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Technikfeindlichkeit: Jede Prothesen-Kommunikation hat ihre Mitwisser

By 20. Januar 2011 3 Comments

Ich komme gerade von der Uni Hamburg zurück, wo Nelson Mattos von Google einen Vortrag zum Thema „The Future of the Web: Challenges & Opportunities“ gehalten hat. Ich möchte vorausschicken, dass es ein sehr angenehmer Abend war. Ebenfalls vorausschicken möchte ich, dass ich folgendes Fazit nicht am Unternehmen Google oder eines seiner Produkte festmache. Sondern eher an der daran reflektierten Stimmung im Publikum.

Mattos zeigte sich anfangs verlegen, vor zwei Jahren habe er bereits einmal an der Hamburger Uni referiert, damals sei die Stimmung recht kritikfreudig gewesen. „Ich hoffe, Sie bewerfen mich nicht mit Eiern und Tomaten“, sagte er vorsorglich. Doch das Plenum blieb ruhig, immerhin hatte man hier einen Weltkonzern im Haus und vielleicht kann man von dem auch noch etwas lernen. Mattos plauderte ein wenig über die Geschichte des Internets, über das exponentielle Wachstum, den Dienste-Boom und die Gesamtentwicklung, die einer eigenen Evolution unterliegt: Seiten und Anwendungen, die populär sind (wie Facebook), werden weiterentwickelt und gepusht. Andere, die unpopulär sind (sagen wir Google Wave), verschwinden nach kurzer Zeit wieder in der Versenkung. Betrachtet man das alles aus dem sozialen Kontext, lassen sich tiefgreifende gesellschaftlichen Veränderungen nicht leugnen.

Er brachte das schöne Beispiel der beiden zehn- und zwölfährigen Mädchen, die sich im Jahr 2009 in einem Kanal verlaufen hatten – und anstatt die Polizei mit dem Handy anzurufen, lieber ein hilfesuchendes Statusupdate bei Facebook veröffentlichten. Das Publikum lachte, doch Mattos blieb ernst: „In zwanzig bis dreißig Jahren, werden dies die Menschen sein, die auf der Welt das Sagen haben. Das kann man nicht ausblenden.“ Da hat er unzweifelhaft Recht.

Augen und Ohren in n-facher Potenz

Ob Google, Microsoft oder Apple, ob Twitter, Facebook oder Foursquare: das Spiel birgt Vor- und Nachteile. Wir erleben gerade eine zögerliche Experimentierphase der Machbarkeit und lernen, wie man wovon profitieren kann (beispielsweise im Gesundheits- oder Bildungssektor). Auf der anderen Seite gräbt sich das Internet immer weiter in unser Privatleben hinein, was bei vielen eine große Angst hervorruft. Dabei vergessen wir oft: Jede Prothesenkommunikation hat ihre Mitwisser. Wer nicht selbst der Überbringer einer Nachricht ist, schaltet zwangsläufig einen Dritten als Boten ein. Das fing mit der Post an und ging weiter mit dem Telegrafen. Das Fräulein vom Amt war über bilaterale Gespräche bestens im Bilde, mit der Erfindung des Selbstwähldienstes wussten die Telefonanbieter über unsere Verbindungen Bescheid. Die Empörung hielt sich in der ganzen Geschichte in Grenzen, da man zum einen den Nutzen pauschal über die Kehrseiten stellte und sich diese – bei näherer Betrachtung – auch gar nicht als so schlimm erwiesen. Und heute haben wir das Internet, nein: sogar das Web 2.0! Heute bedienen wir uns fremder Dienste, die Augen und Ohren in n-facher Potenz haben, verglichen mit all dem bisher Dagewesenen – das stimmt. Allerdings hat sich am System „Lauschangriff“ nichts verändert.

Warum stellen wir uns also jetzt so quer? Mattos plädierte unternehmenspolitisch augenscheinlich dafür, die Wahrung unserer Privatsphäre den Algorithmen, der Selbstregulierung zu lassen. Dem gegenüber stehen Frau Aigner und all die anderen Netz-Apostel, die immer wieder der Versuchung erliegen, den Gesetzestext parallel zum Wachstum des Internets zu vergrößern. Und diese Idee findet subjektiv betrachtet immer mehr Anhänger.

In der abschließenden Frage-und-Antwort-Runde zum Vortrag (der sich – ich will es noch einmal erwähnen – um die Zukunft des Internets drehte) wurden rund zehn Fragen gestellt. Alle beschäftigten sich mit dem Thema StreetView, mit dem Datenschutz und Privacy-Bedenken: „Wie können wir sicher sein, dass Google die Daten auch wirklich löscht, wenn wir dies beantragen?“, war eine der Fragen. „Der Datenschutz stellt einen Antrag und kann dann auf unsere Festplatten schauen“, war die Antwort. Wurde der Fragesteller damit besänftigt? Ich glaube kaum.

Wir können den beiden Mädchen verbieten, Facebook als Notrufsäule des 21. Jahrhunderts zu nutzen, sicher – das können wir mit einem allumfassenden Paragrafen. Die Frage ist, ob unser analoges Siemens Gigaset mit Pay-per-Call aber tatsächlich das Medium sein soll, mit dem unsere Nachkommen im Jahr 2030 ihre Kommunikation abwickeln. Wollen wir uns darauf verständigen, Innovation hier und jetzt und ein für alle Mal einzustellen?

Datenschutz ist eine wichtige Angelegenheit. Aber anstatt mit der Rechtskeule ein ausuferndes Lex Internet jeden Tag größer und detaillierter zu schmieden, sollten wir lieber auf Aufklärung setzen. Kinder sollten heutzutage nicht nur wissen, dass alle geteilten Inhalte oft öffentlich und meist von sehr langer Dauer sichtbar sind. Sie sollten zusätzlich wissen, wer ihre Inhalte verwaltet und welche Interessen der Anbieter verfolgt. Der evolutionäre Prozess des Internets trifft eben auch auf den Online-Datenschutz zu: Denn wir haben die Wahl, ob wir diesen oder jenen Dienst nutzen. Wir können bestimmen, wo wir unsere Spuren hinterlassen und wo nicht.

Bild: Wikipedia

About André Vatter

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