Journalismus

News-Gebläse Twitter: Diesen Medien sind ihre Follower völlig egal

By 21. November 2010 48 Comments

Das wird keiner dieser „Angeklagt!“-Posts; doch es juckt schon in den Fingern, ihn in diese Richtung zu drücken. Kollege Marek Hoffman brachte mich auf die Idee, einmal nachzuschauen, wer im Internet eigentlich abnimmt, wenn man anruft. Er hatte vor einiger Zeit auf Spiegel Online einen dicken Rechtschreibfehler in einem Artikel gefunden. Das kann schon einmal passieren, wenn man unter Zeitdruck einen Text backt, dessen Ingredienzien aus dpa, AFP, AP, einigen klugen Einwürfen und Füllwörtern bestehen.

Um sich ritterlich zwischen die zu erwartenden Leseranklagen und dem Urheber des Artikels zu werfen, machte er Spiegel Online in knappen Worten auf den Fauxpas aufmerksam. Dazu nutzte er Twitter, denn es war der offizielle Magazin-Account @spiegelonline, über den er die Nachricht aufgeschnappt hatte. Was dann geschah? Kurze Zeit später war der Fehler korrigiert, auf eine kollegiale Dankesnote wartet Marek hingegen bis heute vergeblich (er wird es verwunden haben). Doch es zeigt eines ganz deutlich: Offenbar mieten sich einige Damen und Herren der Medienzunft bereitwillig im Netz ein, um die Vorteile mitzunehmen – die nervige Kundenpflege aber bleibt aus. Warum auch? Hat man früher auch nie gemacht: Mit der monodirektionalen Kiste lässt es sich seit der Erfindung der Zeitung (im Jahr 1650 in Leipzig) ja ganz gut leben.

Halten wir also fest: Das Web 2.0 ist an den Verlegern nicht vorbei gegangen. Auch, wenn es kein progressives Fortschreiten aus eigenem Impuls gibt, so haben sie doch gelernt, von den neuen Kanälen zu profitieren. War „SEO“ viele Jahre lang das Schlagwort der Traffic-Generierung, so hat sich spätestens Mitte des vergangenen Jahres „SMO“ als ein weiteres hinzugesellt: Social Media Optimization. Die Chefs haben sich das Know-How von den US-amerikanischen Medien-Vorreitern abgesehen, oder – und das scheint häufiger der Fall zu sein – haben sich einen Typen eingeladen, der sich leger kleidet und nach eigenem Bekunden „vom Fach“ sei; einen, der im Meeting-Raum gesessen, Kekse geknabbert und einen Stapel PowerPoint-Slides zurückgelassen hat. Sobald sich der magische Rauch und damit auch der Typ verzogen hatten, klatschte man ambitioniert in die Hände und sagte: „Okay, wir machen das.“


Ein Tweet-Button oder RSS-to-Twitter ist schnell eingerichtet, es gibt heute eine Unzahl mehr oder minder zuverlässiger Dienste, die Feeds in mundgerechte Twitter-Happen inklusive Link aufbereiten. Dann fehlt nur noch der passende Account und schon kann das kostenlose Nachrichtenbombardement losgehen. Das machen einige Medien völlig selbstverständlich rein automatisiert, aber nicht alle. Und da ich mich nicht an der aktuellen Haudrauf-Kampagne des deutschen Blog-Rudels der Smartass-Miesmacher beteiligen will, habe ich auch einige erwähnenswerte positive Beispiele herausgesucht. Wer Tipps oder Anregungen (inklusive Verbesserungsvorschlägen) hat – immer her damit. Also, im folgenden eine schonungslose Liste jener Medien-Accounts, die Twitter nur nutzen, um kostenlosen Traffic auf ihre Seiten zu lotsen. Und eine Liste der Konten, die sich mit viel Mühe, Geduld und Empathie ihren Lesern zuwenden.

