Archive for September, 2011

Facebook ist einfach zu teuer geworden

26. September 2011  |  Social Media  |  8 Comments

Dieser Protest ist anders, er ist stiller. In der Vergangenheit flammten hin und wieder breite Boykott-Aufrufe gegen Facebook auf. Allesamt waren ebenso populistisch wie ineffektiv. Das Netzwerk hat immer die kritische Masse bei den Nutzerzahlen erreichen wollen, ehe der Vertrieb das Ruder über die Funktionspalette der Plattform übernehmen würde. Das ist wohl bei der geknackten Grenze von 800+ Millionen aktiven Nutzern längst geschehen. Petitionen, Kettenbriefe und Massen-Statusupdates können da nicht mehr viel reißen – zumal Facebook selbst den Ort des Protestes kontrolliert. Bei 100 Millionen Nutzern gäbe es vielleicht noch so etwas wie Ehrfurcht oder Demut vor dem Nutzer. Doch das war im August 2008. Wer kann heute schon in einem Land mit 800 Millionen Einwohnern in Bottom-Up-Manier die Staatsform ändern, wenn Social Media als Kommunikationsmittel ausfällt?

Doch dieser Aufstand ist eben anders. Er geht von einflussreichen Alleingängern aus: “Goodbye Facebook“, schreibt Olaf Kolbrück. “Der Facebook Exodus“, heißt es bei Patrick Breitenbach. “Nix wie raus hier“, warnt Netzpolitik. Dies ist ein überlegter Protest. Facebook plant das allumfassende Lebensarchiv der registrierten Nutzer, von der Krippe bis zum Grab. Damit die Mitglieder nicht selbst Protokoll über ihr Leben führen müssen, hält das automatisierte “passive Teilen” Einzug:

Facebook’s passive sharing will change how we live our lives. More and more, the things we do in real life will end up as Facebook posts. And while we may be consoled by the fact that most of this stuff is being posted just to our friends, it only takes one friend to share that information with his or her friends to start a viral chain.

Dieser Einwurf von Mashable vergisst bei bereits vorhandener Dringlichkeit sogar einen wichtigen Faktor: Unsere Daten mögen vordergründig hinter Privacy-Walls vor unliebsamen Mitmenschen versteckt sein. Jedoch zu keinem Zeitpunkt vor Facebook Inc. Und es gibt keine Schweigepflicht für Wirtschaftsunternehmen. Weiterlesen

Ergebnisse der kleinen Umfrage: Der Stand von Social Media 2011

18. September 2011  |  Social Media  |  1 Comment

Da sich das Thema “Social Media hat die Boom-Zeit hinter sich” hartnäckig hält, habe ich an diesem Wochenende eine kleine Umfrage zur dieser These gemacht. Insgesamt haben 80 Teilnehmer ihre Stimmen abgegeben – nicht gerade repräsentativ, aber vielleicht dennoch aufschlussreich, da einige erfahrene SM-Hasen darunter waren. Jedenfalls danke ich jedem einzelnen.

Den vorliegenden Ergebnissen nach zu urteilen, hat sich im Vergleich zu 2010 nicht viel verändert. Es hält sich die Waage; an manchen Stellen hat sich das Engagement sogar verstärkt, zum Beispiel dank Google Plus. Die Nutzung von Location Based Services und der Business-Netzwerke scheint zu stagnieren, was unter anderem daran liegen könnte, dass die großen Drei (Facebook, Twitter und Google Plus) heute ähnliche Services integriert anbieten.

Warum also dieser Eindruck der trägen Branche? Ich glaube, dass die Medien dieses Bild mitformen: Es gibt keine Feature-Reportagen mehr. Warum? Weil die Netzwerke in den vergangenen Monaten damit gesättigt wurden: Fotogalerien, Videochat, Locations und Games – das waren die Aufreißer in den Medien. Der Schwerpunkt der Berichterstattung verschiebt sich nun auf die Beobachtung des Social Webs und hier vor allem auf die Einschätzung des Wettbewerbs. Weiterlesen

50 Dinge, die man im Social Web erlebt haben muss, ehe man den Stecker zieht

15. September 2011  |  Social Media  |  14 Comments

Vielleicht haben es so manche Nutzer schon mitbekommen, doch es grassiert ein wenig die Social Müdigkeit: Ich habe den Eindruck, dass in den letzten Tagen die Zahl der Burnout-Kandidaten, Aussteiger und Ausschleicher zunimmt. Und das ist mehr als verständlich, denn das Karussell der Branche dreht sich immer schneller. Der menschliche Geist war niemals für Dinge wie Echtzeit und Always-On gewappnet – und wird es auch nie sein. Evolutionsbiologisch betrachtet, haben wir gerade erst das Fell abgestreift und die Höhle verlassen. Natürlich gab es auch früher das soziale Gefüge, doch schon bei wilden Stämmen war irgendwann Dialogschluss und sie bauten kleine Puppen aus Stroh und starrten ins Feuer: Das Äquivalent zum Fernsehen, das wiederum das Äquivalent zum “Lasst mich bitte alle in Ruhe” ist. UMTS hat die Rückzugsmöglichkeiten schon arg beschnitten.

