Wikileaks.org-Kill: Die Kollateralschäden des billigen Copy&Paste-Journalismus

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Was haben wir alle gelacht; damals, als Karl-Theodor von und zu Guttenberg plötzlich einen weiteren Vornamen untergeschoben bekam. Die Aufregung war groß, Guttenberg rückte gerade als neuer Bundeswirtschaftsminister an die Front und im Eifer des Gefechts fielen reihenweise Redaktionen auf den Wikipedia-Scherz herein. Recherchieren? Ich habe doch Google! Und so erschien Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Wilhelm Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg auf den Titelseiten – der „Wilhelm“ war das Kuckucksei!

Ein solcher Vorfall ist amüsant bis belustigend, immerhin ist kein wirklicher Schaden entstanden; ein paar Ziegelsteine sind aus den Elfenbeintürmen der deutschen Leitmedien herausgefallen, nichts, was nicht mit ein paar lupenreinen Exklusiv-Stories wieder auszubügeln wäre. Doch wie folgenschwer derlei Copy&Paste-Journalismus wirklich sein kann, hat nun im Zuge der Wikileaks.org-Schließung ein kleiner DNS-Hoster aus Toronto erleben müssen.

Es war der kostenlose Anbieter EveryDNS.org, der die Domain bislang Wikileaks zur Verfügung stellte. Am Abend des 2. Dezember hatte der Dienst der Plattform plötzlich den Stecker gezogen. Die offizielle Begründung lautete, dass es zuvor massenweise DDOS-Attacken auf die Seite gegeben habe – da neben Wikileaks.org rund 500.000 andere Domain-Namen verwaltet werden, befürchtete man hier Beeinträchtigungen der Stabilität. Ob und in wie weit der Schritt nachvollziehbar ist, will ich an dieser Stelle nicht bewerten.

Tatsache ist jedoch, dass in Sekundenbruchteilen die Medien auf den Rauswurf aufmerksam wurden und die Meldungen ihre Runde machten. Einer der ersten schreibenden Impulsgeber (der genaue Ursprung ist nicht bekannt) verbreitete die korrekte Nachricht, dass Wikileaks.org seinen Domain-Namen verloren habe. Nicht korrekt in dem Artikel war jedoch der Name des Hosters, der plötzlich als „EasyDNS“ (nicht „EveryDNS“, s.o.) lanciert wurde. Ein kleiner, aber grundlegender Fehler, der schnell zum Selbstläufer wurde: Es gibt virale Distributionen im Social Web – noch wilder scheinen derlei Nachrichten nach ihrem Roll-Out aber im Medien-Metier zu grassieren. Dutzende von Redaktionen griffen die Meldung auf, EasyDNS habe gekniffen und Wikileaks im Stich gelassen. Im Echtzeit-Longtail hagelte es Tweets und Status-Updates bei Facebook: die Troll-Horde innerhalb des interessierten Publikums war entfesselt und stieß wüste Beschimpfungen gegen EasyDNS und den Chef des Unternehmens, Mark Jeftovic, aus. Dieser versuchte gegenzusteuern:

This is not correct,
1. Wikileaks is not with easyDNS
2. easyDNS is not everyDNS.net

Niemand hörte zu. Sowohl die User als auch die Medien präsentierten sich während der anhaltenden Empörungseuphorie nachweislich als faktenresistent: „@easydns WRT your treatment of WikiLeaks, thanks for letting us all know how unreliable your pathetic company is.“ Angeschriebene Redaktionen reagierten gar nicht oder nur langsam – wenn sie es taten, wurde auf eine offizielle Richtigstellung verzichtet, man änderte einfach den Namen, damit war die Sache gegessen.

Schnell spaltete sich das Netz in zwei Lager: Die einen huldigten nach wie vor der Falschmeldung, andere versuchten EasyDNS zu helfen und machten im Namen des Unternehmens die Medien auf den Fehler aufmerksam. Gawker, beispielsweise, wurde von Reddit-Usern mit Hinweisen bombardiert. Die Redaktion antwortete jedoch nicht diesen, sondern Mark Jeftovic:

„If you and your moronic colleagues continue to email us, we’ll be happy to write about your company’s harassment tactics and explain to readers why they should avoid doing business with you at all costs.“

Die Situation eskalierte, als die „New York Times“ auf den „EasyDNS“-Zug aufsprang (mittlerweile gibt es folgenden Hinweis im Post: „An earlier version of this article incorrectly stated that a company named EasyDNS.net had severed its relationship with WikiLeaks. In fact it was another company, EveryDNS.net — one of many companies that manage the underlying domain name system of the Internet — that stopped providing its service to the whistle-blowers’ Web site on Thursday.“). Whoopsie! Die „Huffington Post“ und der „Guardian“ übernahmen die Falschmeldung, korrigierten die Artikel im Nachhinein. Der „Guardian“ entschuldigte sich bei seinen 1,6 Millionen (!) Followern für den kleinen Fauxpas, derselbe Kanal wurde zuvor für die Verbreitung der ursprünglichen Nachricht genutzt. Hat es etwas gebracht? Zur Stunde sind auch deutsche Magazine und Blogs nach wie vor felsenfest davon überzeugt, dass „EasyDNS“ neben Amazon und PayPal der Buhmann des Wikileaks-Desasters ist.

Jeftovic sitzt nun im Scherbenhaufen (Kunden haben bereits ihre Kündigungen eingereicht) und resümiert resignierend in seinem Blog über den „Epic Fail“ der internationalen Online-Medienlandschaft. Der Druck des Echtzeitnetzes hat sich wieder einmal gezeigt: Quellen werden ungeprüft übernommen, Agenturmeldungen kritiklos verarbeitet – es mangelt an Kapazitäten, an Know-How und vor allem an Zeit. Das User-Engagement ist so hoch wie nie, jedes polarisierende Thema ist der goldene Weg zum Traffic. Details bleiben auf der Strecke und jeder Kollateralschaden wird dafür billigend in Kauf genommen. Die nächste „lupenreine Exklusiv-Story“ wird den Vertrauensverlust ja wieder ausbügeln…

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