LISTE I
Wir freuen uns, dass Sie uns als stimmloses Leservieh folgen. Es bedanken sich:


@spiegelonline

Spiegel Online unterhält zig Accounts auf Twitter, zu viele möchte man meinen. Allen ist gemein, dass sie lediglich per Twitterfeed automatisiert ihre News rausblasen: Fragen werden nicht beantwortet, Leserfeedback nicht retweetet. @spiegelonline ist der stumme Riese der bundesrepublikanischen Medienwolke im Netz 2.0.


@sternde

Auch die Konkurrenz vom „Stern“ zählt zu den Traffic-Saugern. Doch es darf hier nicht unerwähnt bleiben, dass zumindest einzelne Mitarbeiter ein engagiertes Monitoring an den Tag legen, zuhören und von ihren eigenen Accounts antworten. Das ist erst letztens wieder passiert.


@focusonline

Dieser Account ist kaum auf der eigentlichen Magazin-Seite verlinkt und damit so gut vor der Öffentlichkeit versteckt, dass er wenig Schaden anrichten kann. Hier passiert wirklich gar nichts. „Focus“ hat es bis heute nicht einmal geschafft, Twitterfeed so einzurichten, dass die Tweets nicht Mitten im Satze abbr…


@handelsblatt

Auch beim „Handelsblatt“ hat Twitterfeed bei über 99 Prozent der Tweets die absolute Kontrolle. Um aus dem Grundrauschen des Info-Geballers hervorzustechen, hat man sich nach strategischen Überlegungen dazu entschlossen, jeder Kurzmitteilung das Wort „EXKLUSIV“ (Hervorhebung nicht von mir) voranzustellen. Hier gibt es nur EXKLUSIV-Meldungen.


@ftd_de

Twitterfeed at it’s best: Einmal eingerichtet und schon spuckt die Wundermaschine Echtzeit-News heraus. Wolken statt lachsfarbene Töne im Hintergrund, zwei Doppelpunkte pro Tweet sollen die Wucht jeder Meldung unterstreichen. Etwa: „Das will ich auch!: Die Stiermütze von Sebastian Vettel: Der Red-Bull-Pilot trägt zur Feier seines Weltmeisterti…“


@faz_topnews

Richtig geraten: Auch bei der FAZ gibt es feinstes RSS-to-Twitter. Um die eigene Arbeitsscheu aber zu kaschieren, wurde der Name der Relais-Station kurzerhand von „Twitterfeed“ in „FAZ.NET“ umbenannt und entsprechend verlinkt. Vielleicht ist ja ein Leser doof genug, darauf zu klicken…


@BILD_News

Bild zeigt sich nicht nur faul (Twitterfeed), sondern scheut sich auch davor, irgendjemanden zurück zu verfolgen, der nicht aus dem eigenen Haus stammt. Eine eigene Kurz-URL wurde angelegt, damit die Nachrichten von BILD_promis oder BILD_sport schneller retweetet werden können.


@bmonline

„Vor ungefähr 1 Stunde via twitterfeed“ – dennoch sei gesagt, dass hier Macher am Werk waren. Die Morgenpost Berlin hat es geschafft, ihren API-Automaten so zu trainieren, dass er nur Head- und Subheadlines berücksichtigt und nicht verwirrende Artikelversatzstücke (s.o.) mit in die Tweets zieht. Bravo.


@abendblatt_hh

Beim „Hamburger Abendblatt“, das wie die „Berliner Morgenpost“ auf Paid Content setzt und daher ihre Leser mit Handschuhen anfassen sollte, war es eine abendfüllende Aufgabe, überhaupt einen Account zu finden. Zwar gibt es eine Info-Page zu den Kanälen – doch die sind… alle verwaist? Der letzte Tweet von @abendblatt_hh wurde im April abgesetzt. Der offizielle Account @abendblatt_news hat bis heute nicht seinen Dienst aufgenommen. Ich würde ja über Twitter nachfragen, aber das wäre ein hoffnungsloser Versuch.



Und hier kommen schon die versprochenen positiven Beispiele…

LISTE II
Herzlich willkommen: Schön, dass Sie unser Leser sind – Sie werden es nicht bereuen! Es bedanken sich:

@fronline

Klein aber fein zeigt sich die „Frankfurter Rundschau“ bei Twitter. Man folgt den wichtigsten Wettbewerbern, Tweets werden noch per Hand verfasst, der Nutzwert für die Follower dabei herausgehoben. Wer eine Frage hat, wird höflich mit einer Antwort bedient.


