Facebooks Tabu-Zonen zwischen Penissen und Amokläufern: Was wir willkürlich nennen, nennen sie amerikanisch

Man stelle sich vor: ein Penis! Ein Penis! Das „ZeitMagazin“ hatte vergangene Tage den zaghaften Versuch unternommen, die männliche Nacktheit (es ging nicht einmal um die männliche Sexualität) gesellschaftlich zu entmystifizieren. Die Brust der Frau ist im Werbe- und Medienalltag allgegenwärtig, letzten Endes gibt es offenbar nichts, was sich nicht mithilfe lasziver Damenposen vermarkten lässt – es reicht ein Blick auf die jüngsten Rügen des Deutschen Werberats. Peniscontent spielt da eher eine untergeordnete Rolle. Doch um derlei Gender-Überlegungen soll es hierbei auch gar nicht gehen…

Um den Worten Taten folgen zu lassen, hatte das „ZeitMagazin“ beschlossen, einfach mal einen Schwanz auf die zweite Titelseite zu drucken. Wie es weiter ging, verrät die Pressemitteilung:

Wie jede Woche üblich veröffentlichte die Redaktion am Mittwochnachmittag beide Titelseiten vorab hintereinander auf der ZEITmagazin-Facebookseite. Der Eintrag mit der zweiten Titelseite war am Abend gelöscht. Auf Anfrage des ZEITmagazins lässt Facebook auf seine Community Standards verweisen.

Christoph Amend, Chefredakteur des Magazins, kommentierte später: „Es ist, als hätte unser Eintrag nie existiert.“ Facebook hatte das Posting kommentarlos gelöscht. Wenige Stunden später war auf wunderbare Weise darüber hinaus das komplette Timeline-Coverbild verschwunden, das eine splitternackte Männerbrust zeigte. Eine Anfrage bei Facebook ergab, dass das Netzwerk einen Regelverstoß gegen die Community-Standards festgestellt hatte. Dort heißt es:

Facebook verfolgt strikte Richtlinien gegen das Teilen pornographischer Inhalte und hat Grenzen für die Darstellung von Nacktheit definiert. Gleichzeitig sind wir bestrebt, das Recht der Menschen persönlich bedeutsame Inhalte miteinander zu teilen zu respektieren, unabhängig davon, ob es um Fotos von Skulpturen, wie z. B. Davide von Michelangelo, oder um Familienfotos einer stillenden Mutter geht.

Alles, klar: Facebook hält den erschlafften Phallus für eine Gefahr der moralischen Integrität der Plattform – soweit verstanden. Was dann allerdings wieder wundert, ist folgende Meldung, die CNN praktisch zeitgleich mit der „Zeit“-Pressemitteilung veröffentlichte: „Facebook: Fan page for Colorado shooter doesn’t violate terms

Kurz nach dem Amoklauf von Aurora meldeten sich erste Sympathisanten des Verbrechens zu Wort und organisierten sich auf Facebook. Derzeit gibt es Dutzende James Holmes-Fanpages. Hier wird die Tat bejubelt und der „Joker“ als tapferer Held gefeiert. Wir sehen Kindheitsbilder von James Holmes und geshoppte Fotos, auf denen zu sehen ist, wie Barack Obama ihm eine Medaille umhängt oder wie er gemeinsam mit Anders Behring Breivik eine Spritztour macht. Die Anklageerhebung gegen den mutmaßlichen Mörder wird offen als „Hexenjagd“ bezeichnet: „I feel sorry for him when I think he is alone in prison and doesn’t even receive visits from his family :[„, bricht ein Seiten-Admin in Tränen aus, nachdem er die Opfer verhöhnte.

Warum – fragen wir uns angesichts des teutonischen Pimmelgates – dürfen Freaks auf Facebook ungehindert und in aller Öffentlichkeit einen Massenmörder umjubeln? Antwort von Facebook: „While incredibly distasteful, [it] doesn’t violate our terms“, so ein Sprecher des Unternehmens. Bevor eine Fanpage offline genommen wird, müsse es „glaubwürdige Drohungen“ gegen einzelne Menschen oder einen allgemeinen Gewaltaufruf geben. Aha.

Penis – nein, Mörderschrein – ja.

Und so kocht wieder das deutsche Unverständnis über die für uns offensichtliche Heuchlerei der USA; der prüde Waffennarr im Westen, das Land der unbegrenzten Meinungsfreiheit. Was wir als brutale Scheinheiligkeit erleben, ist nach wie vor die kulturelle Differenz, der wir uns als Nutzer amerikanischer Dienste beugen müssen. Verstehen werden wir es jedoch nie.

Und so schließe ich den Post mit den Worten eines James Holmes-Seitenadmins:

Whatever you have to say to me, I don’t care. Whenever you report me. This page isn’t affected. (I’ve been reported over like a billion times and nothing has happened). Also, I don’t believe in karma, and I don’t believe in hell. Please keep this in mind when you post. Unless its something smart or funny, Please know; I’m just going to laugh at you and all you’re doing is wasting your time.

About André Vatter

Leidenschaftlicher Social Median und Blogger aus Hamburg. Mehr erfahren.

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