Journalismus

„Bild“ macht es vor: Zeitungskrise? Werde selbst dein bester Werbekunde!

By 16. Dezember 2011 3 Comments

Seit heute gibt es das Bild-Mini-Handy. Ein schrottiges 10-Euro-Teil, das wohl das RX-80 Pico von Simvalley sein könnte: „Kleiner als eine Kreditkarte und reduziert auf die zwei Hauptfunktionen Telefonie und SMS, ist das BILD Mini-Handy das optimale Gerät für alle, die sich ein einfaches Gerät ohne eine Vielzahl von Zusatzfunktionen wünschen oder ein praktisches Zweithandy suchen“, verrät die Pressemitteilung. „Bild“ wird das Handy bei „10.000 ausgewählten BILD-Händlern“ zum Verkauf anbieten, zudem vertickt es Axel-Springer im Bild-Shop (wo es zur Stunde allerdings bereits vergriffen ist).

Es ist nichts Neues, dass „Bild“ Produkte an den Mann bringt; die „Volksaktionen“ sind mittlerweile ein fester Bestandteil der Vermarktungsstrategie. Im vergangenen Jahr lief die 100. Kampagne: Müller Milchreis wurde seinerzeit konsequenterweise in „Volksmilchreis“ umbenannt und dann als bundesrepublikanischer Standard in Sachen süßer Klebenahrung breit beworben. Das Motto? „Abverkauf ist buchbar!“ (Info-PDF).

Im Herbst 2007 wurde Bild Mobil in Kooperation mit Vodafone aus dem Boden gestampft, ein Erfolg, will man meinen. Innerhalb der ersten zwei Wochen gingen 100.000 SIMs über den Ladentisch. Und jetzt folgt das Handy, ein reiner Werbeträger, der neue Abnehmer für den Billig-Tarif gewinnen soll.

Das Spannende an der Sache tritt dann zutage, wenn man sich überlegt, wer hier eigentlich wem Angebote macht. Seit jeher funktionieren Medien werbefinanziert. Sie informieren und unterhalten und Unternehmen nutzen die Aufmerksamkeit der Leser (aka Nutzer), um Botschaften im Umfeld des Geschehens zu platzieren. „Bild“ stellt die Dinge aber in zunehmender Weise auf den Kopf. Mit der Zeitung hat sich Axel Springer ein Perpetuum Mobile geschaffen, das informiert und gleichzeitig eigene Produkte verkauft.

Im Sommer führten wir mit Brian Solis ein Interview, in dem es unter anderem um das Verhältnis von Medien und Unternehmen in Zeiten von Social Media ging:

Schauen Sie sich Starbucks an: Starbucks hat rund 23 Millionen Fans auf Facebook, ein riesiges Publikum. Eine Zeitung, ein Magazin oder ein Fernsehsender sagt also: “Hey, Starbucks: Wollt ihr nicht unser Hauptsponsor werden, um uns dabei zu helfen, Umsätze zu generieren?” Starbucks sagt: “Warum denn? Wir haben eine viel größere Reichweite als ihr. Zudem ist unsere Community 1:1 mit unserer Zielgruppe identisch. Gebt uns einen Grund, weshalb wir Werbung bei euch schalten sollen!”

Die „Bild“ ist Medium mit gigantischer Reichweite und Verkäufer in Personalunion – und nimmt beide Effekte mit. Im Dezember verzeichnete die Online-Ausgabe einen neuen Rekord in puncto Klickzahlen: innerhalb eines Monats stiegen die Visits um 16,4 Prozent auf 157 Millionen. Damit beherrscht die Seite nun über ein Viertel des deutschen Online-News-Marktes. Die Auflage der Print-Ausgabe liegt derzeit bei rund 2,8 Millionen.

„Bild“ wird damit selbst zum besten Werbekunden für die Zeitung. Dass die Objektivität darunter leidet und man in Sachen kritischer Distanz hier und da mal ein Auge zudrückt, ist selbstverständlich. Und so bietet Bild.de dann heute auch direkt auf der Startseite einen „Test“ des Bild-Handys an. Eine objektivitätsheuchelnde Werbeveranstaltung, die als dermaßen relevanter Content präsentiert wird, dass Bild.de es nicht versäumt, vor dem „Videotest“ des eigenen Produktes sogar noch Preroll-Ads anderer Werbekunden zu schalten.


About André Vatter

Leidenschaftlicher Social Median und Blogger aus Hamburg. Mehr erfahren.

3 Comments

  • Stefan sagt:

    Verstehe ich das richtig, dass das (oder zumindest ein) Hauptproblem der Printmedien mit dem Internet ist, dass ihr Anzeigengeschäft in Social Media abwandert?

  • Sebastian sagt:

    Am schärfsten fand ich den Werbespot den ich am Samstag im Radio hören durfte.

    „Ohne Kamera, mit Einfarbdisplay“.

    Aha. Eine Farbe. Welche denn? So komplett schwarz oder komplett LCD-Grün… aber doch nicht beides. Das wären dann ja ZWEI Farben.

    Die Werbung beschreibt dann auch ziemlich die Zielgruppe und es erinnert mich an Call-In-Shows. Es ist löblich, dass man diese Zielgruppe vor sich selbst retten will, ich kann denen aber auch nicht verbieten ihr Geld in den nächsten Spielautomaten zu stecken, egal wie lang und breit ich erkläre wie sehr sie für dumm verkauft werden…

  • Stefan sagt:

    Eine Farbe aber mehrere Abstufungen dieser. Du machst dich sicher auch über die Engländer lustig, weil sie von monochrome display sprechen.

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