„Print wirkt“ – jetzt zum Glück doch nicht

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horselessNa, Gottseidank. Als ich die Nachricht las, habe ich mich erst einmal erleichtert hingesetzt – was wäre das für ein Theater geworden: „Trotziges Rauschen im Blätterwald!“ – „Deutsche Verleger setzen sich für Waldrodungen ein!“ – „Nächster Halt: Vergangenheit!“ Und was sollen erst die Nachbarn denken? Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) würgt die millionenschwere „Print wirkt“-Kampagne ab. Und das ist auch gut so. Noch einmal: Gottseidank.

Auf der Seite zur bisherigen Kampagne haben die Verleger allerlei Nonsens-Argumente (PDF) zusammengetragen, weshalb das gedruckte Wort hipper denn je sei: „Wer schreibt, der bleibt“, steht da. Oder: „Print bringt Klicks“. Print wirke nachhaltig, fördere das Vertrauen, locke die Generation Facebook und sei eine „Kapitalanlage mit Rendite“. Soviel Selbstverleugnung muss man erst einmal zusammentragen, ohne selbst in ablenkendes Gelächter ausbrechen zu müssen.

Nein, Print wirkt nicht. Es wirkt jedenfalls nicht mehr. Print ist ein Medium, das in einer globalisierten Welt völlig veraltet ist, wenn es publiziert wird, zudem fördert es die elitenorientierte One-Way-Kommunikation. Papier ist es ein teurer Rohstoff, der zunächst zur Umweltzerstörung und später zur Umweltverschmutzung beiträgt. Es lässt sich nicht einmal gescheit archivieren, es stinkt, staubt, vergilbt und zerfällt. Lässt man Papier in seiner Funktion als brennbares Material mal außen vor, besitzt es null Nachhaltigkeit. Doch der wichtigste Grund dagegen wäre wohl: Es interessiert niemanden mehr. Tageszeitungen und Fachzeitschriften verlieren seit Jahren verlässlich an Auflagen – ebenso an Journalisten, die Opfer konservativen Missmanagements und fehlender Geschäftstüchtigkeit geworden sind. Der demographische Wandel ist der einzige Grund, weshalb bedrucktes Papier heute noch Anhänger findet, doch selbst eine stark alternde Gesellschaft wie Deutschland wird es nicht verhindern können, dass irgendwann die letzte Seite geblättert wurde.

Mein Gott: Print, dass wir darüber heute noch sprechen müssen…

Übrigens: Ungeachtet dessen wollen die deutschen Verleger im September den Faden wieder aufnehmen – kurz vor 2014 – und dann doch noch einmal über einen künstlich erzeugten Image-Boost für tote Bäume nachdenken. Na, gutes Gelingen.

Google als „Taliban“

Im Folgenden ein Zitat aus der Neuen Zürcher Zeitung (1986), die seinerzeit ein Stück über „Carl Benz und die Folgen“ (PDF) brachte und sich darin mit der Kulturgeschichte des Automobils zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts beschäftigte:

Der Zorn der Masse wandte sich gegen die „Satansmaschinen“ vor allem auch, weil sie ein Fortbewegungsmittel der Reichen waren; das gab der Autophobie sogar klassenkämpferischen Anstrich. Dazu kamen wirtschaftliche Besorgnisse: Ein Heer von Handwerkern und kleineren Gewerbetreibenden (Schmiede, Wagenbauer, Fuhrwerkbesitzer, Droschkenkutscher, Pferdezüchter) bangte ernsthaft um seine Existenz. Diejenigen, die sich vom Automobil zunehmend gefährdet fühlten, empfanden es denn auch als hoffnungsvolles Zeichen, dass in Graubünden um 1900 ein allgemeines Autoverbot („Das Fahren mit Automobilen auf sämtlichen Strassen des Kantons Graubünden ist verboten.“) beschlossen wurde, das bis 1925 galt.

Kommt uns bekannt vor, oder?

Die deutsche Verlagsbranche zeichnet sich seit spätestens Anfang des Jahres durch ein noch deutlich vernehmbares Jammern nach außen und realitätsverzerrende Durchhalteparolen nach innen aus: Google wird heute eben nicht mehr als „Satansmaschine“, sondern als „Taliban“ beschimpft – der Rest ist identisch. Das Leistungsschutzrecht, herzzerreißende AdBlocker-Appelle, EU-Vorsprachen der Deutschen Content Allianz („Umso erforderlicher ist es, die Erfahrungen etwa aus den netzpolitischen Diskussionen in Deutschland (gemeint: Leistungsschutzrecht – Anm.) nach Brüssel zu transportieren und sich frühzeitig in die anstehende Orientierungsdebatte z. B. im EU-Urheberrecht einzubringen.“) oder die jetzige Print-Kampagne zählen zum Repertoire reiner Verzögerungstaktiken im Angesicht des Fortschritts.

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„Bitte, liebe Gesellschaft, kauft Print!“ ist ein armseliges Flehen, das nicht nur nervt, sondern Energien auffrisst, die woanders dringend benötigt werden: In der Modernisierung und Technologisierung des Journalismus, im Entwickeln neuer Geschäftsfelder und -modelle zum Beispiel. Das Problem des Journalismus ist in erster Linie nicht das Medium, sondern sein allgemeiner Bedeutungsverlust. Der Appell („Bitte, bitte, unterstützt uns!“) zielt auf das gesellschaftliche Mitleid, dem allerdings kein Relevanzautomatismus inhärent ist. Nur, weil ich dem Mahnruf folge, heißt das nicht, dass ich den Zeitungskauf mit irgendeiner Bedeutung verknüpfe. Es ist mir egal, es ist eine Zeitung, wie ich sie vor zehn Jahren kaufen konnte, und sie passt nicht in diese Zeit. Relevanz lässt sich nicht kaufen, herbeibitten oder durch staatliche Eingriffe herstellen. Solange die Verlagsbranche weiterhin ihre Bedeutsamkeit ex negativo definiert („Google ist böse.“ / „Internet kann nix.“ / „Die klauen alle unsere Inhalte.“ / „Fernsehen ist auch nicht besser dran.“) können noch so viele öffentliche Stoßbitten vom Stapel gelassen werden. Es ändert sich nichts. Wir verlieren nur Zeit.

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