blogs, wie dieser hier gemeint) für´s web. Warum also soll ich beispielsweise für diesen Blog extra Werbung zulassen? Entweder man ist bereit Zeit und Geld zu investieren oder eben nicht. Wenn man bereit ist aber nur mit einer monetäre Gegenleistund, dann sollte man sich beruflich anders orientieren und die Blogger-Tätigkeit als Journalist bei diversen Medienunternehmen erledigen. Nur weil jemand seinen Gedanken oder seine Meinung im web publiziert oder mir eine Infopage für was auch immer zur Verfügung stellt, hat damit noch lange kein Geld von mir verdient.

    Zugegeben beschreibe ich hier einen privaten Bereich. Doch dieser ist ja anscheinend nicht unerheblich. Dann gibt es natürlich solche geschäftlichen Beispiele, weit verbreitete Internetgrößen wie diverse social networks usw., deren Größe sie dazu zwingt auch ein Einnahmemodell zu etablieren, wobei ich da ziemlich unsicher bin, womit sie nun letztenlich Einnahmen erzielen. Dazu kommen für mich aber auch Foren und diverse Seiten und Portale, bei denen ab einer bestimmten Größe eine perönliche Finanzierung aus eigener Tasche nicht mehr möglich ist. Hier und auch nur alleine hier finde ich Werbung akzeptabel oder Spenden eine Möglichkeit. Allerdings: wer mir hier Werbung aufzwingt, die fast die hälfte oder auch mehr der eigentlichen Site in Anspruch nimmt, der wird gnadenlos „geblockt“. Wenn mir da Banner oben, unten, links und rechts und/oder auch noch Layer-Ads entgegen kommen, dann werd ich aggressiv.

    Man bekommt eine unvermeidliches Würgegefühl, wenn auf einigen Seiten Werbe-Blocker deaktiviert werden. Da kommen dann viele Faktoren zusammen: Grundsätzlich zu viel Werbung, extrem schlecht gecodet bzw. programmierte Werbung, hauptsache flashflashflash und nochmal flash. Sorry aber da geht der Blocker fast schon automatisch wieder an. Ich persönlich behaupte mal, dass 95% der ganzen Seiten auch einen Werbeblocker verdient haben.

    Für mich ist zwar klar, dass eine „Umsonst-und-kostenlos“-Kultur kein tragbaren Modell für´s das Internet mehr ist. ABER das bezieht sich mich für auch wirklich nur auf „sinnvollen“ und akzeptierten Content. Wenn mir mein VOD-Anbieter kleine Werbefilmchen zeigt bevor der Film startet, ist das völlig ok. Aber wenn jeder Hanz und Franz meint, er müsse mir Werbung entegen werfen, der hat keine Chance.

  • Markus sagt:

    @André Der Online Werbemarkt am Boden? Wo nimmst Du den die Kenntnis her? 2009 ein Rekordjahr, 2010 weiter gewachsen und auch 2011 bisher.

    Zum Beitrag selber bekommst Du aber einen Daumen hoch von mir :-)

  • @Markus: Mist, ich schätze… mein RSS-Feed spinnt wieder, der Artikel ist von 2010 (ich krieg das Problem nicht in den Griff).

    Davon abgesehen: Es wird sicherlich immer mehr Geld ins Netz gepumpt. Aber die Werbefläche explodiert. Immer mehr Blogs eröffnen, Magazine dehnen sich aus. Das drückt den Preis massiv. Das Netz wächst schneller, als Geld hinein fließt.

Lesen Sie den vorherigen Eintrag:
News.me: Die „New York Times“ und das geheimnisvolle Social Magazine
Schließen