Twitter-Alternative Mastodon: Hitlergruß nach Feierabend Warum das Fediverse nicht die Rettung ist. Zumindest derzeit nicht.

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Okay, also Twitter ist durch, Twitter ist verbrannt. Das Netzwerk wurde Opfer der feindlichen Übernahme eines unberechenbaren Hedonisten mit megalomanischen Wesenszügen. Jemandem, der „freier Rede“ Vorfahrt gewährt, solange sie Genehmes widerspiegelt und Kritik nicht verbalisiert. Vor elf Jahren versprach uns Elon Musk, dass wir heute mit Sektflöten anstoßend auf dem Mars feierten. Stattdessen werden wir in Echtzeit ungläubige Zeugen, wie sein neues Netzwerk, das in der Vergangenheit bereits erwiesenermaßen Demokratien destabilisierte, mit Nachdruck zum globalen Radikalisierungskatalysator weiterentwickelt wird.

Facebook – von Datenschutzskandalen durchgeschüttelt und angesichts des bislang 15 Milliarden Dollar verschlingenden „Metaverses“ beachtlich ideenlos – ist ein reines Boomer-Netzwerk geworden. Instagram mutierte in den vergangenen Jahren zum Depressions-Inkubator. Und TikTok ist das bunteste Spionage-Netzwerk, das Xi Jinping je kontrollierte. Da schmelzen die Optionen: Wo gewinnen Marken beim Kunden? Wie funktioniert Online-B2B? Wie erreicht die Politik die Bürger?

Mastodon soll es richten: Open Source, bottom-up, frei von kommerziellen Gedanken, durch die Community betrieben. Alle Macht den Nutzern! Klingt super. Da hatte ich mir also auch vor einiger Zeit einen Account zusammengeklickt, lasse diesen aber aus Komfortgründen und vager Hoffnung auf unbeabsichtigte Reichweite bis heute größtenteils mit gespiegelten Tweets füttern. Dennoch stellt sich die Frage: Besteht der einzige Nachteil für SoMe-Leute denn wirklich darin, dass man bei Mastodon wieder mit allem von vorne beginnt?

Nope. Da gibt es noch mehr…

Ich bin dann mal weg

Die meisten Klein- und Kleinstinstanzen von Mastodon werden heute wohl vom Hobbykeller oder Kinderzimmer aus betrieben. Rein theoretisch reicht schon ein Raspberry Pi, ein How-To-Video auf YouTube und eine große Dose Monster Energy aus, um einen neuen Knotenpunkt ins Fediverse zu dübeln. Und hier liegt die Gefahr: Genauso schnell, wie Instanzen entstehen, können sie auch wieder verschwinden. Private Admins sind niemandem verpflichtet. Wer keine Lust, keine Zeit oder keine Kohle mehr hat, kann nach Gutdünken und ohne Ankündigung den Stecker ziehen, wichtige Security-Patches verpassen und gehostete Accounts in den Orkus schicken. Und selbst wenn wir den Admins aufrichtigen Eifer und eine lange Motivationsstrecke unterstellen, können auch ihnen Fehler passieren. Wie etwa dem Gründer von Bonn.Social, der 2017 beim Update-Versuche seine Instanz inklusive aller Konten kurzerhand und unabsichtlich komplett schrottete:


Theoretisch ist dies auch bei den großen Netzwerken möglich. Jedoch greifen hier offiziell Auflagen, etwa das Recht auf Datenübertragbarkeit (Art. 20 DSGVO) oder Initiativen wie das Data Transfer Project, dem sich Facebook, Microsoft, Twitter, Apple und andere offiziell verpflichtet haben. Kurzum: Hier wird es immer eine Vorwarnung geben und dass Daten plötzlich verschwinden, ist so gut wie ausgeschlossen.

Deine Daten sind meine Daten

Aufgrund seiner Dezentralität wird dem Fediverse oft eine große Datenschutzfreundlichkeit unterstellt. Es gibt keinen creepy Mark Zuckerberg oder herablassenden Elon Musk, der auf dem knarzenden Sessel sitzend im White Room des Hauptquartiers zentralen Zugriff auf die geheimsten Gedanken seiner Nutzer hat. „Digitalisierung und Datenschutz gehören zusammen!“, bejubelte daher etwa jüngst Stefan Brink, Landesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit in Baden-Württemberg, die Alternative Mastodon. „Social Media kann auch datenschutzkonform funktionieren!“ Ja. Kann. Denn natürlich steht und fällt der Datenschutz mit dem Betreiber der jeweiligen Instanz, der die Datenverarbeitung vollkommen eigenverantwortlich regelt. Er „kann“ nämlich auch die DMs seiner Mitglieder durchstöbern, wenn er möchte. Er „kann“ Daten verlieren. Er „kann“ unachtsames Opfer von Hackern werden, die den Rüssel tief in den Datentrog seiner Instanz stecken.

„Please keep in mind that the operators of the server and any receiving server may view such messages, and that recipients may screenshot, copy or otherwise re-share them“, heißt es daher in der recht knappen Datenschutzerklärung der Mastodon-Urinstanz (mastodon.social) des Netzwerkerfinders Eugen Rochko. „Do not share any sensitive information over Mastodon.“

Denn in Wirklichkeit ist das Fediverse ein Datenschutz-Albtraum – unzuverlässig, niemandem Rechenschaft schuldig und aufgrund seiner Größe schon heute quasi unkontrollierbar. Zumal in Deutschland, das seit Jahrzehnten mit einem attestierten Mangel an digitalem Know-How und folgerichtig mauem Durchsetzungsvermögen im Netz operiert. Die einzige Möglichkeit, Mastodon heute datenschutzkonform nutzen zu können, besteht im Betrieb der eigenen Instanz. Alles andere ist Wilder Westen.

