An die schreibende Zunft: Wie man eine Bombe richtig zündet (Anleitung)

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Vergessen wir „Exklusiv“-Meldungen, von nun an gibt es nur noch das „Exposing“ von „Leaks“! Julian Assange hat in der jüngsten Vergangenheit nicht nur US-Militärs und den Botschaftern gehörig vor das Schienbein getreten, er hat vor allen Dingen und an erster Stelle den internationalen Journalismus verändert. Dabei lag angesichts knapper Verlagskassen die Einbeziehung der Leser doch all die Zeit so nahe! Nun boomt es also, das kollektive Denunziantentum, der Bürgerjournalismus und der Hyperlokalismus. Das aufwändige und kostspielige Investigativgewühle wird von willigen (da oft enttäuschten) Lesern erledigt, die neue Aufgabe des Redakteurs ist nun die Proklamation des „Hop oder Top!“-Prädikats – die Verifizierung der Quellen folgt dann in einem der späteren Schritte. Doch dazu später mehr.

Die Einschläge kommen also immer näher, immer mehr professionelle Journalisten oder Blogger üben sich am Bombenbasteln, die dann auf einem öffentlichen Schlachtfeld abgeworfen oder gezündet werden. Ein Funkenregen wird gewünscht, ein bombastisches Feuerwerk am Medienhimmel, das die Wirtschaft, die Politik oder den Typen von nebenan mit einem Donnerschlag bis ins Mark erschüttern soll!

Soweit die Vorstellung. Tatsächlich gibt es kaum eine andere journalistische Fertigkeit, die (vor allem in Deutschland) so stümperhaft angegangen wird, wie das ordentliche Zünden einer Bombe. Ich kann mit aller Bescheidenheit sagen, dass ich selbst die eine oder andere Höllenmaschine am Schreibtisch zusammengezimmert habe und damit ebenso den einen oder anderen „Puff!“ erzeugen konnte. Deshalb setzte ich es mir zum Ziel, ein wenig Schwung in die Leaking-Bewegung zu bringen. Deshalb hier nun der ultimative Leitfaden für all die Assanges und Möchtegern-Assanges dieser Welt. Wer dieser Bombenbauanleitung folgt, kann nur alles richtig machen.

1. Der Schutz der Infodiebe

Alles beginnt mit dem Tippgeber. Der Schutz von Kronzeugen ist auch im redaktionellen Metier ein großes Thema. Zum einen dient er dem Renommee des Mediums – immerhin wissen so auch andere potenzielle Infodiebe, dass ihre Namen im Fall der Fälle unter Verschluss bleiben werden und keine Folgen zu befürchten sind. Wer seine Informanten gewollt oder unachtsam preisgibt, betreibt selbst schädliches Leaking und das wahrscheinlich zum letzten Mal. Zum anderen kann ein solches Bloßstellen eben auch rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen, etwa, wenn der Informant mit einer plötzlichen Scheidung, dem Job-Rauswurf oder dem Genickschuss in einer dunklen Seitengasse konfrontiert wird. Deshalb gilt: Während der Recherche, bei der Veröffentlichung und bei der medialen Nachlese schön die Klappe halten. Wobei… in Deutschland, das ja von Reporter ohne Grenzen als pressefreiheitliches Entwicklungsland eingestuft wird, steht der Informantenschutz ja aus ganz anderen Gründen auf wackeligen Beinen.

2. Der Transport der Bombe

Das Seeding – also das vorsichtige Streuen von schmackhaften Infobröckchen – stellt das A und O jeder Bombe dar. Natürlich kann man Exklusivmeldungen auch ohne Vorab-Teaser veröffentlichen, doch das ist langweilig. Niemand will Longtail-Tumulte, einen Skandal, der sich wie Kaugummi durch die träge Medienlandschaft zieht. Nein, wir setzen auf den Knalleffekt mit sorgfältiger Vorbereitung! Als Köder dienen hier diffuse Mikromitteilungen, die das Publikum kurzen Wahrheitsblitzen aussetzen: man nennt Ort, Zeit, beteiligte Personen oder Unternehmen, aber in einer Form, dass nie ein ganzes Bild entsteht. Idealerweise nutzt man dazu die Social Media-Kanäle, da man keine halbfertigen Meldungen in sein etabliertes Medium stellt – das gehört sich einfach nicht. Wer die Kunst der Streuung beherrscht, sollte sich beim nächsten Leaking-Projekt dann auch mal in der Meisterdisziplin versuchen, dem…

