Soziale Netzwerke: Nur, weil es nichts kostet, ist es nicht umsonst

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Ich glaube, wir können alle darin übereinstimmen, dass wir in einer kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung leben. Von Kindesbeinen an lernen wir dialektische Sprüche à la: „Hasse nix, bisse nix“ und „Hasse nix, kriegste nix.“ Wir sind an den Warentausch gegen Geld gewöhnt, wir kennen die Produkte und Preise, wägen ab, sparen, verschieben Anschaffungen, leihen und leasen. Wer Waren bezieht, ohne dafür zu bezahlen, ist in unseren Augen ein Bettler oder ein Dieb. Wer beim Schwarzfahren erwischt wird, zahlt ein Bußgeld. Wer Fundunterschlagung betreibt, kann juristische Probleme bekommen. Offenbar ist die Orientierung dieses System – wie immer man es finden mag – allgegenwärtig, da die Spielregeln bekannt sind und man sich auch meistens daran hält. Was mich aber immer wieder verwundert, ist die Tatsache, dass die Mehrheit der Menschen glaubt, dass dieses System im Internet keine Geltung findet. Aber von Anfang an…

Jüngst machte wieder die Meldung über eine neue Studie die Runde: Soziale Netzwerke seien ebenso suchtverursachend wie substanzbasierte Drogen à la Tabak und Alkohol – wenn nicht noch dramatisch ansteckender. Der Artikel lief gut und machte sich auch gut, weil die Onliner sich aufregen konnten und die Offliner sich bestätigt sahen. Ich will die Meldung gar nicht kommentieren, aber auf einen O-Ton hinweisen, den Studienleiter Wilhelm Hofmann dem „Guardian“ übermittelte:

With cigarettes and alcohol there are more costs – long-term as well as monetary – and the opportunity may not always be the right one.

Das ZDF fasste das folgendermaßen zusammen: „Hofmann sagte, dem Verlangen nach Sozialen Medien könne leichter nachgegeben werden, als der Sucht nach Zigaretten und Alkohol, weil sie immer verfügbar sind und wenig kosten.“ Und genau diese Annahme ist ein Problem. Natürlich kostet die Nutzung sozialer Netzwerke etwas – teilweise sogar recht viel. Es gibt sogar explizite Preislisten, die jedes Netzwerk auf jeder Seite verlinkt:

Twitter: https://twitter.com/privacy
Google Plus: http://www.google.com/intl/de/+/policy
Facebook: http://www.facebook.com/about/privacy

Wir bezahlen soziale Netzwerke mit unseren Daten. Das ist das Geschäftsmodell. Und identifizierbare Informationen sind die Kosten. Das Modell „Hasse nix, kriegste nix.“ findet nur vordergründig keine Anwendung, weil wir in puncto persönliche Daten nun einmal keine armen Schlucker sind. Liquidität scheint im unbegrenzten Maße vorhanden: Jeder hat ein Geburtsdatum, ein Geschlecht, eine Augen- und Haarfarbe, einen Ort, an dem er lebt. Und wir können unser Budget sogar noch weiter steigern, indem wir mehr und mehr Daten hinzufügen: Zum Beispiel die Farbe der Haut, sexuelle Präferenzen, den Namen der Schule und des Arbeitgebers. Mittels Smartphone und Co. häufen wir immer mehr Daten an, sagen, wo wir sind, teilen Fotos, beschreiben den Kinofilm, checken in Restaurants ein. Es scheint kein Ende in Sicht – unermesslicher Reichtum.

Die Daten sind die Währung, mit der wir im sozialen Netz bezahlen (siehe auch: „Facebook ist einfach zu teuer geworden„). Das stellt Nutzer vor zwei Aufgaben: Erstens sollte man kontinuierlich für sich ermitteln, ob und in welchem Maße man bereit ist, den Zugang zum Datenetat zu öffnen. Und zweitens sollte sich jeder am Kopf kratzen, wenn es heißt: „Hier kostenlos anmelden und mitmachen!“ Denn nur, weil es kein Geld kostet, ist es nicht umsonst.

Der Skandal der vergangenen Tage – als bekannt wurde, dass diverse App-Anbieter ungefragt zusätzliche Daten der Nutzer auf ihre eigenen Server in Sicherheit brachten – war falsch gepolt. Es handelte sich um eine Nebenkostenerhöhung, eine weitere Buchungsgebühr, einen Ticketzuschlag. Der Skandal war nicht die Anhebung der Kosten, sondern ihre Nichtankündigung. Und versteckte Preiserhöhungen sind auch im datenkapitalistischem Web 2.0 ein für uns Kunden nicht hinnehmbarer Bruch des Handelsdeals.

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