@nzz

Bei der „Neue Zürcher Zeitung“ geht es ebenfalls freundlich zu, hier merkt der Nutzer schnell, dass er es mit Menschen und nicht mit einer seelenlosen News-Schleuder zu tun hat. Doch die NZZ verfolgt sicherheitshalber eine Doppelstrategie: Gleichzeitig wird auch der Kanal @nzzonline aufgebaut – allein per Twitterfeed.


@derwesten

„DerWesten“ (Nachrichtenportal der WAZ) lässt mehrere Themen-Accounts bei Twitter laufen – und die Hingabe, mit der jeder einzelne gepflegt wird, treibt einem schon fast die Tränen in die Augen. @DerWesten ist das Paradebeispiel bester Leserbetreuung: Nachrichten werden manuell gepostet, Fragen werden aufgegriffen, Kritik beantwortet, Anregungen ernsthaft geprüft. Jeden Morgen wird man sanft geweckt und abends mit beruhigender Nachtlektüre in die Bubumaschine entlassen. Die Redaktion dankt es jedem Follower, der die Nähe zum Newsdesk sucht, mit einem Follow-Back. Weiter so!


@ksta_news

Hinter dem Account des „Kölner Stadtanzeigers“ steckt (unter anderem) die wunderbar intelligente und sympathische Christine Badke, die für jede Anregung der Leser offen ist. Es wird ausschließlich per Hand getwittert, zudem scheut sie sich nicht davor, auch auf dritte Quellen zu verlinken: Der Leser und seine gesuchte Information stehen nun einmal im Vordergrund. Die Follower aus dem Rheinland fühlen sich hier sofort gut aufgehoben.


@zeitonline

Die Twitter-Redaktion der „Zeit“ ist ressortübergreifend mit mehreren Schreibern besetzt – jeder kommt einmal an die Reihe, jeder hat etwas Kluges zu sagen und geht auf die Bedürfnisse der Follower bei Bedarf ein. Ein schönes Beispiel dafür, dass auch überregionale Wochenblätter sich durchaus greifbar im Netz präsentieren können.


@tazgezwitscher

Die „Tageszeitung“ („enabled by über 10000 Genoss/innen“) zeigt, dass man das Streuen von News rund mit einer ordentlichen Portion Humor und vor allem Selbstironie würzen kann. Die Artikel werden durch neugierig machende Sprüchlein angeteasert, wer in der Followerschaft fragend oder mahnend mit dem Finger aufzeigt, wird prompt bedient.


@wiwo

Bei der „WirtschaftsWoche“ hat man gelernt, wie es geht: Hier wird nicht nur gesprochen, sondern auch zugehört. Denn wer versteht es besser, den Nutzwert einzelner News für sich herauszukitzeln – als der Leser selbst? Deshalb finden wir bei @WiWo häufig Retweets von Follower-Tweets, die auf das Angebot der Zeitung verweisen. Zudem werden die Accounts der jeweiligen Redakteure (sofern bekannt) mit in die Kurznachrichten aufgenommen.


@mopo

Es war klar, dass der Boulevard auch bei Twitter den Hang zur Zote nicht wird ablegen können, aber manchen gefällt es eben. Der Leser wird zum Mitmachen gebeten („Haben Sie illegal Musik aus dem Internet heruntergeladen?… Melden Sie sich: s.sXXX@mopo.de“) und genau dieses Konzept geht auf. Einziges Manko: Twitter könnte ein wenig häufiger bedient warden, an manchen Tagen erscheinen nur zwei, drei Tweets.


@RPonline

Fälschlicherweise war die „Rheinische Post“ zunächst in der ersten Liste gelandet. Warum? Nun, man verliert schnell den Überblick bei all den Themen-Accounts. Unter @RPonline hat sich jedoch die Redaktion nur für sich ein kleines Zuhause eingerichtet und plaudert munter mit der Zielgruppe. Interessant ist es auch, die Gespräche mit anderen Redaktionen zu belauschen. Jetzt nur noch das Design aufpeppen (Wolkenhintergrund) und man kann es nicht mehr besser machen.