3. Minenlegen für Profis

Auch hier geht es darum, einen kleinen Vorabwirbel zu verursachen. Doch anstatt direkte Andeutungen zu machen, lässt man die Teaser als bittere Unfälle erscheinen. Vielleicht hat ein Mitarbeiter einige News-Hintergründe eigenmächtig über seinen privaten Twitter-Account verbreitet, vielleicht waren aber auch Teile der Meldung schon für Sekundenbruchteile auf der Website zu sehen – wer weiß? Dass es sich bei diesen Beispielen um menschliches Versagen handelte, sollte unterstrichen werden, indem der betreffende Content nach dem ersten Retweet beziehungsweise nach der ersten Publikumsnachfrage demonstrativ hastig gelöscht wird. Der öffentlichen Irritation begegnen Sie am besten mit einer trockenen Pressemitteilung: „Der betreffende Mitarbeiter hat heute unser Unternehmen verlassen.“ Oder: „Ein technischer Fehler hat zur versehentlichen Veröffentlichung einer Meldung geführt, die niemals für die Öffentlichkeit bestimmt war.“ Noch effizienter lässt sich die Neugier anheizen, wenn Sie kurzzeitig die Rollen tauschen und ihrem eigenen Medium in Kommentaren dummdreiste Unterstellungen machen. Sie werden sehen – das zieht!

4. Das Vermeiden von Bombenteppichen

Es gibt viele Prädikate, die Menschen zugeordnet werden. Wir seien Herdentiere und intellektgesteuert oder nur gut gelaunt, solange die Sonne scheint. Das ist alles Mumpitz. Das wohl bezeichnendste Merkmal des Menschen ist dieses: Anders, als jedes andere Tier auf der Welt, langweilt er sich schnell. Aufmerksamkeit ist kein habitueller Zustand, so dass eine Serie medialer Bomben schnell zum kollektiven Aufschrei „Ach, nicht schon wieder!“ führt. Testen Sie also vorher das Gelände, das Sie mit Ihrer Nachricht betreten. Ist der Skandal wirklich neu? Oder nur die ebenso lärmende wie nervende Nachgeburt eines vorherigen? Zudem spielt die Qualität der zu erwartenden Empörung eine Rolle. Es macht keinen Sinn, einen Knallfrosch zu zünden, wenn Spiegel Online erst vorherige Woche den China-Böller in die Menge warf. Halten Sie also den Finger in den Wind und finden Sie zunächst heraus, ob die Welt bereit für einen neuen Skandal ist.

5. Die Bombe nicht im Wohnzimmer zünden

Bevor es an die Recherche der Story geht, sollte zunächst an eine Recherche im eigenen Haus gedacht werden. Skandale sind eine tolle Sache – wirklich Spaß machen sie allerdings erst, wenn sie einen nicht selbst betreffen. Wer über das „gigantische Datenleck“ berichtet, sollte sicherstellen, dass etwaige Löcher im eigenen Datencontainer gestopft sind. Ist dies nicht der Fall, hat der bearbeitende Redakteur noch die Möglichkeit, seine Kündigung einzureichen, die Story mitzunehmen und auf eigene Faust eine Bombe zu zünden, die doppelt so groß als die ursprüngliche sein wird.

6. Richtig gute Bomben sind einmalig

Denken Sie daran: die Übersetzung von „Bombe“ lautet „Unique Content“. Der Skandal ist Ihr Baby, deshalb stellen Sie zunächst sicher, dass kein anderer über die Informationen verfügt, die Sie sich über dubiose Wege beschafft haben. Kommt Ihnen zu Ohren, dass ein Wettbewerber eine ähnliche Story plant, ist Eile angemahnt! Hauen Sie die Story raus, ehe die Konkurrenz bis Drei zählen kann, denn nur so können Sie sich später unter Applaus die Lorbeeren aufsetzen. Eine akkurate Recherche ist in diesem Fall eher hinderlich. Es sollten daher erst einmal nur die harten, abgeklopften Fakten veröffentlicht werden. Den Rest reichen Sie schnellstmöglich nach – sofern Sie nicht zu beschäftigt sind, dem Medium XY Ideenklau vorzuwerfen.

7. Das Platzieren der Bombe

Das verschnürte Paket legen Sie sodann auf den Altar Ihres Mediums. Die Bombe muss gut sichtbar platziert werden, möglichst in strategischer Ausrichtung mit ihrem Monetarisierungsmodell. Doch Vorsicht: Wer über dunkle Machenschaften beim Online-Geldtransfer berichtet, sollte diesmal den PayPal-Button lieber gut verstecken. Dasselbe gilt für ekelige Enthüllungen aus dem Fastfood-Sektor, die eben nicht von AdSense-Werbung umringt sein sollten, die schmackhafte McDonald’s-Burger zeigen. Sie lachen? Das ist alles schon passiert. Der Boden sollte zuvor also sauber gereinigt und auf etwaige Störfaktoren abgeklopft werden. Und zwar auf allen Kanälen, über die Sie die Meldung verbreiten.

