
Ein paar Tage nachdem Thilo Weichert mit seinem Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz (ULD) die große Facebook-Offensive angekündigt hatte, traf ich mich mit einem Freund und schäumte: “Was Weichert vor hat, ist der Wahnsinn! Der Mann muss da weg!” Mein Freund entgegnete, dass es doch eigentlich eine tolle Sache sei: “Warum? Endlich wird es Prozesse geben, die für Rechtsklarheit sorgen.” – Ja, klar. Da ist etwas dran. Sicher. Das macht Sinn. Es gibt einen Streit, zwei Parteien treffen sich beim Richter und es kommt zum Prozess. Irgendwann wird ein Urteil verlesen und die Sache ist erledigt. Macht Sinn. Jedoch…
Ich weiß nicht, wann es anfing. Ich schätze mit Schröder. Heute gehört sie in Berlin zumindest zum Alltagsgeschäft: die abwesende Realpolitik, die zugunsten einer freizeitfreundlichen Reaktionspolitik abgelöst wurde. Gerade bei deutschen Gesetzgebern gehört es zum Millenium-Chic, bei Problemen abzuwarten, bis sie zur Krise herangereift sind. Dann werden grob formulierte Paragrafenkataloge aus der Hüfte geschossen – oft mit schönem Gruß an Karlsruhe: die da unten kümmern sich dann um die Vorlage, ehe die Verfassungsschützer Berlin bitten, in einer angemessenen Frist von mehreren Jahren das Gesetz doch bitte hier und da anzupassen. Zurück in der Hauptstadt werden drittklassige Flickenteppichmeister aus den Ausschüssen gezerrt, um die Vorschläge zu übernehmen. Voilà.
Die Justiz handelt auf Grundlage vorhandener Gesetze. Und in Sachen Datenschutz stammen diese aus Jahren, in denen Elton John noch in den Charts war. Wie orientierungslos deutsche Richter in Sachen Social Web sind, zeigte sich ja erst kürzlich, als ein Unternehmen Klage gegen einen Konkurrenten einlegte. Es ging um die Verwendung des Like-Buttons von Facebook. Die Juristen beäugten kurz den Sachverhalt und verkündeten, dass der Button wettbewerbsrechtlich nicht zu beanstanden sei. “Datenschutz? Privacy?” Man drückte sich um diese Fragen herum: “Sorry, dafür sind wir nicht zuständig. Keine Ahnung. Da soll sich jemand anderes drum kümmern.” Weiterlesen
Dieser Protest ist anders, er ist stiller. In der Vergangenheit flammten hin und wieder breite Boykott-Aufrufe gegen Facebook auf. Allesamt waren ebenso populistisch wie ineffektiv. Das Netzwerk hat immer die kritische Masse bei den Nutzerzahlen erreichen wollen, ehe der Vertrieb das Ruder über die Funktionspalette der Plattform übernehmen würde. Das ist wohl bei der geknackten Grenze von 800+ Millionen aktiven Nutzern längst geschehen. Petitionen, Kettenbriefe und Massen-Statusupdates können da nicht mehr viel reißen – zumal Facebook selbst den Ort des Protestes kontrolliert. Bei 100 Millionen Nutzern gäbe es vielleicht noch so etwas wie Ehrfurcht oder Demut vor dem Nutzer. Doch das war im August 2008. Wer kann heute schon in einem Land mit 800 Millionen Einwohnern in Bottom-Up-Manier die Staatsform ändern, wenn Social Media als Kommunikationsmittel ausfällt?
Doch dieser Aufstand ist eben anders. Er geht von einflussreichen Alleingängern aus: “Goodbye Facebook“, schreibt Olaf Kolbrück. “Der Facebook Exodus“, heißt es bei Patrick Breitenbach. “Nix wie raus hier“, warnt Netzpolitik. Dies ist ein überlegter Protest. Facebook plant das allumfassende Lebensarchiv der registrierten Nutzer, von der Krippe bis zum Grab. Damit die Mitglieder nicht selbst Protokoll über ihr Leben führen müssen, hält das automatisierte “passive Teilen” Einzug:
Facebook’s passive sharing will change how we live our lives. More and more, the things we do in real life will end up as Facebook posts. And while we may be consoled by the fact that most of this stuff is being posted just to our friends, it only takes one friend to share that information with his or her friends to start a viral chain.
Dieser Einwurf von Mashable vergisst bei bereits vorhandener Dringlichkeit sogar einen wichtigen Faktor: Unsere Daten mögen vordergründig hinter Privacy-Walls vor unliebsamen Mitmenschen versteckt sein. Jedoch zu keinem Zeitpunkt vor Facebook Inc. Und es gibt keine Schweigepflicht für Wirtschaftsunternehmen. Weiterlesen

