
Irgendwann explodierte das Internet. Nicht über Nacht, aber dennoch plötzlich. Im Jahr 2000 betrug der globale Netz-Traffic 75 Petabyte im Monat; nach knapp zehn Jahren wurde die Grenze von 15.000 Petabyte geknackt. Im Jahr 2009 wurden 247 Milliarden E-Mails versendet – pro Tag.
Schon früh blieben redaktionell begleitete Seitenverzeichnisse (wie Yahoo!) auf der Strecke, noch zur Jahrtausendwende schrieb ich als Student für einige Verlage, die mit wackeren Durchhalteparolen an den “Gelben Seiten” für das Internet festhalten wollten (teilweise mit abgedruckten Screenshots). Wenige Monate nach dem Dotcom-Desaster ging einer nach dem anderen Bankrott. Das Internet entwickelte sich rasend schnell zu einem gigantischen Zettelkatalog, dessen Schubladen sich schon lange nicht mehr mit Leitern erreichen lassen. Wir haben ein System erschaffen, in dem sich Daten wesentlich schneller kreieren als gescheit ablegen lassen. Google übernahm das Ruder und versuchte mit ausgeklügelten Algorithmen der Datenflut Herr zu werden: doch Linkfarms und andere SEO-Ablenkungen, anachronistische Ergebnisse und andere Irrelevanzen füllten schnell den Index. Wer heute nach “http” googelt, erhält “ungefähr 25.270.000.000 Ergebnisse”. Jeder Tweet, jedes Twitpic, jedes öffentliche Status-Update auf Google Plus und Facebook fügt eine neue Seite hinzu. Immer mehr Maschinen lernen und kommunizieren über das Netz (“Internet der Dinge”) und hinterlassen breite Datenspuren.
Gibt es Orientierung? Kaum. Die Suchmaschinen, die heute zu den Global Players gehören, sind plump und dumm, da sie allesamt lediglich Keyword-Ableichungen im Datenchaos vornehmen. Wie das Universum dehnt sich auch das Internet von Sekunde zu Sekunde weiter aus – von einer Nadelsuche im endlichen Heuhaufen zu sprechen, wäre also vermessen. Weiterlesen
Es ist der Offenbarungseid eines führenden Industriestaats. Einer Nation, die stolz auf die Entwicklungen im Land ist, Innovationen mit großem Pomp feiert, mit Megabudgets die eigene Fortschrittlichkeit in Wirtschaft und Politik vermarktet. Es ist sogar weit mehr als ein Offenbarungseid, es ist eine Schande, was Deutschland sich da leistet. Ich möchte die EHEC-Krise nur bedingt in den Mittelpunkt rücken, doch dieser Fall erweist sich immer mehr als ein so symptomatisches, so dramatisches Beispiel, dass man gar nicht umhin kann.
EHEC ist ein Synonym für das absolute Informationschaos geworden. Es gibt bis heute keine verlässlichen Details über die Herkunft und Ausbreitung der Seuche, es gibt nicht einmal Informationen über den aktuellen Stand der Ermittlungen. Dafür werden die Deutschen gerade Zeugen von Absatzeinbußen in Millionenhöhe, bilateraler Verbitterung und jeder Menge Paranoia – darüber liest man immerhin eine ganze Menge.
Im vorliegenden Fall ist es noch zu früh für Schuldzuweisungen, was den Urheber der Keimseuche angeht. Jedoch gibt es eine Partei (besser gesagt zwei!), die schon jetzt als straffällig zu bezeichnen ist: unsere Bundesregierung. Sie alleine hat den kollektiven Verfolgungswahn zu verantworten, das dezentrale Magaphongeschrei von Wissenschaftlern, Behörden, Bauern und Bürgern. Das ganze Durcheinander geht auf die Kappe von CDU und FDP, die entweder nicht verstehen – oder verstehen wollen – wie Krisenkommunikation heute auch nur in Ansätzen auszusehen hat. Weiterlesen
Ich bin jetzt seit einigen Wochen bei der ZBW und in meiner Zeit dort haben wir bereits einige Dinge anpacken und umsetzen können (viel Interna, aber auch den Relaunch der Facebook-Seite und die Einrichtung der Location Based Services) – weitere Schritte folgen schon bald. Die ZBW bietet eine Reihe von Diensten, ein bestimmter jedoch hat es mir von Anfang an angetan: EconDesk. Dahinter steckt ein völlig kostenloser Rechercheservice für jeden, der schnell Fakten aus der Wirtschaftswelt benötigt. Im Chat, per Mail, am Telefon oder eben persönlich wird das Team mit der Suche beauftragt. Die Antwort kommt meistens postwendend zurück, in aufwändigen Fällen (“Wie viele Flügeltürkühlschränke wurden im Jahr 1987 im Münsterland verkauft?”) dauert es maximal zwei Werktage.
