Warum die Castor-Kampagne von Sixt einfach nur bescheuert ist

Scroll

Eines muss man neidlos zugeben: Jung von Matt ist gut. Die Jungs haben vielen anderen Agenturen eines voraus, denn sie sondieren nicht nur das emotionale Alltagsterrain der Bundesbürger, sondern verfügen darüber hinaus über das Talent, um just im richtigen Moment auch die richtige Ansprache dafür zu finden. Die Sixt-Sache mit Ulla Schmidt und der Dienstwagenaffäre war lustig, weil es uns gefiel, dass mal eine Institution mit ein wenig Wumms in der Hinterhand es denen da oben zeigt. Ebenfalls lustig war die Replik zum Blumenkübelgate, denn sie zeigte uns, dass wir gehört werden, wenn die Community virale Gags im Netz herumschießt. Und die Pilotenstreik-Klamotte? Mein Gott, was haben wir gelacht und wie viel hat Sixt davon profitiert…

Jung von Matt hat es bislang verstanden, das Gefühl von „wir“ und „die da drüben/oben“ hervorragend kommerziell zu instrumentalisieren, ohne dabei irgendwelche größeren Schäden anzurichten. Die Botschaft: Mit Sixt liegen wir alle auf einer Wellenlänge – diesem Autovermieter kann man ruhigen Gewissens vertrauen, immerhin weiß er, was in unseren Köpfen vor sich geht; Sixt liest unsere Wünsche und Sehnsüchte von den Lippen ab, ehe wir sie ausgesprochen haben.

Umso erstaunlicher ist es, dass Jung von Matt nun riskiert hat, diese jahrelang angehäuften Vorschusslorbeeren an einem einzigen Tag zu verspielen. Ich weiß nicht, ob es herbstlicher Übermut war oder der Befehl eines zweiten Klienten, jedenfalls fand es die Agentur witzig, die aktuellen Demonstrationen gegen die Castor-Transporte auf die Schippe zu nehmen. Offenbar hat die Kunde vom eigenen Fehlverhalten die verantwortlichen Projektleiter noch nicht erreicht, denn im Sixt-Blog heißt es weiterhin stolz:

In einer beispiellosen Guerilla-Aktion haben sich dazu kurzerhand einige Anhänger der Pullacher „Van&Truck“-Sparte unter die Castor-Gegner gemischt um dort ihre, als Castor-Protest getarnte, Botschaft zu platzieren. Denn im Gegensatz zu den üblichen Anti-AKW-Parolen las man im Getümmel der Demonstranten plötzlich den geschickt formulierten Slogan: „Stoppt teure Transporte! Mietet Van&Truck von Sixt!“

Dazu konnte man sich nicht verkneifen, ein Video ins Netz zu stellen – offenbar mit der Hoffnung verbunden, dass dieser jüngste Coup per Mundpropaganda hastig die Runde im Netz macht:

Das war es. Keine Rede mehr von „Wir sind Teil der Gruppe!“ – es gleicht eher einem herzlichen „Leckt uns am Arsch, ihr Ökodeppen!“. Jung von Matt macht aus dieser neuen Parole keinen Hehl mehr, immerhin heißt es im Blog dazu: „Und das alles kostengünstig gefilmt, dokumentiert und verbreitet von der zahlreich erschienenen Presse“. Dass Sixt die Proteste rund um den Castor-Transport missbraucht hat, schlägt derzeit vielen auf den Magen und das aus verständlichen Gründen. Die Länder haben 20.000 Polizisten in den Einsatz geschickt, dem gegenüber stehen einige tausend Demonstranten – Bauern, Studenten, Familien – die dagegen kämpfen, dass radioaktiver Müll in ihrer Nachbarschaft verschimmeln soll. Es flogen Steine, Schlagstöcke und literweise Pfefferspray durch die Luft. Erste Polizisten vertrauen sich der Presse an und verkünden, dass sie es satt haben, ihren Kopf für politische Fehlentscheidungen hinzuhalten: „Die Politik vergackeiert uns zunehmend, und, was noch schlimmer ist, sie ignoriert den Willen der Bevölkerung“, sagen die Gesetzeshüter.

Jung von Matt setzt sich über all dies hinweg, zieht die Proteste ins Lächerliche und damit gleichzeitig auch die Sorgen der potentiellen Zielgruppe. Wie geht es weiter? „Günstige Mietwagen gibt es bei Sixt!“-Anzeigen, wenn wieder einmal ein Kind gesucht und fieberhaft nach einem blauen Kombi gefahndet wird? „Für wenig Geld mal wieder die alte Heimat besuchen!“-Transparente bei der nächsten Moschee-Demo?

Was immer die Agenturler mit dieser Aktion bezwecken wollten: Sie dachten wohl, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können. Immerhin zählt ja auch der Atomenergie-Riese RWE zum Kundenstamm – dem diesjährigen Weihnachtskärtchen aus Essen dürfte also ein kleiner Scheck beiliegen. Die Pro-AKW-Arbeit liegt jedenfalls voll auf der Linie von Jung von Matt. Erst vor wenigen Monaten hat die Agentur im Namen von 40 deutschen Top-Unternehmen einen offenen Brief an Frau Merkel formuliert, in dem für ein Festhalten an der Kernenergie geworben wird.

10 Kommentar

Kommentare sind geschlossen.