TV-Schelte: Ein kleiner Argumentationsleitfaden für Richard Gutjahr

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Man weiß ja bis heute nicht genau, wo Richard Gutjahr nun seine Nische gefunden hat: ist er Moderator, Revolutionsreporter, notorischer Facebook-Kritiker oder der größte Apple-Fanboy, den Deutschland jemals hervorgebracht hat? Doch eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Gutjahr macht durch seine Öffentlichkeit mittlerweile mehr Netzpolitik, als es beispielsweise die Berliner Chaostruppe der „Digitalen Gesellschaft“ zu tun vermag, die aus dem Zirkel der Selbstreflektion bis heute nicht herausgefunden hat.

Ich möchte mit dieser kleinen Einleitung nur meinen Respekt kenntlich machen, den ich für diesen Mann hege – und im konkreten Fall auch meine Hochachtung für seinen Mut, den er bewies, als er am gestrigen Tag den TV-Bossen eine lange Nase drehte. Dies geschah auf dem NRW-Medienforum, wo WDR-Intendantin Monika Piel, RTL-Dompteurin Anke Schäferkordt und Jürgen Doetz vom Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) eigentlich eine problemlose Messe für die Krone der Medien – dem TV – feiern wollten. Erst in zweiter Linie sollte es darum gehen, sich gegenseitig Schimpfworte wie „Private Miesmacher!“ und „GEZ-Freischeinfahrer!“ an den Kopf zu werfen. Gutjahr brachte jedoch eine neue Note in die Diskussion.

Er verglich die heutigen Medienbosse mit den „Machthabern in den nordarabischen Ländern“, die im jauchzenden Wohlstand von ihren Völkern isoliert leben und nichts von dem mitbekommen (wollen), was da auf den Straßen passiert, was die Menschen bewegt, und dabei gerne in Kauf nehmen, jede Chance für eine bessere Zukunft für die Menschen zu verspielen. Hätte er einen China-Böller auf der Bühne gezündet oder gleich eine kreischende Kettensäge unter dem Pult hervorgeholt, wäre die Reaktion nicht anders ausgefallen: Es ist beeindruckend zu sehen, wie sich Medienleute, die den ganzen lieben langen Tag nichts anderes machen, als sich öffentlich Drohbriefe zu schreiben (gemeint: Pressemitteilungen), ebenso blitzartig wie geschlossen jedem Feind entgegen stellen können.

Der reflexartige Schulterschluss der drei Entscheider verdeutlichte jedem auch nur halbwachen Zuschauer, dass hier Panik aufkeimte: Angst vor der Blamage, Angst vor der Zustimmung im Plenum, Angst davor, einem Typen, der mit Begriffen wie „Twitter“ und „Facebook“ um sich warf, waffenlos ausgeliefert zu sein. Leider erwies sich zumindest der letzte Punkt als nicht zutreffend, denn Gutjahr hatte mit seiner Ansage bereits alle Pfeile verschossen und konnte unter der Übermacht des TV-Dreigestirns lediglich den mahnenden Rat in den Raum werfen: „Machen, nicht nur reden!“ Das ist schade, doch ich kenne die Hintergründe des Auftritts nicht, weshalb ich Gutjahr jetzt nicht einfallsarme Zahnlosigkeit vorwerfen möchte. Stattdessen möchte ich das Stück weiterspinnen und ein paar Argumente liefern, die zumindest eine der anwesenden Parteien zum kurzen Nachdenken angeregt hätten.

Argument Nr. 1: Ihr produziert am Bedarf vorbei!

