Netzgeblubber deluxe: „Facebook zensiert Google+-Invites. Vielleicht. Kann sein. Egal.“

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Die Recherchemechanik eines Tech-Journalisten ist recht simpel – einfacher, als bei den Kollegen aus anderen Ressorts: Man verlässt nicht das Haus, jagt keinen Tornados hinterher oder wartet unzählige Stunden in irgendwelchen Hotellobbys. Nein, in der IT-Berichterstattung versendet man stattdessen einfach eine E-Mail, postet eine IM-Nachricht oder greift zum Hörer. So einfach ist das.

Nichts von dem ist im heutigen Fall der grausamen Facebook-Zensur geschehen, in der Mark Zuckerberg persönlich einen Zauberbann gegen Google+ aussprach und damit alle Invite-Links zu Googles neuem Netzwerk in den Orkus der Verdammnis schickte. Zumindest hat hierzulande niemand auch nur den müden Versuch unternommen, einmal für die Nutzer für ein wenig Klarheit zu sorgen. Warum auch? Die Story verkauft sich gut; ehrlich gesagt waren bislang alle Feld-Berichte, die von den Kriegsschauplätzen zwischen den beiden Netzwerken stammten, Traffic- und vor allem Engagement-Garanten.

Die feixende Ignoranz der Medien in dieser Sache hatte mich heute schon einmal kurz aufgebracht, da der Tross der Deppen sich aber weiter durch die Landschaft der Etablierten bohrt, muss ich eben die Scheinwerfer etwas breiter aufstellen.

Worum geht es? Nun, eigentlich nur um dieses Video, das von einem Typen bei YouTube hochgeladen wurde, der zuvor noch nie eines hochgeladen hatte:

Das ist – neben vereinzelten Kommentaren offenbar ebenfalls betroffener Nutzer – alles, was wir zu dem Thema haben. Was brauchen wir noch? Ah, einen Ankläger. Diese Rolle übernahm mehr als selbstlos Googles inoffizielles PR-Geschütz Vic Gundotra, der das Video im beiläufigen „Ich will ja nichts sagen, aber…“-Ton auf Google+ lancierte. Das reichte.

US-Medien, wie CNet und The Daily Beast, machten sich ans Werk und bemühten sich um Statements von beiden Seiten.

Hier in Deutschland, wo der Sommer nass und die Tage lang sind, kümmerte man sich erst gar nicht darum, sondern stürzte sich stattdessen auf feinziselierte Psychogramme der beiden Kontrahenten. Ob vorsätzliche Löschung oder Kollateralschaden bei Facebooks Spam-Filter – egal. Facebook musste einfach aktiv dahinterstecken. Meedia nahm gar eine moralische Bewertung der perfiden Sperren vor (man könne sie ohne weiteres nachvollziehen) und schrieb anerkennende Zeilen über die diskrete Vorgehensweise des Dienstes. Spiegel Online schleuderte mit Vokabeln wie „angeblich“ und „offenbar“ und einer ganzen Reihe Fragezeichen um sich, um dann genüsslich die Stimmen der Kritiker zu zitieren, wie sie da riefen: „Bastarde!“ und „Uncool!“. Auch Golem mischte mit: „Unterdrückt Facebook Nachrichten, die Einladungen zu Google+ enthalten?“ An wen diese Frage gerichtet war, war nebensächlich. An denjenigen, der vielleicht eine Antwort darauf hätte (nämlich Facebook) jedenfalls nicht. Zu späterer Stunde legte dann das „Hamburger Abendblatt“ nach. Bequemerweise musste der Redakteur zur Recherche nicht einmal mehr den Browser öffnen, da er ja die Meedia-Meldungen per Mail bekommt. 1:1 übernahm er den Bericht des „Mediendienstes“ und verkündete nun unumstößlich den offensichtlichen Skandal: „Marktführer Facebook fährt erneut schwere Geschütze im Kampf um die Vorherrschaft der Social Networks auf: Einladungen zu Google+ verschwinden aus dem Nachrichten-Stream.“

Keines der genannten Medien hat den Versuch unternommen, Facebook zu kontaktieren und eine Stellungnahme zu erhalten (zumindest wurde dies in den von mir gefundenen Artikeln mit keiner Silbe erwähnt). Tatsächlich ging die Arbeitsscheu sogar so weit, dass sie nicht einmal den Versuch unternommen haben, Googles Meinung zu den Vorfällen einzuholen. Stattdessen wurde heute rundum schlecht aggregiertes Netzgeblubber serviert. Der Witz an der heutigen Geschichte war, dass Google-Mann Bradley Horowitz schon aus eigenem Antrieb am Vorabend verkündet hatte, dass die ganze Sache überwunden sei und die Social Streams wieder normal funktionieren würden. Und Facebook verwies in US-Medien darauf, dass es durchaus sein kann, dass Links, die oft gepostet werden, vom Open Source-Spam-Filter herausgefischt werden können, so dass eine manuelle Nachjustierung nötig ist (was dann ja auch geschah). Aber diese Hinweise wurden – wenn überhaupt – jeweils erst am Ende der „Kämpft!“-Pamphlete gebracht. Nach den aufregenden Psychogrammen zweier Netzwerke, die sich bis aufs Blut bekämpfen. Mann gegen Mann, Larry gegen Mark.

Warum wurde und wird hier nicht recherchiert? Ich habe Erklärungsversuche:
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  • „Das alles ist ja so weit weg und weder Facebook noch Google werden in den USA bei dem Dröhnen der Datenzentren etwas mitbekommen.“
  • „Der Scheiß ist heiß und – mein Gott: es ist nur Tech! Es ist nicht so, dass wegen so einem Bericht morgen ein Krieg ausbricht.“
  • „Diese Meldung, die nächste Meldung: Weißt du, es wird soviel über den Kampf im Social Web berichtet, da ist so etwas eh morgen wieder vergessen.“
  • „Ich bin unterbezahlt, meine Tischnachbarin benutzt kein Deo und ich will jetzt nach Hause.“

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Jo. Andere Ausreden fallen mir nicht ein.

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