Ich habe Nicole Krüger, die EconDesk verwaltet, ein wenig über die Hintergründe ihrer Arbeit befragt. Und schon geht es los…
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Seit einiger Zeit befinden sich die Medienbranche im Allgemeinen und Bibliotheken im Speziellen in einem tiefgreifenden Wandel, der durch die veränderten Publikations- und Verbreitungsmodelle (z.B. Citizen Journalism) im Internet ausgelöst wurde. Dieser Wandel wird häufig im Kontext des Web 2.0 diskutiert. Dabei besteht die Gefahr zu übersehen, dass sich bereits die nächste Revolution anbahnt – die vollständige Erneuerung des Internets, häufig unter dem Begriff “Future Internet” zusammengefasst.
Die Antrittsvorlesung des ZBW-Direktors und Medieninformatikers Prof. Dr. Klaus Tochtermann (Twitter) mit dem Titel “Future Internet – Chancen und Risiken für die Medienbranche” stellt zunächst die laufende Diskussion zur Neugestaltung des Internets vor. Dabei wird zwischen den vier Dimensionen Internet der Inhalte, Internet der Menschen, Internet der Dinge und Internet der Dienste unterschieden. Im Zusammenhang der Beschreibung dieser Dimensionen wird an zahlreichen Beispielen aufgezeigt, welche Chancen, aber auch welche Risiken sich in jeder dieser Dimensionen für die Medienbranche bzw. Bibliotheken ergeben. Da es sich um eine Antrittsvorlesung handelt, wird auf wissenschaftlich-technische Detailausführungen weitestgehend verzichtet. Vielmehr ist der Vortrag so ausgestaltet, dass sich Personen, die an den Entwicklungen des Internets interessiert oder gar davon betroffen sind, ein Bild über das Zukunftsthema “Future Internet” machen können. Weiterlesen
Der eine oder andere hat ja schon mitbekommen, dass ich in Hamburg gelandet bin. Nach zehn Jahren Köln (und zuletzt Basic Thinking) habe ich bei der ZBW (Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft) angelegt, was bei einigen ein großes Fragezeichen verursacht hat: “ZBWas?” – Ich will im Folgenden ein bisschen über meinen neuen Arbeitgeber schreiben und davon berichten, was ich dort so mache.
Okay, was ist die ZBW? Allgemein gesagt, ist die ZBW das weltweit größte Informationszentrum für wirtschaftswissenschaftliche Literatur mit einem überregionalen Auftrag – online wie offline. Heute beherbergt die Einrichtung rund 4,5 Millionen Bände und 32.000 laufend gehaltene Zeitschriften. Würde alles nebeneinander gestellt, käme man auf 78 Kilometer Länge – das entspricht in etwa der Höhe der Mesopause, der atmosphärischen Schicht der Erde, nach der das Weltall beginnt. Daneben stellt die ZBW die wohl am schnellsten wachsende Sammlung von Open Access-Dokumenten im Internet zur Verfügung: EconStor, das digitale Archiv, verfügt heute über 25.000 frei zugängliche Aufsätze und Working Papers. Keine Rumhampelei, keine Paywall – Studenten und Forscher kommen an Ergebnisse, die sie mit ihren Steuergeldern bereits finanziert haben. Wissen ist die einzige Ressource, die sich durch Teilung vergrößert.
