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Als die Werbung noch Anstand hatte: „Es wird garantiert, daß dieser Ofen gleichmäßiger bäckt und schneller kocht als irgend ein anderer im Markte befindlicher!“

By 16. März 2014 No Comments

Ah, die gute, alte Zeit! Ich bin gerade per Zufall über das neugestaltete Google News Archiv gestolpert, das mittlerweile Tausende Zeitungsausgaben beherbergt. Fast alles stammt aus den USA und hier spezieller: aus dem vorletzten Jahrhundert. Im Zuge der Industrialisierung kam es im späten 19. Jahrhundert zu einer Massenmigration durch Deutsche, denen im dunklen Dampfmaschinenzeitalter entweder die Lust verging oder die Chancen verwehrt wurden. Rund sechs Millionen Menschen wanderten in dieser Zeit aus DACH aus und landeten in Amerika. Daher sind es im Archiv auch jede Menge deutsche Ausgaben zu finden…

Die Zeitungen geben Aufschluss über das Leben in der neuen Heimat und sind ein gefundenes Fressen für Historiker, Wirtschaftswissenschaftler, Witzhermeneutiker, Soziologen (übrigens spannend zu sehen, wie sich die Deutschen gegen die Integration stemmten und lieber in abgekapselten German Towns lebten) – und Werber!

Holla, die Waldfee! Die Werbung! Tatsächlich nahm die Werbung in den damaligen Zeitungen einen großen Raum ein; zum einen in finanzieller Hinsicht, zum anderen in Bezug auf die quantitative Wucht im Vergleich zum redaktionellen Teil. Das zieht sich durch die gesamte, deutsche US-Zeitungslandschaft – von der Ostküste bis in den Mittleren Westen. Besonders auffallend ist dabei aber die verbindliche Freundlichkeit! Hier ein Beispiel aus der „Täglichen Deutschen Zeitung“ vom 1. Juli 1854:

Die Tagliche Deutsche Zeitung - Google News Archivsuche Juwelen! Juwelen!! Der Unterzeichnete erlaubt sich, seinen Landsleuten die ergebene Anzeige zu machen, daß er zu seinem bereits sehr reichhaltigen Lager noch eine bedeutende Auswahl der neuesten M o d e – J u w e l e n von den vorzüglichsten Fabriken Europa’s erhalten hat, welches ihn in den Stand setzt, die verschiedenen Geschmacke zu sehr billigen Preisen zu befriedigen. Auch erlaubt er sich, die Aufmerksamkeit des Publikums darauf zu lenken, daß in seinem Etablissement auf Verlangen alle künstliche Arbeiten von Haaren prompt angefertigt werden. F. Stubenrauch.

„Kommt und seid überzeugt“

Putzig, oder? Wie höflich man sich seinerzeit dem Kunden näherte. Das nächste Beispiel stammt aus New Orleans und bewirbt eine Art Winterschlussverkauf im Möbel-Business („New Orleanser Deutsche Zeitung“, 20. Januar 1884):

New Orleanser Deutsche Zeitung - Google News Archivsuche-1 Reductionen. Zu denen, welche Möbeln bedürfen, möchten wir sagen, daß die Preise eines jeden Artikels in unserem Vorrath herabgesetzt worden, obgleich die Möbeln im Werthe um von zehn bis zwanzig Prozent gestiegen sind. Unser Beweggrund, diese Reductionen zu machen, ist nicht darin zu suchen, daß wir zu viel Waare auf Lager haben, sondern in dem Bestreben, unseren Kunden in jeder Saison einen neuen Vorrath zu zeigen.
Zu denen, welche Käufe in unserem Fache beabsichtigen, möchten wir sagen: K o m m t u n d s e i d ü b e r z e u g t, daß unsere Reductionen keine imaginären sind, sondern von Zahlen stattgefunden haben, welche jederzeit garantiert werden, die niedrigsten zu sein. Das billigste M ö b e l – H a u s im Süden.

Das klingt ein wenig nach meiner ersten Lateinübersetzung, appelliert aber, ganz im frühen Werberstil, an eine gewisse „Geiz ist geil!“-Mentalität – kombiniert mit dem Versprechen, dass die Qualität darunter natürlich nicht zu leiden hat. Übrigens: Ist dem geneigten Leser aufgefallen, dass die Anzeige ganz ohne Ausrufezeichen auskommt?

