Hype-Reminiszenzen des Social Web oder: „Wer erinnert sich noch an Quora?“

By 8. April 2011 9 Comments

Wisst ihr noch? Damals? Als die Blogs abstürzten, Facebook wankte und Twitter kurz davor war, in die absolute Bedeutungslosigkeit abzudriften? Wisst ihr noch, wie Tech-Gott Robert Scoble die Revolution der internationalen Blogosphäre ausrief, in der alle Posts durch Q&As abgelöst werden? Und wie Quora, das unglaubliche Frage-und-Antwort-Portal, in den Mittelpunkt des Interesses von gleichermaßen Nutzern und Medien rückte? TechCrunch korrigierte sogar Scoble und machte aus Quora die „bessere Wikipedia„.

Ich weiß nicht, wie es meinen geneigten Lesern ergeht, aber ich habe das Gefühl, dass all dem gigantischen Mumpitz-Buzz zum Trotz… Quora heute tot ist. Es ist schwer, an verlässliche Angaben zu kommen, was die Nutzerzahlen und Interaktionshäufigkeiten angeht. Die jüngste Statistik stammt aus dem Februar und zeigt einen Rückgang von knapp 60.000 Unique Visitors auf 283.500 im Vergleich zum Vormonat. Der Januar stellte den Höhepunkt des globalen Hypes dar. Laut Alexa gingen in den vergangenen drei Monaten die Pageviews pro User um 16 Prozent in den Keller und Google Trends sagt uns, dass das Suchvolumen auf Vor-Hype-Niveau zurückgefallen ist. Vom Betreiber selbst ist seit dem Launch im Juni 2010 zumindest offiziell nichts mehr zu hören: Die jüngste Pressemitteilung datiert auf den 28. März 2010.

Aufmerksame Leser – und wirklich nur diese – dürften vielleicht mitbekommen haben, dass es nun offenbar Pläne gibt, um Ärzte und Anwälte auf die Plattform zu locken. Zeitgleich werden die Terms of Agreement angepasst, um den darin implizierten juristischen Streitereien den Wind aus den Segeln zu nehmen. Aber ernsthaft: Interessiert es noch irgendjemanden?


 

Ich erinnere mich an den Vortrag dieses Googlers, der dem Publikum erklärte, dass die Dienste im Internet ebenso wie die Biologie einer eigenen Evolution unterliegen: Was gebraucht wird, wird behalten. Was unnötig ist, wird weggeworfen – Selbstregulation und so weiter und so fort. Also drängt sich nun Anbetracht der Quora-Pleite die Frage auf: Braucht die Welt keine Frage-und-Antwort-Dienste?

Ich glaube, dass das nicht stimmt. Natürlich sind Q&As ein heißes Thema und es ist nur konsequent, wenn Wissen nicht nur (wie in der Wikipedia) per Crowdsourcing generiert, sondern auch kollektiv (nämlich im Gespräch) konsumiert wird.

Der Fehler in der Rechnung besteht aus der Überzahl der vibrierenden Variablen. Mein, Gott: Es gibt heutzutage einfach zu viele Dienste. Die vergangenen fünf Jahre waren eine kreative Hochzeit für das Internet, der Begriff „Social Web“ steht für Kreativität, für Experimentieren, für Neuanfänge und für so manches Scheitern. Ich denke, was nun einsetzt, ist eine Konsolidierung des bestehenden Angebots. MySpace zieht es nach unten, VZ und Ping folgen – überhaupt werden alle Netzwerke schrumpfen, solange sich Facebook und Twitter wie zwei gärende Blasen in alle Winkel des Netzes ausdehnen und alles zerdrücken, was ihnen in den Weg kommt.

Der Nutzer hat keine Lust mehr auf die immer gleichen Anmeldeprozesse, auf mühsam protokollierte Passwort-Archive, auf ständig neue Freundeslisten, auf Netzwerk-Synchronisation, auf verrückte Namen von Start-Ups, die sich kaum ein Mensch merken kann. Man könnte das Gefühl haben, dass manche sich nach einem Ankommen sehnen. Die beiden genannten Riesen, Facebook und Twitter, bieten dieses Zuhause. Ja, und ich glaube, dass so mancher erleichtert auf die derzeit stattfindende Ausdünnung im sozialen Netz reagiert.