8. Trügerische Ruhe vor dem Knall

Wer ein Bombenattentat plant, wird es auch durchziehen. Deshalb ist die Einweihung der bloßgestellten Personen oder Unternehmen im letzten Moment eigentlich nur Formsache – viele Betroffene hoffen tatsächlich, dass eine Kooperation Sie von einer Veröffentlichung absehen lässt. Doch Sie sind aus anderem Holz geschnitzt! Zeigen Sie sich verständnisvoll im Gespräch mit dem Übeltäter, lächeln Sie – und notieren Sie derweil wertvolle O-Töne, die Ihnen jemand in verzweifelter Lage voller Vertrauen schenkt. Das macht den Skandal menschlicher und bringt Ihnen Bonuspunkte beim voyeuristischen Teil des Publikums.

9. In Geduld üben

Alles ist bereit, eigentlich könnte es losgehen. Dennoch ist Geduld angesagt: Warum? Weil sowohl die Medien- als auch die Unternehmenswelt einem festen Rhythmus unterliegen. Wer die Bombe am Montagmittag platzen lässt, ruft schnell die Wettbewerber auf den Plan. Und diese tun das, was jede gute Redaktion tun sollte: sie „verifizieren“ – oder versuchen es zumindest. Dazu wird Unternehmen XY angerufen, man wolle ja nicht stören, aber dennoch vorsichtig nachhaken, ob die Frage, wie viele Leichen sie denn da tatsächlich im Keller liegen haben, netterweise gestattet sei. Das überraschte Unternehmen setzt sich im Krisenrat zusammen und formuliert ein Statement, das die Konkurrenz dann dankbar übernimmt. Immerhin ist eine solch offizielle Unternehmensbotschaft ein Geständnis und damit ist Ihr Feind von der journalistischen Pflicht entbunden, sich bei der Berichterstattung auf Sie zu beziehen. Anders ausgedrückt: Sie haben die Drecksarbeit für andere gemacht. Zünden Sie Ihre Bombe daher immer freitagnachmittags, so dass andere Redaktionen nur noch den Anrufbeantworter der Pressestellen an den Hörer bekommen – und bei ihren Meldungen dann wohl oder übel auf Sie verweisen müssen.

10. Die Zündung

Zittern Sie vor Vorfreude, Sie haben es sich verdient. Wer bisher dem Leitfaden gefolgt ist, darf nun die Ernte einfahren, denn nun heißt es „Zündung!“. Doch halt: Um die maximale Reichweite der Bombe zu gewährleisten, lohnt es sich, ein wenig das Rezeptionsverhalten des Publikums zu studieren. Denn abgesehen vom oben beschriebenen Ausbremsen der Konkurrenz, gibt es noch etwas zu beachten: Wann sind Leser eigentlich aktiv? Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, in denen dieser Frage nachgegangen wird. Nach der jüngsten Analyse ist Samstag, Punkt 16 Uhr, der beste Zeitpunkt, der Ihnen höchste Aufmerksamkeit und Leser-Engagement garantiert. Stellen Sie sich den Wecker!

11. Sicherheitsabstand wahren

Wenn die Bombe von Ihnen gezündet wurde, ist es auch schon Zeit, die Hände in den Taschen zu vergraben und beinahe lässig das Feld zu räumen. Sie haben Ihre Arbeit getan, jetzt sind die anderen an der Reihe. Weiden Sie das Thema nicht bis ins letzte Detail aus, dazu sind schließlich die Kollegen anderer Medien da. Lehnen Sie sich zurück und zählen Sie Zitierhäufigkeiten und Verlinkungen. Richtig gute Bombenleger üben sich ein, zwei Tage in vornehmer Zurückhaltung, ehe sie gönnerhaft der Konkurrenz eine öffentliche Korrektur des geschilderten Sachverhalts zukommen lassen. Derlei kleine Nachbeben sind Lebenserhaltungsmaßnahmen für den Hype – und wer viel Arbeit hineingesteckt hat, will ab Ende auch etwas für sein Geld haben.

Herzlichen Glückwunsch, Sie haben es geschafft. Sie haben aus einem Leak phänomenales Kapital geschlagen. Gönnen Sie sich ein paar Monate Pause – fahren Sie in den Urlaub. Wenn Sie zurückkommen, erschnuppern Sie neues Schwarzpulver in der Luft. Beginnen Sie dann wieder mit Punkt 1 dieses Leitfadens.

Bild 1: Flickr – Fotograf: ooocha
Bild 2: Flickr – Fotograf: x-ray_delta_one

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