Medizinische oder pharmazeutische Angebote standen neben Möbeln und Kleidern ganz oben auf der Liste. Den Anzeigen nach zu urteilen, kämpften die Einwanderer viel mit Atemwegs- und Hysterieerkrankungen – auch Knochenbrüche erhielten einige Aufmerksamkeit. Aber ein wirklich immer wieder hervorstechendes Leitmotiv der Arztreklame bestand aus Heilungsversprechen bei weiblichen Menstruationsbeschwerden:

Pittsburger Volksblatt - Google News Archivsuche-2Geheime Krankheiten, Auszehrungen, Seroseln (Wassersucht, Anm.), Haut-, Leber-, und Nierenkrankheiten werden in der kürzesten Zeit geheilt durch Dr. Young, früher in Philadelphia, welcher sich auf die (unleserlich) No. 75, 3te Straße Pittsburg niedergelassen hat. Ein Emmenagogue (Kräutermischung gegen Menstruationsbeschwerden, Anm.) für Frauenzimmer, welches alle Hindernisse der Regelmäßigkeiten beseitigt, wird von Dr. Young präpariert…

Dr. Young gab diese Anzeige am 11. April 1866 im „Pittsburger Volksblatt“ auf.

Tell! Don’t show!

Die moderne Frau des ausgehenden 19. Jahrhunderts brauchte aber nicht nur Heilmittel gegen Unterleibsbeschwerden, sondern natürlich auch ordentliche Hardware in der Küche. Die Kaufempfehlung muss unweigerlich für den „Garland“ ausgesprochen werden:

safe-burnerDer „Garland!“ Der beste „Safe Burner“ – Größter Triumpf bis jetzt errungen! Es wird garantiert, daß dieser Ofen gleichmäßiger bäckt und schneller kocht als irgend ein anderer im Markte befindlicher!

Die Anzeige stammt aus dem „Rochester Täglicher Beobachter“ vom 3. Januar 1877. Hier kommt es bereits zu einem frappierenden Bruch mit der bislang hervorstechenden Devise „Tell, don’t show!“, die offenkundig druckertechnischen Schwierigkeiten bei der Bildverarbeitung geschuldet war. Es ist anzunehmen, dass dergleichen Anzeigen ein Schweinegeld kosteten, weshalb sich viele Werbedesigner auch in den Folgejahren auf Altbewährtes verließen: etwa die stoische Wiederholung der Produktnamen oder das pfiffige Treppchenmodell als Eyecatcher.

Rochester Taglicher Beobachter - Google News Archivsuche-1 Auf die Frage „Was bekomme ich eigentlich für mein Geld?“ hatten auch J. F. Amsden u. Sohn eine gute Antwort. Die Anzeige stammt aus derselben Ausgabe wie oben:
Wollt Ihr für euer Geld den wirklichen Werth in Ellen-Waaren (Meterwaren, Anm.) erhalten, so ist dazu augenblicklich die beste Gelegenheit, wenn Ihr im eigenen Interesse vorsprecht bei J. F. Amsden u. Sohn. Importeure, Groß- und Kleinhändler in Ellenwaaren. No. 36, Statestraße.

Schon früher nostalgisch…

Freundlich, aber bestimmt! Die Werbung vor 150 Jahren kannte ihre Kunden und deren Ansprüche. Reklame wurde in erster Linie als Information für den Käufer verstanden; die Leser fühlten sich von der alten Welt abgeschnitten und hungerten nach Produkten, die sie kannten und mit der ehemaligen Heimat verbanden. Viele Ankündigungen sprechen von „Lagerauffüllungen“ oder „neuen Vorräten aus Europa“ oder berichten von Schiffen, die aus Hamburg, Bremen oder Antwerpen und Havre kamen und erst gestern ihre Ladung im Hafen löschten. Für uns klingt es komisch, doch die alte, deutsche US-Reklame stimmte seinerzeit sicherlich viele Zeitgenossen nostalgisch.

Was für ein Glück, dass es dann aber immer noch das Alltägliche gab! Etwa diese öffentliche Bekanntmachung durch den Bürgermeister von Indianapolis, die am 1. Januar 1871 im „Täglicher Telegraph“ erschien:

Taglicher Telegraph - Google News Archivsuche


Eine Ordinanz!
Eine Ordinanz, welche das freie Herumlaufen von Ziegen in der Stadt Indianapolis verbietet.
S e c t i o n 1. Sei es von dem Stadtrathe der Stadt Indianapolis verordnet, daß irgend eine Person, welche eine Ziege oder einen Ziegenbock, die das Alter von 6 Monaten überschritten haben, besitzt oder beherbigt und gestattet oder erlaubt, daß solche Ziege oder solcher Ziegenbock frei Herumlaufen in besagter Stadt für jeden Tag, wo dieses herumlaufen gestattet und erlaubt wird nicht weniger als einen (unleserlich) mehr als fünf Dollars gestraft werden. Daniel Macauly, Mayor.

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Leidenschaftlicher Social Median und Blogger aus Hamburg. Mehr erfahren.

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