@Abendzeitung
Auch die „Abendzeitung“ darf nicht vergessen werden. Es wird viel kommentiert, retweetet und replied. Das Münchener Boulevardblatt bewegt sich nah an den Bedürfnissen des Publikums und ist jederzeit offen für Kritik. Die User danken es mit reger Beteiligung: Da kann auch schon einmal aufgrund eines Hinweises nachträglich die Überschrift geändert werden. Prima!


@weltonline

Die Welt Online hält die Waage: Twitterfeed läuft im Hintergrund immer, jedoch greifen die Redakteure bei Bedarf auch mit eigenen Meldungen in den Info-Stream ein. Auf diese Weise verhallt keine Leserfrage im leeren Raum und man hat als Follower das Gefühl, im schnelllebigen News-Geschäft jederzeit um ein kleines „Time-out!“ bitten zu können.


@weltkompakt
Frank Schmiechen – wie konnte ich ihn vergessen? Enger kann eine Zeitung seine Leser nicht an sich binden, @weltkompakt ist einer der wenigen Accounts, die es vorgergründig nicht auf schnöden Traffic-Boost, sondern auf eine aufgeschlossene Unterhaltung mit der Followerschaft angelegt haben. Toller Job, toller Mann (siehe auch Kommentar)!


@derfreitag
Bei meiner Zeit bei Basic Thinking war ich den Jungs und Mädels (alle namentlich in der Twitter-Bio genannt) von @derfreitag immer sehr dankbar: Hier scheut man sich nicht, die Leser auch einmal über den Tellerrand blicken zu lassen. Das hat sich bis heute nicht geändert: Kommunikation und Information im schönen Doppelpack!


@HAZ

Hinter dem Twitter-Konto der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ steht Marcus Schwarze, der ebenso furchtlos wie gerne auch einmal auf andere Seiten verlinkt. Replies und Retweets sind an der Tagesordnung, die Nutzer sind gut aufgehoben. Jetzt nur noch die Taktfrequenz ein wenig anheben und ich ziehe nach Hannover.


@rheinzeitung
Natürlich darf auch die fröhliche „Rheinzeitung“ in dieser zweiten Liste nicht fehlen. Als regionals Blatt hat es das Team per Twitter geschafft, das Medium über die Grenzen hinaus bekannt zu machen. Wie? Mit Ausdauer und noch mehr Liebe zum Detail: Hier hat man als Leser das Gefühl, neben dem Newsdesk zu stehen.


@express24

Die Stammlektüre aller Kölner Taxifahrer ist ebenfalls auf Twitter vertreten. Wie die „Hamburger Morgenpost“ (s.o.) versteht es der „Express“, seine Leser (die er duzt) gekonnt zu umgarnen. Diese machen gerne mit, schicken News-Tipps oder Verbesserungsvorschläge an die Redaktion, die freundlich mit einem knappen „Danke dir, haben wir aufgenommen!“ antwortet. Ein sehr sympathischer Account.

Update, 16.45 Uhr

Ich bin über das große Interesse mehr als überrascht. Noch mehr überraschen mich die vielen Empfehlungen für weitere, positive Beispiele. Mancher Leser reagierte gar empört, als er seine Lieblingszeitung / sein Lieblingsmagazin nicht in der zweiten Liste wiederfand – was ich nach Begutachtung des jeweiligen Kontos umgehend korrigierte.

Man sieht, dass es die fleißigen Verlage durchaus geschafft haben, mit ihrer offenen und kommunikativen Art, das Publikum fast schon symbiotisch an sich zu binden: ganz klar profitieren hier beide Seiten von der Zusammenarbeit. Vielleicht kommen die Vertreter aus Liste A auch irgendwann auf den Trichter.

 

About André Vatter

Leidenschaftlicher Social Median und Blogger aus Hamburg. Mehr erfahren.

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