Ich gönne jedem und jeder seine oder ihre Auszeit. Dennoch habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was man vielleicht im Social Web einmal erlebt haben muss, ehe man dann tatsächlich und endgültig den Stecker zieht. Das Ergebnis gibt es im Folgenden. Weiterlesen

Tatort Facebook: Über den Fanpage-Giftschrank und die Berliner Waschlappen (inkl. 4 Tipps)

11. September 2011  |  Social Media  |  1 Comment

So schnell kann es gehen: Vom beruhigenden “Honig-Urteil” zur bundesweiten Facebook-Schelte brauchte Bundesagrar- und Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) nur wenige Stunden – ein wahrer Tausendsassa der politischen Landschaft! Aigner ruft sowohl die Bundesregierung als auch Abgeordnete dazu auf, ihre Präsenzen auf Facebook zu löschen und alle Spuren zu verwischen: Man solle “mit gutem Beispiel vorangehen”.

Um Aigner war es nach ihrem Brief an Mark Zuckerberg (“Sehr geehrter Herr Zuckerberg”) in den vergangenen Monaten eher ruhig geworden. Ja, sie hatte ihr Facebook-Profil medienwirksam getilgt – aber bitte: danach war die Sache erst einmal gegessen. Der Grund, weshalb die Ministerin nun noch einmal nachlädt, ist die Tatsache, dass ihr Parteikollege und unser Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) vergangene Woche zur gemeinsamen Kuschelstunde mit Facebooks Chef-Lobbyisten Richard Allen geladen hatte. Es gab Küsschen links, Küsschen rechts und einen warmen Händedruck, der letztendlich Aigners Wut heraufbeschworen hatte. Datenschutz, Verbraucherschutz, Cyber-Crime und politischer Netzaktivismus – das Internet hat in der deutschen Politik bis heute noch keinen festen Ressortplatz gefunden, weshalb das Geschacher um die populären Themen jedes Mal von vorne losgeht. “Jetzt bin ich dran!”, dachte sich da Aigner und drückte auf den “Senden”-Button, der dafür sorgte, dass alle Ministerien ihre dringende Warnung vor Facebook bekamen. Weiterlesen

Klarnamendebatte: CDU/CSU räumt feigen Nutzern, Kindern und Alkoholikern ein Anonymitätsrecht ein

6. September 2011  |  Social Media  |  5 Comments

Laut der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist jeder, der anonym (oder pseudonym) an Diskursen im Internet teilnimmt, entweder feige, minderjährig oder Mitglied einer Selbsthilfegruppe – vielleicht ein Alkoholkranker. So einfach ist das. Diese Feststellung geht aus einer Pressemitteilung hervor, die heute von dem stellvertretenden Vorsitzenden der Fraktion, Günter Krings, und dem innenpolitischen Sprecher Hans-Peter Uhl verfasst wurde. Darin heißt es weiter: “Die Entscheidung über einen Zwang zur Offenlegung des Klarnamens liegt letztlich auf Seiten der Betreiber. Schließlich gibt es auch keine allgemeine Rechtspflicht für Nutzer, sich zu identifizieren. Für einen politischen Aufschrei mehrerer Abgeordneter gibt es dagegen keinen Grund.”

Die Erklärung ist als Reaktion auf den gestern veröffentlichten “Offenen Brief an Google” zu verstehen, in dem mehrere Unternehmer, Netzaktivisten und Politiker einen Stopp des strikten Klarnamengebots auf Google+ fordern.

Das Timing von Krings und Uhl ist damit perfekt und selten hat man die Politik dabei beobachten können, wie sie so schnell den Schulterschluss mit der Wirtschaft suchte und fand. Die Forderung der CDU lautet: Alle Internetznutzer sollen ruhig mittels Klarnamen zur Verantwortung gezogen werden können – nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch angesichts der ökonomischen Interessen globaler Konzerne. Weiterlesen