Denn angesichts der Macht Facebooks ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis all die kreativen Ideen, die sich bislang in immer neuen Diensten niederschlugen, irgendwann den Weg ins große Zuckerberg-Universum finden. Wer braucht Quora, wenn es Facebook Questions gibt?


 

Folgen wir dieser Annahme, ergeben sich zwei Konsequenzen: Zum einen wird der Markt träger. Bei schrumpfendem Wettbewerb muss sich Facebook kein Bein mehr ausreißen. Zuckerberg kann sich in Geduld üben, den zarten Pflänzchen des Web 2.0-Bodensatzes beim Wachsen zuschauen und dann mit einem dicken Scheck zum Einkaufsbummel gehen. Der Einschlag der Innovationen wird sanfter, entspannter – vielleicht kommt er auch irgendwann zum Erliegen. Ist dieser Zeitpunkt erreicht, sind wir beim zweiten Problem angekommen: Haben Facebook und Twitter erst einmal alles andere zerdrückt, sind wir diesen beiden Riesen (vielleicht gibt es dann auch nur noch einen) auf Gedeih und Verderb ausgeliefert: Wir – die Nutzer –, aber auch die Unternehmen, die derzeit fingernägelkauend abwägen, ob sie ihren ollen Webshop aus den Neunzigern zugunsten von Facebook-Commerce fallen lassen.

Wir werden sehen, wo die Reise hingeht. Ich kann aber das Gefühl nicht abschütteln, dass sich unser Tempo zum Ziel hin immer weiter verlangsamen wird.
 
 

About André Vatter

Leidenschaftlicher Social Median und Blogger aus Hamburg. Mehr erfahren.

9 Comments

  • Francesco sagt:

    Laut Alexa schoss in den vergangenen drei Monaten jedoch auch die Reichweite um 352 % und die Seitenaufrufe insgesamt um über 280 % in die Höhe. Nur für den Kontext.

  • Sean Kollak sagt:

    Ach, was waren das noch für Zeiten, als Avatter uns regelmäßig mit Blogposts dieser Güte die Timeline versüßte. Aber was soll ich sagen: Vielleicht sind wir alle was müde von dem Rausch der letzten Jahre.

  • @Francesco: Also, mehr Leute schnuppern – aber weniger klicken? Ich bekomme von Quora nichts mehr mit, das Grundrauschen ist so ziemlich verstummt. Benutzt du es noch?

  • @Sean: ICH bin nicht müde, allein an der Zeit mangelt es. Danke dir aber. :)

    Vielleicht mache ich morgen noch einmal eine Umfrage zu dem Thema Quora – wenn alle wach sind. :)

  • Francesco sagt:

    @André: Bis auf gelegentliche Mails, die mich auf neue Antworten zu abonnierten Fragen benachrichtigen, habe ich Quora schon seit längerer Zeit nicht mehr besucht. Der Hype ist sicherlich schon längst verflogen, für klinisch tot würde ich Quora allerdings noch nicht halten.

  • @Francesco: Und – als Nutzer – wo siehst du Quora am Ende des Jahres? :)

  • Francesco sagt:

    @André: Meine hellseherischen Fähigkeiten für derartige Zukunftsprognosen in einem so schnelllebigen Geschäft konvergieren gegen null. :-)

  • Sean Kollak sagt:

    @André Ich habe nicht nur bei Quora, sondern auch bei Twitter das Gefühl, dass der große Hype vorbei ist. Habe mich in den letzten Tagen sogar ertappt, wie ich wieder bei SpOn vorbeigeschaut habe. (Kann aber auch daran liegen, dass ich seit 3 Wochen ohne Handy bin.) Übrigens habe ich mir vor kurzem auch die Frage gestellt, http://conception-blog.com/was-ist-das-besondere-an-quora/2011/

    Ich halte es immer noch für eine gute Idee und um Längen besser als alle anderen Frage und Antwort Portale.

  • […] Dienst mag etwas überhypet worden sein, wie auch André Vatter neulich schrieb. Das Potenzial von Frage-Antwort-Seiten bleibt aber hoch, gerade wenn man es schafft, […]

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