Stolz und Vorurteil – und der irreversible Twitter-Fuckup Wie Elon Musk der Welt ein soziales Netzwerk stahl

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Musks erstes großes Missverständnis bestand darin, Twitter für eine wichtige Plattform zu halten.

Und damit ist er nicht alleine. Die Rolle, die das Netzwerk spielt, wird heute von den meisten überschätzt – dazu zählen in erster Linie Techies, Journalisten, Werber, Aktivisten, Politiker und so manche A- und B-Promis. Niemand anderes interessiert sich für Twitter. Keiner.

Twitter ist bis heute ein Winzling im Sichtbarkeitsstreit der sozialen Netzwerke geblieben: Facebook umspannt mit rund drei Milliarden Active Users im Monat die Welt. YouTube hat fast 2,1 Milliarden und ist auf jedem Smartphone der Welt zu finden. WhatsApp ist riesig (zwei Milliarden mittlerweile), TikTok ist noch nicht einmal fünf Jahre alt und hat schon über eine Milliarde Active Users. Und Twitter? Kommt auf gerade einmal knapp 400 Millionen – weniger als Snapchat, selbst weniger als Pinterest. Und das sind die Besucher der Plattform (inklusive externer Zugriffe), nicht die Zahl der registrierten Accounts, die Twitter bis heute nicht kommuniziert. Und dann hätten wir da noch das Problem der Bots- und Fake-Accounts, das nach Musks Angaben ja bis heute persistiert und die bekannten Statistiken noch einmal künstlich aufbläht.

Was, bitteschön, ist Twitter?

Für die meisten Menschen in den meisten Ländern diese Erde spielt Twitter schlichtweg keine Rolle. Musk tätigte den Kauf nicht auf Grundlage klarer Deliberation in Sachen Reichweite und gesellschaftlichem Impact, sondern weil er sich in seinem persönlichen Hobby verlor. Anders ausgedrückt: Twitter machte ihm einfach Spaß. Das Trolling, das Meme-Game, die Aufmerksamkeit der folgsamen Fanboys, das unmittelbare – mal amüsierte, mal schockierte – Feedback der wenigen, echten User. Es schmeichelte ihm, es unterhielt ihn. Letztlich maß er dem Ganzen eine Bedeutung bei, die sich mit der Realität nicht deckte. Es war Stolz und Selbstüberschätzung.

Dass es sich bei dem Kauf tatsächlich um einen irreversiblen Fuckup handelte, muss ihm schon kurz nach Betreten des Twitter-HQs klargeworden sein. Das Netzwerk verbrennt derzeit vier Millionen US-Dollar pro Tag. Die fälligen Zinsen der Kaufsumme von 44 Milliarden Dollar betragen für Musk eine Milliarde Dollar pro Jahr: Geld, das selbst der reichste Mann der Welt nicht flüssig hat, da sein Vermögen beinahe komplett in Tesla-Anteilen gebunden ist. Und sollte er damit beginnen, dort seine Aktienpakete zur Tilgung der Schulden abzustoßen, wird sich der Fuckup wie ein Wurm ins nächste Unternehmen fressen. Das weiß er.


Nur mal zum Vergleich: Es gibt heute auf Twitter rund 424.000 verifizierte Accounts, die sich durch was auch immer bis heute für ein blaues Häkchen qualifiziert haben. Würden all diese Menschen den 8-Dollar-Deal ein Jahr lang eingehen, könnte Twitter auf der Einnahmenseite gerade einmal knapp 41 Millionen Dollar verbuchen. Es gibt keinen Stein auf der Welt, der ansatzweise heiß genug wäre, um diese Summe entsprechend schnell verdampfen zu lassen. Unser neuer Twitter-Chef braucht Geld. Und das ganz schnell.

Der schmale Grat zwischen „freier Rede“ und „freier Rede“

Und hier beginnt das eigentliche Problem: Musk ist (übrigens vollkommen aufrichtig angemerkt) ein bewundernswerter Mensch. Es gab und gibt nur wenige, die so große Risiken eingehen, um ihre Träume zu verwirklichen. Doch Musk denkt wie ein Ingenieur, wie ein Entwickler. Er sieht Herausforderungen als reine Technologieprobleme an, bei denen es reicht, ein Dutzend kluger Köpfe – gut bezahlt und lange genug – in ein Zimmer einzusperren, um früher oder später eine allgemeingültige Lösung zu präsentieren, die dem kritischen Test der Physik und Mathematik standhält.

