Hallo Apple, bitte wirf Ping aus iTunes raus!

Posted by | September 26, 2010 | Netznews, Tech | 4 Comments

Apple ist groß, Apple ist mächtig. Aber Apple ist auch mutterseelenallein auf dieser Welt. Cupertino hat einfach keine Freunde, Steve Jobs ist der Eric Cartman des globalen IT-Sektors. Ein gut gehütetes Geschäftsgeheimnis, emsige Entwickler hinter geschlossenen Türen und eine Rechtsabteilung, die beinahe täglich Abmahnungen aus der Hüfte schießt, haben sich bislang gut auf die Konzernbilanz ausgewirkt. Apple war vor wenigen Tagen als zweitwertvollstes Unternehmen der Welt vorgestellt worden – zumindest schon einmal für ein paar Stunden.

Doch was im Hardware-Geschäft eine Bereicherung ist, kann im Social Web, in dem “Freunde” nun einmal die Währung sind, katastrophal nach hinten losgehen. Die Rede ist von Ping, Apples Social Network für Musik, das fest in iTunes integriert ist. Erst Anfang September gelauncht, hatte es nach Unternehmensangaben binnen der ersten zwei Tage bereits eine Million Mitglieder für sich gewinnen können. Seitdem schweigt sich die Pressestelle allerdings über die weitere Perfomance der Plattform aus.

Am Wochenende hat Apple eine neue Version von iTunes ins Netz geworfen, Nummer 10.0.1 steht damit jedem Nutzer zum Download zur Verfügung. Mit an Bord ist eine Neuauflage von Ping, das von seinem etwas versteckten Platz herausgehoben wurde und eine große, auffällige Seitenleiste spendiert bekommen hat. Zusätzlich crawlt das Musiknetzwerk ab sofort die eigene Musikbibliothek (zumindest die Songs darin, die original über iTunes gekauft wurden), um die Follow-Empfehlungen innerhalb von Ping zu optimieren. Ein weiteres Feature wurde direkt in die Bibliothek integriert und erlaubt nun das Teilen von Songs, die ich gerade höre oder generell unglaublich gut finde. Das war im Großen und Ganzen auch schon alles, was der Nutzer von den Neuerungen oberflächlich zu sehen bekommt.

Eine Öffnung nach außen? Nada. Ping bleibt ein hermetisch abgeriegelter Raum, ein VIP-Club experimentierfreudiger iTunes-Nutzer, die sowohl die Geduld als auch die Zeit aufbringen können, ihr Freundesnetzwerk zu vergrößern, indem sie “E-Mail-Einladungen” versenden. Manuell. Hintereinander. Und das im Jahr 2010.

Man kann es nicht anders sagen, Apple hat es verbockt, sei es aus Gründen der Firmenpolitik oder mangelnder Expertise im Bereich Social Media (in dem Apple sich bislang tatsächlich nicht als große Leuchte hervorgetan hat). Wie kürzlich bekannt wurde, gab es sogar Verhandlungen mit Facebook, die sich vor dem Launch rund anderthalb Jahre lang hingezogen hatten – und ergebnislos abgebrochen wurden. Apple wollte Facebooks Social Graph für eine Öffnung der Plattform adaptieren, schob aber aufgrund von “drückenden Forderungen, denen wir uns nicht beugen konnten”, Zuckerbergs Verhandlungsteam das Scheitern in die Schuhe. In einem wahnwitzigen Akt letzter Hoffnung wurde dann in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ein simples Facebook Connect auf Ping implementiert – gerade so, wie es der Betreiber eines kleinen Bonsai-Blogs macht, um seine Seite dem Netzwerk zu öffnen. Als Facebook davon Wind bekam, wurde die Schnittstelle für Apple jedoch in Sekundenschnelle gesperrt.

Und da steht Ping nun. Völlig alleine, umgeben von soviel Kreativität und Nutzerpower und doch um Welten davon getrennt. “It’s all about music”, hatte Steve Jobs bei der Ankündigung immer betont. Doch es geht eben nicht alleine um Musik, sondern um Menschen, die sich über ihr Lieblingsthema miteinander austauschen möchten. Ob es der Apple’sche Kontrollzwang ist oder die Furcht, sich anderen Unternehmen und damit auch unkalkulierbaren Risiken zu öffnen, bleibt dahingestellt. Es ist Apples Stil, Marketingaktionen so dicht wie möglich direkt an die Verkaufsplattformen zu koppeln (Support im Apple-Shop, App Store in iOS, iAds direkt in der App), doch hier wird die Taktik nicht aufgehen. Klar ist, dass Ping keine große Zukunft haben wird, wenn es in der iTunes-Box still verharrt. Das jüngste Update hat die Sharing-Optionen zwischen Rechner (iTunes-Bibliothek) und Netzwerk verbessert. Nun sollten bald die User folgen. Also bitte, Apple: Befreit Ping endlich aus dem Client! Gebt Facebook, Twitter und all den anderen Dienste endlich eine Chance und lernt, von einer offenen Vernetzung zu profitieren.

Ping aus der Übersicht entfernen

Für alle, die solange nicht warten wollen, habe ich hier noch einen Tipp: In den neuen Nutzerbestimmungen hat Apple versprochen, dass Ping zwar standardmäßig als Sidebar eingeblendet wird, sich die Leiste aber auf Wunsch auch deaktivieren lässt. MacNotes zeigte sich frustriert darüber, dass offenbar nirgendwo eine solche Einstellung zu finden ist, weder in der iTunes-Konfiguration noch im Ping-Profil. Antwort: Den Button, den ihr sucht, findet ihr rechts unten im iTunes-Fenster, direkt neben dem Genius-Icon (sofern aktiviert).

Zudem gibt es bei CultofMac einen Tipp, wie sich das Drop-Down-Menü ausschalten lässt.

4 Comments

  • René sagt:

    Ich habe Ping getestet und finde es absolut nutzlos! Meiner Meinung nach ist Ping nur eine weitere Werbemaschine, welche die Verkäufe bei iTunes weiter ankurbeln soll. Aus diesem Grunde habe ich Ping sofort aus meinem iTunes verbannt! Ich brauche diese “Plattform” jedenfalls nicht und hoffe, dass nicht allzu viele Nutzer auf diese Spielerei hereinfallen werden.

  • Richie sagt:

    Hoi,

    Fehler auf meiner Seite: die “verbesserten” Boxen bei Ping waren noch nicht die eigentliche Seitenleiste, ich dachte das, weil eben die Zustimmung zur iTunes-AGB-Änderung wie nebenan gescreenshottet eingefordert wurde. Die eigenltiche Seitenleiste, die mit 10.0.1 dann kam, kann im Menu von iTunes ausgeblendet werden.

  • [...] Nun hat es also Twitter vor Facebook geschafft… Ich habe schon zuvor geschrieben, dass der hermetisch abgeschlossene Client-Raum für Ping früher der später den Tod bedeuten würde. Social Networks sind per natura dezentral [...]

  • [...] ermöglicht Nutzern von iTunes 10.1 ab sofort, das musikalische Social Network Ping zu deaktivieren. Zuvor war dies kaum möglich beziehungsweise nur versierten Nutzern, die keine [...]

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