Anerkennung: Die Sender haben Notiz vom Social Web genommen! Jedoch war es das auch schon. Wer den Medienmachern zuhört, bekommt schnell den Eindruck, als sei es eine lästige Pflicht, der man sich sehr wohl bewusst sei – was aber nichts daran ändere, dass es eine lästige Pflicht sei. „Achja, Facebook!“, so der Duktus. Was vergessen wird: Zwanzig Millionen Deutsche sind heute bei Facebook aktiv, jeder zweite Bundesbürger mit Internetanschluss. Die zwei Duzend Quotenmessgeräte, die in irgendwelchen Wohnzimmern auf irgendwelchen Fernsehern mit Eichenrahmen stehen, erscheinen demgegenüber zurecht als schaler Witz. Im Jahr 2011 lässt sich das Fernsehvolk zwar noch messen, es lässt sich aber – direkt oder indirekt – auch befragen.

Argument Nr. 2: Holt das TV aus dem Kasten!

„Tradition ist kein Geschäftsmodell“ (Jeff Jarvis). Derzeit sind viele Medienformen damit beschäftigt, ihre angestammten Plätze langsam zu verlassen und ins Netz zu wandern. Notgedrungen. Das Fernsehen hat hier mit On-Demand-Angeboten schon früh einen richtigen Kurs eingeschlagen, ist dann aber irgendwo stehen geblieben. Anstatt Live-Fernsehen ins Netz zu bringen (man schaue sich an, wen Zattoo für sein Angebot alles anbetteln musste!), versucht man nun mühsam, das Internet in den Fernseher zu hieven. Wer die jüngsten Studien im Blick hat, weiß, dass TV-Nutzung – wenn sie nicht abnimmt –, so doch stagniert. „Wir gehen dorthin, wo unsere Kunden sind“, sieht anders aus.

Argument Nr. 3: Weg mit dem Flackerlichtbeschuss!

Ihr könnt es weiterhin versuchen, doch es wird nicht gelingen. Das Social Web ist der Rückkanal der klassischen Medienwelt. Wer heute Teenager oder Anfang zwanzig ist, ist es gewohnt, alles kommentieren, alles bewerten zu können. Die Zeitung hat ihre Leserbriefe, das Radio ihre Call-In-Show – das Fernsehen erlaubt Rückkanäle bis heute nur im Unterschichtenfernsehen: „Ja, die Schuhe sehen wunderbar aus! Meine Freundin Erna ist schon ganz neidisch. Ich kaufe mir jetzt auch alle Galoschen aus der Verona-Designkollektion!“ Das TV erlaubt bis heute keinen freien Rückkanal, das Social Web wird lediglich benutzt, um den monodirektionalen Flackerlichtbeschuss in Tweets oder Status-Updates fortzuführen. Jeglicher Einfluss der Zuschauer wird unterbunden.

Argument Nr. 4: Ihr könnt nicht überall sein!

Ja, das Argument ist tatsächlich so alt, dass man bereits drüber lachen könnte. Immerhin lässt es lässt Kai Diekmann bei jeder Bühnenshow vom Stapel. Bürgerjournalismus ist ein Wort, das vielen Angst macht. Wer jedoch nicht darauf hört, bekommt künftig das Heft aus der Hand genommen. Der deutsche Journalismus profitiert heute kaum bis gar nicht vom Input der Community. Nur, wenn es wirklich nicht anders geht (etwa, wann alle Fotografen aus dem Iran verjagt werden), können wir bei der „Tagesschau“ ein Video bestaunen, das mit dem knappen Hinweis „Quelle: YouTube“ dekoriert ist. „Ja, aber wir wissen doch gar nicht, ob das stimmt, was die da filmen/twittern/bloggen.“ Antwort: „Nun, seid ihr Journalisten oder was?“ Mit den neuen Ansprüchen an das Medium ändern sich auch die Ansprüche an die Form der Recherche. Offenbar gibt es nur wenige Journalisten, die imstande sind, eine Story zusammenzubasteln, ohne auf Pressemitteilungen und besetzte PR-Stellen zurückzugreifen. Selbst Schuld.

Argument Nr. 5: Ihr dürft nicht? Wo ein Wille, da ein Weg!

