Informationsdistribution heute: Der Abschied vom On-Demand-Netz

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„RSS ist tot!“ – diese These ist nicht neu, sondern geistert bereits seit Mitte 2009 durch das Internet. Seinerzeit hatte Steve Gillmor von TechCrunch feierlich erklärt, dass es an der Zeit sei, „RSS in Ruhe zu lassen“ und gänzlich auf Twitter umzusatteln: „RSS bringt es einfach nicht mehr“, so sein Fazit. Die Proklamation brachte eine globale Diskussion um den Wert von RSS und Social Media als Gegenspieler in Gang; das Publikum spaltete sich schnell in zwei Lager, die sich auf das Heftigste angriffen. Dabei ist eine eigene Meinung zum Thema eigentlich eher nebensächlich. Das Internet entwickelt sich in eine ganz eigene Richtung, ob wir wollen – oder nicht. Da hilft es auch nicht, wenn gerade wieder einmal eine weitere Hysteriewelle der Pro-RSS-Bewegung an allen Ufern aufschlägt.

Tatsache ist, dass RSS im vergangenen Jahr weiter an Bedeutung verloren hat. Die US-Suchmaschine Ask.com hatte sich dazu entschlossen, den hauseigenen (und recht populären) RSS-Reader Bloglines für alle Nutzer einzustampfen. Als Begründung wurde angeführt, dass RSS unter der wachsenden Dominanz von Twitter, Facebook und Co. langsam zerdrückt würde. Der Dienst tauge nur noch als Informations-Backbone, als Infrastruktur im Hintergrund, über die nun immer häufiger Social Media-Kanäle bedient würden. Die Endanwender selbst würden verstärkt nach Echtzeitinformationen rufen – ob RSS als Vehikel bis zum Tweet oder zum Status-Update benutzt wurde, sei den meisten dabei völlig egal.

An diesem Argument ist etwas dran. RSS scheint ein Relikt des On-Demand-Gedankens. Mit seinem Entstehen im Jahr 2000 wurde eine neue Form der Informationsdistribution geboren: Nachrichten wurden nicht länger zeitintensiv gesucht – sie wurden gepusht. Nutzer bekamen die einstmals manuell recherchierten Informationen nun direkt in ihre Reader geliefert, entweder nach Thema oder Medium sortiert; man bekam das vorgesetzt, wonach man verlangte. Ein Klick auf die Überschrift öffnete den kompletten Artikel.

RSS gab den Nutzern die Kontrolle über den Informationsstrom – anders, als man es beispielsweise vom Fernsehen her kannte, das nach dem Prinzip Berieselung funktioniert. Man schaltet den Apparat ein und ist dem laufenden Programm ausgeliefert. Will man etwas Bestimmtes sehen, muss man warten: bis zwanzig Uhr für die „Tagesschau“, bis 23 Uhr für die Dokumentation und am Sonntagabend kommt seit jeher der „Tatort“. Der TV-Branche ist nicht entgangen, dass der aufoktroyierte Content-Mix früher oder später frustrierte Zuschauer zur Folge hatte – und hat dementsprechend umdisponiert. Das Fernsehen mausert sich immer weiter zum On-Demand-Dienst: Mediatheken enstehen, es gibt kostenpflichtige Film-Abrufe, Video-Podcasts, Online-Rekorder und Funktionen für Time-Shifting. Das TV-Publikum genießt heute eine nie gekannte Macht: Es bestimmt immer häufiger, was es ansieht, wann es sieht und wie es sieht (etwa bei der Auswahl der Formate).

Skurrilerweise hat das progressive Medium Internet offenbar die Gegenmarschroute eingeschlagen. RSS, als Symbol der Freiheit, sich im Informationsstrom nach Belieben bewegen zu dürfen, wird in den Hintergrund gedrängt. Die Social Communities geben den Takt bei der News-Beschaffung an: Facebook hat Google in dieser Hinsicht als Traffic-Lieferant Nr. 1 bereits abgelöst. Tatsächlich ist es so, dass das Netzwerk in den Vereinigten Staaten im Jahr 2010 sogar mehr Klicks bei den Nutzern provozierte, als es die Suchmaschine vermochte.

Diese neue Dynamik der Übertragungswege hat Einfluss auf die Chronologie der Informationsproduktion, ebenso wie auf die Rezeption. Es wird immer schwieriger, den Anfang oder das Ende einer Entwicklung nachzuzeichnen – die Mashup-Kultur des Internets fördert das Nebeneinander und nicht das Nacheinander. Das viel diskutierte „Echtzeitnetz“ ist ein mehrdimensionaler Raum, angefüllt mit mittlerweile mehreren Milliarden von Stimmen. Hier ist es nicht nur wichtig, was gesprochen wird, sondern auch in welchem Zeitrahmen dies passiert.

Es wird also wieder vermehrt gezappt, mal in dieser Facebook-Gruppe, mal in jener Twitter-Liste. Was früher die Sendezeiten waren, sind heute die Leute, denen man folgt oder deren Fan man ist. Hier erwarten den Nutzer Informationen, die nicht thematisch aufbereitet sind, sondern nach subjektiven Kriterien der Relevanz selektiert wurden. Von außen betrachtet, haben wir es hier mit einer nachvollziehbaren Entwicklung zu tun. Das Wissen der Menschheit vergrößert sich rasch, man geht davon aus, dass es sich alle zehn Jahre verdoppelt – und immer weiter verlagert sich dieses Wissen dank der Digitalisierung ins Internet. Um nicht Opfer der Informationsexplosion zu werden, setzt der Mensch wieder auf das Soziale, auf die „Hast du schon gehört?“-Frage des Nachbarn. Der menschliche Filter des Social Web hilft dabei, dem Information-Overflow Herr zu werden, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, die Signale im Rauschen zu erkennen und die Reizstimulation auf das Wesentliche zu beschränken. Die Kosten dafür sind aber auch die Aufgabe der autonomen Informationsbeschaffung, die selbst vorgenommene Selektion.

Und damit noch einmal zurück zur neu entflammten Diskussion rund um RSS: Man kann nun dazu stehen, wie man möchte. Man mag es bedauern. Fest steht, dass es mit der Zeit immer schwieriger und eines Tages sogar unmöglich sein wird, den Reader nach bedeutsamen Informationen abzusuchen. Dazu wird uns einfach die Zeit fehlen.

Foto 1: Flickr, Fotograf: Purpcheese
Foto 2: Flickr, Fotograf: Goldberg

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