Die ZBW ist Teil der Leibniz-Gemeinschaft, was zum einen bedeutet, dass sie als Stiftung (des öffentlichen Rechts) keine kommerziellen Absichten verfolgt. Zum anderen heißt das aber auch, dass ihr Bestehen mit einem expliziten Auftrag verbunden ist. Und genau dieser war auch der Grund, weshalb ich zugeschlagen habe: Die ZBW hat die Aufgabe, sich von der einstmals klassischen Bibliothek in eine erstklassige Serviceeinrichtung für die Wissenschaftscommunity zu verwandeln. Und zwar in einer Form, dass andere Bibliotheken – ob öffentlich oder akademisch – davon lernen können. Weiterlesen
Vielleicht sind die drängenden Probleme der Menschheit bereits gelöst. Vielleicht wurde die Weltformel gefunden. Wer weiß das schon? Wir jedenfalls nicht. Denn Forschung ist im 21. Jahrhundert ein emsiger Bienenstock, im Inneren zerstückelt durch abertausende Waben, jede einzelne gegenüber der anderen hermetisch abgeriegelt. Wissenschaftliche Ergebnisse werden einander vorenthalten – egal, woher sie stammen, wie wichtig sie sind oder wer sie subventioniert hat. Der Schlachtruf “Open Access” (OA) geistert zwar seit Jahren als Symbol eines bevorstehenden Befreiungsschlags durch die Universitäten – er ist allerdings, das muss man sagen, nach wie vor eher ein Schlachtruf als eine Handlungsmaxime.
Open Access bedeutet in der Praxis, öffentlich geförderte Forschung frei und digital für jedermann zugänglich zu machen – ein krasses Gegenprogramm zur bislang wie selbstverständlich anhaltenden Privatisierung des Wissens: “Wenn du meine Ergebnisse verwenden willst, zahle dafür. Kaufe das Buch, erwerbe die Zeitschrift, hol dir den kostenpflichtigen Abo-Zugang zur Datenbank.” Dieses System ist hausgemacht und bildet den größten Knüppel, den sich Wissenschaftler immer wieder selbst zwischen die Beine werfen. Open Access reißt diese Barrieren nieder, immerhin ist die Frage berechtigt, ob die Gesellschaft tatsächlich zusehen muss, wie die durch ihre Steuergelder finanzierten Ergebnisse erst an Privatverlage verkauft und dann teuer zurückgekauft werden müssen. Weiterlesen

Kontextbasierte Werbeanzeigen in Ausdrucken? Das klingt zunächst abwegig, doch wenn man länger darüber nachdenkt, kommt man nicht das Eingeständnis herum: “Es war klar, dass das irgendwann kommen musste!” Der Traum vom papierlosen Büro ist irgendwann in den vergangenen Jahren zerplatzt, trotz (oder besser: wegen) der leichten Verfügbarkeit von Druckern und Kopieren wird heute mehr denn je an Papier verbraucht. Und obwohl Unternehmen wie HP, die neben der Hardware auch die teure Tinte zur Verfügung stellen, an jeder Druckorgie mitverdienen, arbeiten sie daran, den Papierverbrauch zu minimieren.
Laut TechnologyReview arbeitet HP derzeit an einem System, das Websites relevanten Content entreißt, um ihn ordentlich aufbereitet den Druckern zur Verfügung zu stellen: Navigationsleisten, Werbebanner – alles, was nicht zum eigentlichen Inhalt zählt, fliegt dabei raus. Dazu wird die jeweilige Seitenstruktur analysiert und vorgefundene Elemente automatisch jeweils als belangvoll oder belanglos klassifiziert.
Ein ähnliches System kommt heute bereits bei Apples Safari zum Einsatz (siehe Teaserbild oben), der Browser-Reader “entfernt störende Werbung und andere visuelle Ablenkungen aus Online-Artikeln, damit du nur das siehst, was du wirklich sehen willst” (zu finden unter “Darstellung” ➤ “Reader öffnen”). Weiterlesen
Der Begriff des Genies kennt heute zwei Bedeutungen – eine alltägliche und eine etymologisch korrekte. Wenn wir heute von ‘Genie’ sprechen, meinen wir meistens, dass ein Mensch überdurchschnittlich begabt und von überragender Intelligenz gekennzeichnet sei. Tatsächlich ist diese Semantik aber viel tiefer verwurzelt und reicht zurück bis in das 18. Jahrhundert, in die Zeit der Romantik, als Kant erklärte: “Darin ist jedermann einig, daß das Genie dem Nachahmungsgeiste gänzlich entgegen zu setzen sei.”