Doch Twitter stellt kein Technologieproblem dar. Die Plattform ist in erster Linie ein gesellschaftliches und in zweiter Linie ein politisches Problem. Wir befinden uns hier in einer Welt, in der 1 + 1 nicht 2 ergibt, sondern irrationalen Hass, ausufernden Narzissmus, manchmal einfach Zeitvertreib und manchmal einen Aufruf zum Umsturz. Musk hatte bereits früh das Versprechen abgegeben, „Free Speech“ über alles zu stellen. Niemand solle einen Maulkorb verpasst bekommen, niemand solle wegen simpler Verstöße der sowieso überarbeitungswürdigen Community-Richtlinien Opfer einer Account-Sperre werden. „Free Speech“ – wie er es versteht – ist jedoch etwa für uns Europäer ein auffallend radikales Recht. Etwa menschenverachtendem Hass, Antisemitismus, aufhetzenden Gedanken Worte zu verleihen, ist aus guten Gründen nicht nur hierzulande geächtet. Jedes Land hat unterschiedliche, politisch angeordnete Regeln, wie die Meinungsfreiheit konkret ausgelebt werden kann: demokratische, wie autokratische. Diese Balance zwischen freier Rede und gebotener Zurückhaltung zu wahren, wird in nächster Zeit keine künstliche Intelligenz übernehmen können. Solch eine Bewertung hängt von Werturteilen denkender Menschen ab.

Adpocalypse, here we come

Daher kann Musks erster Moves, zunächst einmal die halbe Belegschaft bei Twitter zu feuern, nur als zweifelhaft klug gewertet werden. Kein Werber der Welt wird seine Markenbotschaft dort schalten, wo Hate Speech floriert. Wir alle erinnern uns noch farbig an die „Adpocalypse“ auf YouTube, bei der Unternehmen unisono Google den Mittelfinger zeigten und sämtliche Werbegelder von der Plattform abzogen. „Ich liebe es!“-Hamburger neben dem überzeugten Hitlergruß eines „Free Speech“-Enthusiasten kommt nicht so gut.

Twitter ist nun auf Gedeih und Verderb den Entscheidungen eines von Geldsorgen getriebenen Self-Made-Millionärs ausgeliefert, der bislang vollkommen irrrational agierte, da er keine – wirklich absolut keine – Erfahrung im Bereich globaler sozialer Netzwerke hat. Nicht wenige Nutzer sind daher in diesen Tagen auf dem Absprung. Doch denjenigen, die jetzt mit Gedanken an eine Account-Schließung auf Twitter spielen, möchte ich dennoch folgende Gedankenpunkte mit auf den Weg geben.

Erstens:
Noch ist nichts passiert, nichts entschieden. Bei Musk ist derzeit vieles „Laber, Laber, Rhabarber“, viele Testballons werden live gestartet, weil er immer noch der Meinung ist, dass seine Followerschaft „Twitter“ darstellt. Er wartet auf Reaktionen. Zudem: Wer jetzt geht, aber nach wie vor auf Facebook, TikTok oder Telegram aktiv ist, kann sich morgen stolz eine Pharisäer-Urkunde ans Revers heften, um dann für den Rest des Tages beschämt in die Ecke zu gucken.

Zweitens:
Mastodon. Ja. Jaaa. Ne. Es gibt auch hier Probleme. Selbst für diejenigen, die sich in das Fediverse hineinfuchsen. „Yeah!“ für Open Source, „WTF?!“ für die Tatsache, dass theoretisch jeder Admin einer Instanz ungestört in den DMs seiner Nutzer blättern darf. Es gibt keine Moderationsrichtlinien, nicht einmal die Kapazitäten dafür oder die Absicht oder Finanzierung, solche aufzubauen. Rein theoretisch kann jeder Admin seine User und Instanz nach Gutdünken löschen. Übrigens: Trotzdem bin ich auf Mastodon.

Drittens:
Die Sache mit dem Global Village: Es könnte sein, dass es an der Zeit ist, langsam voneinander Abschied zu nehmen und das große, weltumspannende Netzwerk der Kommunikation zu verlassen. Wir haben jahrelang experimentiert. Und es hat nicht wirklich funktioniert. Vielleicht lest ihr bei Frank Rieger nach, warum es vielleicht doch lohnt, die Filterbubbles wieder aufzubauen.