Steht das Social Bookmarking vor dem Aus? (Antwort: Ja!)

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Digg stürzt ab – und das nicht zu knapp. Seitdem der Anbieter für Social Bookmarks seiner Plattform einen komplette Relaunch verpasst hat („The new Digg“), flüchten die Nutzer in Scharen. Die Entwicklung hat zwei Ursachen: Zum einen war Digg immer eine Seite für Hardcore-Fans, eine Art geschlossene Gesellschaft für ausgewählte URL-Junkies. Wer bei dem Dienst regelmäßig Links hoch- und runterstufte („digg up/down“), hatte stets eine persönliche Bindung zum Thema und der begleitenden Diskussion. Und wie alle, die das Gespräch am heimischen Kamin lieben, hassen auch diese Leute Veränderungen im alltäglichen Umfeld. Im Mittelpunkt der konservativen Wutschreie stand die neu eingeführte Follow-Funktion, die mancher schon von Twitter her kannte. „Müssen wir jetzt jeden Hype-Trend mitmachen?“, maulten die Nutzer und wechselten zum Erz-Konkurrenten Reddit, der sich in all den Jahren seines Bestehens so gut wie nicht verändert hatte.

Doch der Zorn ist nur eine Entschuldigung, womit ich gerne auf die zweite Ursache des Digg-Untergangs zu sprechen kommen möchte. Bereit? Okay, hier die These: Niemand braucht heute mehr Dienste für Social Bookmarks. Die Plattformen machen seit ein, zwei Jahren dieselben Entwicklungen durch, wie wir sie im RSS-Universium sehen können. Plattformen wie Digg, Yigg oder Mr. Wong werden zusehends von etablierten Netzgrößen wie Facebook und Twitter zerquetscht. Wenn wir dem Jahr 2010 bereits ein Motto geben könnten, so hieße dieses: „Ich suche keine News mehr. Sie finden mich.“

Seit dem Relaunch von Digg sind die Zugriffszahlen in den USA um 26 Prozent gefallen, in Großbritannien waren es sogar 34 Prozent (Quelle: Hitwise). Die Umstellung fand im August statt, doch schon zuvor schien Digg einen festen Kurs Richtung Keller eingeschlagen zu haben: Laut QuantCast hat die Zahl der Unique Visitors in den Staaten von April bis Juli von 27,1 Millionen auf 13,7 Millionen abgenommen.

Die Zahlen haben mich neugierig gemacht, weshalb ich mich für Referenzen im deutschsprachigen Raum umgesehen habe. Doch auch hier scheint der Trend eindeutig. Gemäß Alexa ist die Zahl der Nutzer von Yigg.de in den vergangenen drei Monaten (global betrachtet) um neun Prozent zurückgegangen. Noch dramatischer sieht es bei Mr. Wong aus, hier waren es über 26 Prozent.

Ein weiteres Beispiel? Gerne: Noch vor ein paar Monaten boomten unter Bloggern ganze Icon-Batterien mit Social Bookmarks, Plugins wie „SexyBookmarks“ waren obligatorische Einrichtungen für eine schnelle Post-Verbreitung im Social Web. Wo sind sie nun hin? Genau, Stück für Stück verschwinden die Link-Leisten und werden durch die neue Button-Dreifaltigkeit ersetzt: Embed-Knöpfe für Facebook, Twitter und Flattr (vielleicht noch für Buzz) – das war es.

Dienste wie Digg sollten einmal zweierlei Aufgaben übernehmen: Zum einen boten sie Nutzern die Möglichkeit, ihre Lesezeichen in der Cloud zu speichern. Zum anderen sollten sie eine Vorauswahl interessanter Web-Angebote treffen. Zu Spitzenzeiten rasten dennoch Zehntausende Links in den unterschiedlichen Kategorien an den Augen der User vorbei. Wer hat dazu noch die Zeit? In sozialen Netzwerken folge ich Gleichgesinnten und kann mir also sicher sein, dass die handverlesene Quellennennung mein Interesse wecken wird. Und von jedem Rechner aus verfügbar sind die Linktipps sowieso.

Ich erwarte also, dass schon in Kürze eine Konsolidierung im Social Bookmarking-Bereich eintreffen wird. Einige wenige Anbieter werden sich halten können, der Rest verschwindet einfach im Schatten der großen Netzwerke.

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