Ein Genie ist also in der Lage, einen Gedanken zu fassen, der zuvor ungedacht war. Er schafft aus dem Nichts etwas Neues (creatio ex nihilo) – eine Vorstellung, der wir heute nur noch in der Theologie begegnen. Alle Übrigen, seien es Künstler oder Wissenschaftler, bewegen sich in einem intertextuellen Kontext und führen praktisch nur das weiter, was andere bereits begonnen haben. “Romeo und Julia” ist ein Remake von Ovids “Pyramus und Thisbe“, ohne die Maxwellschen Gleichungen hätte es die Relativitätstheorie nicht gegeben. So gesehen, ist der Genie-Begriff reichlich utopischer Natur.
Ich schicke diese kleine Definition nur voraus, um den Ausrufen zu begegnen, die einige angesichts von Produkten einer bestimmten Firma aus Cupertino, Kalifornien, immer wieder vom Stapel lassen: “Genial!” Das Apple-Design ist in der Tat schön, inspirierend, manchmal umwerfend – doch es ist in keinem Fall originär.
Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass Apples Senior Vice President of Industrial Design, Jonathan Ive, maßgeblich an der Entwicklung des iPod, des iPhone, iMac und der MacBooks beteiligt war. Das gilt sowohl für das Äußere, wie auch für die Gestaltung des Graphical User Interface. Ebenso bekannt dürfte sein, dass Ive seine Ideen aus einem riesigen Fundus schöpft, den Dieter Rams in den Sechzigern anhäufte. Er war bis 1995 Chefdesigner bei Braun. Weiterlesen

Yeah, Kraken! Es ist Zeit, dass endlich einmal jemand aufsteht, um Seeungeheuer zu rehabilitieren. Die Diffamierungskampagne gegen den Octopus (Octopus vulgaris) geht schon viel zu lange. Mittlerweile ist er von der Kryptozoologie in die Enzyklopädien geschwommen; wir wissen, was er so macht, wenn er einige Kilometer unter der Meeresoberfläche schmatzend am Grund kauert. Deshalb besteht der Kickoff zur Image-Rettung der Octopoden auch aus einem Donnerschlag des Wissens. Nämlich den
Zehn Eigenschaften, die den Octopus cool machen:
- Der Krake (umgangssprachlich mit grammatikalisch weiblichen Geschlecht) hat seinen Namen aus dem Skandinavischen. Er bedeutet soviel wie “entwurzelter Baum”.
- Er ist mit acht Armen – nicht “Tentakeln” – ausgestattet
(einer davon dient den Männchen der Fortpflanzung). - Er hat blaues Blut.
- Er kann eine Spannweite von bis zu zehn Metern erreichen.
- Er zählt zu den schlauesten Meerestieren. Seine Intelligenz reicht an die von Ratten heran.
- Er besitzt drei Herzen.
- Er denkt mit neun Gehirnen (eines für jeden Arm und das Haupthirn).
- Er ist zum sekundenschnellen Farbwechsel fähig.
- Er hat einen evolutionsbiologischen logischen Augenaufbau: die Netzhaut ist vorne.
- Er kann giftig sein.
Octopoden haben nur ein Problem: Sie sind potthässlich. Kopffüßler hatten in der Welt noch nie einen einfachen Stand, während des Mittelalters wurden sie als Salzwassermonster lanciert, die mit gigantischen Armen Schiffe zerbrechen und Matrosen zum Grund des Meeres reißen. Der Octopus ist daran aber unschuldig, das waren die furchtbaren Tiefseekalmare, die zwar um Längen größer – aber auch dümmer sind. Weiterlesen