Die Öffentlich-Rechtlichen jammern so gerne: Man würde ja soviel mehr machen, wenn man dürfte. Die Innovationsmüdigkeit wird dann nicht als Innovationsmüdigkeit verkauft, sondern als Resignation angesichts der Übermacht der Privaten, die einfach jeden Spaß verderben. Zum Teil stimmt das auch. Auf der anderen Seite müssten sich die Öffentlich-Rechtlichen aber auch vorhalten lassen, weshalb (die „Tagesschau“ ausgenommen) dort niemand aktiv Lobbyarbeit für stärkere Präsenz im Social Web betreibt. Im Gegenteil: Der Zuschauer wird gewarnt, wo es nur geht: Vor Datenklau, vor Identitätsdiebstahl, Spam und vor dem recherchierenden Personaler, der einem im Bewerbungsgespräch gegenüber steht. Ich habe bis heute von keinem Konzept gelesen, das die Sender in der Schublade hätten, wenn repubikweit der Kurs umschwenkt und plötzlich das Netz eine größere Rolle in der sogenannten „Grundversorgung“ spielt.

Argument Nr. 6.: Das Netz ist Realität!

Tatsächlich beschränkt sich die derzeitige Berichterstattung zu neunundneunzig Prozent auf die Entwicklungen der Offline-Welt. Dass das Social Web mittlerweile keine nerdige Spinnerei, sondern tatsächliche Realität ist, in der Politik, Geschäfte und Kultur gemacht werden, ist bei vielen Sendeanstalten noch nicht angekommen. Für sie ist und bleibt das Netz ein Hobby, ein Ort, den Nutzer aufsuchen wie die Bäckerei, das Schwimmbad oder ein Café. Das ist es jedoch schon lange nicht mehr. Nicht zuletzt können wir es daran sehen, dass immer mehr Netzaktionen (von Petitionen über Demobeschlüsse bis hin zu Geburtstagsfeierattacken) aus den Plattformen in die Offline-Welt überschwappen. Erst dann werden die Journalisten aktiv und beginnen, die Entwicklungen mühsam nachzuzeichnen.

Argument Nr. 7: Der Beschiss ist kein Privileg des Internets!

Das ist schon eine spannende Sache: Monika Piel erklärte unisono mit Anke Schäferkott im rhetorischen Schwitzkasten, dass das Social Web – ach, was: das ganze Internet! – ein rechtsfreier Raum sei. Ein Ort der Gesetzlosen, die wie selbstverständlich Eigentum stehlen und Lügen verbreiten: „Wir können das nicht!“, schneuzte Piel ins Mikrofon. Zwei Dinge dazu: Erstens ist das Internet nach wie vor kein rechtsfreier Raum, sondern die wohl am besten überwachte Gemeinschaft von allen. Zweitens gibt es bis heute wesentlich mehr Diebstähle und Unwahrheiten in der Offline-Welt – der Beschiss ist kein Privileg des Internets.

Argument Nr. 8: Wir sind nicht der Feind!

Als im Gespräch die Idee des „faschistoiden“ Spotts aufkam, den Blogger hierzulande angeblich gegenüber den etablierten Medien üben, wurde eigentlich ein guter Startpunkt für neue Personaldebatten im TV-Business gesetzt. Das Internet ist nicht euer Feind und wir sind es auch nicht. Eigentlich kann es uns egal sein, was ihr tut oder sein lasst: Wenn es nicht um viel Geld gehen würde, das wir Monat für Monat nach Köln an die GEZ überweisen. Die anhaltende Entwicklung, die Ausbreitung des Netzes ist alle Lebensbereiche, ist keine willkürliche Boshaftigkeit der digitalen Meute: es passiert. Ihr habt die Möglichkeit, dies (ebenso wie die Meinungen eurer Kritiker) zu ignorieren. Was die „Blogger“ da äußern, ist Ungeduld. Letztendlich seid ihr es aber, die offenbar so lange abwarten wollen, bis der TV-Journalismus überrannt wird.

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