Hitlergruß nach Feierabend

In einem gewissen Sinne haben Apple und Google bessere Instrumente der Selbstregulation geschaffen, als Berlin oder Brüssel es für die großen Tech-Unternehmen je hätten erdenken können. Eine Regel ihrer App Stores etwa lautet: Die mobilen Anwendungen sozialer Netzwerke dürfen erst dann in die Kataloge aufgenommen werden, wenn sie ein effektives System zur Moderation nutzergenerierter Inhalte nachweisen können. Das Nazi-Netzwerk Parler konnte es beispielsweise nicht und flog aus Apples App Store. Auch Trumps Truth Social schaffte es nicht auf die Smartphones. Mittlerweile darf wieder offiziell gehetzt werden. Moderation sei heute angeblich da. Naja.

Und hier der Schocker: Im Fediverse ist Content-Moderation ein optionales Nice-to-have. Ob Snuff-Filmchen, Enthauptungsvideo, KiPo oder Mordaufruf – der jeweilige Mastodon-Admin entscheidet alleine, was Instanz-konform ist und was nicht. Das Fediverse kennt keine globalen Community-Guidelines, kein gemeinsames Wertesystem, es gibt keine allgemeingültigen Regeln für Postings, kein Aufsichtsgremium, das bei Zensurbeschwerden angerufen werden kann. Nun kann man davon ausgehen, dass vor allem deutsche Admins den Gesetzeshütern aus dem Weg gehen wollen und entsprechende Maßnahmen ergreifen möchten. Sofern sie von Verstößen erfahren. Ich habe einige Instanzen ausprobiert und bin dabei auf mehrere Flagging-Optionen gestoßen: Bei den einen lässt sich Spam melden, bei den anderen Rechtswidriges, bei den einen Verstöße gegen Server-Regeln, bei anderen fast gar nichts. Und selbst dann stellt sich die Frage, was Fynn (21 Jahre alt, macht seinen B.A. in Betriebswirtschaft und betreut nebenher eine eigene Mastodon-Instanz mit 10.000+ registrierten Accounts) mit all den Meldungen nach Feierabend macht: Ob eine Mastodon-Plattform moderiert oder resigniert von Hitlergrüßen geflutet wird, hängt von Zeit, Geld und Ressourcen des jeweiligen Admins ab. Die großen Netzwerke setzen auf KI und fortlaufend psychologisch betreute Moderationsteams, um Unvorstellbares aus den Feeds der Nutzer zu fischen. Eine schier unerreichbarer Luxus für Betreiber solch nichtkommerzieller Plattformen.

Zugegeben, das klingt alles recht niederschmetternd. Und suggeriert, das Heil in der digitalen Heimatlosigkeit zu suchen. Denn was bleibt uns schon übrig? Wir werden absehbar in jeder Konstellation mit sozialen Netzwerken Probleme bekommen: Durch private Unternehmen per Werbefinanzierung betriebene Plattformen bedeuten zwangsläufig Kollisionen mit dem Datenschutz und unweigerlich polarisierende, zum Teil demokratiegefährliche Inhalte – Ads leben immer von Aufmerksamkeit. Direkt kostenpflichtige Netzwerke laufen Gefahr, wichtige Stimmen verstummen zu lassen. In staatlichen Händen würde eine gigantische Überwachungsinfrastruktur aufgebaut: WeChat und TikTok etwa sind heute fester Bestandteil der Kommunikationsinfrastruktur der Kommunistischen Partei. Feuchter Traum auch deutscher Behörden. Noch eine Alternative! Stellen wir uns für einen Moment ein soziales Netzwerk vor, das vom deutschen öffentlichen Rundfunk betrieben wird. Und danach die von Anfang an erwartete Enttäuschung. Oder eben… wir lassen die Open Source-Leute etwas auf die Beine stellen: Freiwillig, abhängig von individueller Laune, ressourcenlos, dezentral. Und anfällig für das Scheitern so vieler Ansprüche, die eine moderne Gesellschaft an sie stellt. Es braucht unweigerlich mehr Konsolidierung, Professionalisierung, rechtliche Prädiktabilität und tragfähige Monetarisierungsmodelle, um hier privatwirtschaftlichen Angeboten die Stirn bieten zu können.

Anyway. Für alle, die am Ball bleiben wollen, hier ein paar Tipps für Mastodon-Interessierte: Ich weiß, es ist verlockend, sich für Instanzen zu entscheiden, die „meinem Hobby, meiner Leidenschaft und meinem unbändigen Drang nach Individualität“ ein Zuhause geben. Tut das nicht. Sucht euch für die Erstellung eurer Accounts möglichst große und seit möglichst langer Zeit etablierte Instanzen aus, die bestenfalls nicht von einzelnen Admins, sondern von öffentlichen Einrichtungen betrieben werden. Überprüft das Impressum und macht euch wirklich einmal die Mühe, die Server-Regeln und Datenschutzerklärung durchzuscrollen. Und dann entscheidet euch am Ende für mastodon.social.