So schnell kann es gehen: Vom beruhigenden “Honig-Urteil” zur bundesweiten Facebook-Schelte brauchte Bundesagrar- und Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) nur wenige Stunden – ein wahrer Tausendsassa der politischen Landschaft! Aigner ruft sowohl die Bundesregierung als auch Abgeordnete dazu auf, ihre Präsenzen auf Facebook zu löschen und alle Spuren zu verwischen: Man solle “mit gutem Beispiel vorangehen”.
Um Aigner war es nach ihrem Brief an Mark Zuckerberg (“Sehr geehrter Herr Zuckerberg”) in den vergangenen Monaten eher ruhig geworden. Ja, sie hatte ihr Facebook-Profil medienwirksam getilgt – aber bitte: danach war die Sache erst einmal gegessen. Der Grund, weshalb die Ministerin nun noch einmal nachlädt, ist die Tatsache, dass ihr Parteikollege und unser Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) vergangene Woche zur gemeinsamen Kuschelstunde mit Facebooks Chef-Lobbyisten Richard Allen geladen hatte. Es gab Küsschen links, Küsschen rechts und einen warmen Händedruck, der letztendlich Aigners Wut heraufbeschworen hatte. Datenschutz, Verbraucherschutz, Cyber-Crime und politischer Netzaktivismus – das Internet hat in der deutschen Politik bis heute noch keinen festen Ressortplatz gefunden, weshalb das Geschacher um die populären Themen jedes Mal von vorne losgeht. “Jetzt bin ich dran!”, dachte sich da Aigner und drückte auf den “Senden”-Button, der dafür sorgte, dass alle Ministerien ihre dringende Warnung vor Facebook bekamen. Weiterlesen

Ganz Deutschland taumelt im Facebook-Fieber! Ganz Deutschland? Nein, ein kleines, naturverbundenes Volk im Norden der Republik bietet der Euphorie die Stirn und kämpft im beherzten Widerstand.
Man könnte darüber lachen, wenn die Lage nicht so ernst wäre. Doch die populistische Facebook-Verbotaktion, die vom Schleswig-Holsteinischen Landeszentrum für Datenschutz (ULD) initiiert wurde, gewinnt in Deutschland an Fahrt. Aus Kreisen der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung höre ich empörte Worte: “Schon dass niemand im Vorfeld informiert wurde, zeigt, dass da keine guten Absichten dahinter stecken.” Thilo Weicherts Vorstoß wird klar als politisch motiviert aufgefasst. Im Bundesland wurde kürzlich der Startschuss zum Wahlkampf gegeben.
Doch auch Außenstehende müssen nicht sonderlich analysebegabt sein, um zu verstehen, dass an der juristischen Spontanaktion des ULD etwas mehr als faul ist. Weder die Landesregierung noch irgendein anderes Datenschutzbüro wurde vor der Veröffentlichung der Drohung davon in Kenntnis gesetzt. Es gab keine Anhörungen von Betroffenen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Tatsächlich wurde nach eigenen Angaben (die ich selbst im Interview gehört habe) nicht einmal sonderlich der Kontakt zu Facebook Deutschland gesucht. Man habe eine Mail geschrieben und einen Anruf riskiert, beides sei ohne Reaktion geblieben: “Wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass es sich um eine Briefkastenfirma handeln muss.” Als ich erklärte, dass die Facebook-Dependence in Hamburg mitnichten eine Briefkastenfirma sei, man über einen ordentlichen Mitarbeiterstamm an Vertrieblern und einer eigenen PR-Abteilung verfüge, wurde geschwiegen. Im Scherz sagte ich, dass ich ja mal den Kontakt herstellen könne, ich habe da die E-Mail-Adresse der Sprecherin und fragte, ob das ULD daran interessiert sei, dass ich sie weiterleite. Zunächst wurde geschwiegen, dann hieß es: “Das wäre wunderbar.” Weiterlesen

Ich komme gerade von der Uni Hamburg zurück, wo Nelson Mattos von Google einen Vortrag zum Thema “The Future of the Web: Challenges & Opportunities” gehalten hat. Ich möchte vorausschicken, dass es ein sehr angenehmer Abend war. Ebenfalls vorausschicken möchte ich, dass ich folgendes Fazit nicht am Unternehmen Google oder eines seiner Produkte festmache. Sondern eher an der daran reflektierten Stimmung im Publikum.
Mattos zeigte sich anfangs verlegen, vor zwei Jahren habe er bereits einmal an der Hamburger Uni referiert, damals sei die Stimmung recht kritikfreudig gewesen. “Ich hoffe, Sie bewerfen mich nicht mit Eiern und Tomaten”, sagte er vorsorglich. Doch das Plenum blieb ruhig, immerhin hatte man hier einen Weltkonzern im Haus und vielleicht kann man von dem auch noch etwas lernen. Mattos plauderte ein wenig über die Geschichte des Internets, über das exponentielle Wachstum, den Dienste-Boom und die Gesamtentwicklung, die einer eigenen Evolution unterliegt: Seiten und Anwendungen, die populär sind (wie Facebook), werden weiterentwickelt und gepusht. Andere, die unpopulär sind (sagen wir Google Wave), verschwinden nach kurzer Zeit wieder in der Versenkung. Betrachtet man das alles aus dem sozialen Kontext, lassen sich tiefgreifende gesellschaftlichen Veränderungen nicht leugnen.
Er brachte das schöne Beispiel der beiden zehn- und zwölfährigen Mädchen, die sich im Jahr 2009 in einem Kanal verlaufen hatten – und anstatt die Polizei mit dem Handy anzurufen, lieber ein hilfesuchendes Statusupdate bei Facebook veröffentlichten. Das Publikum lachte, doch Mattos blieb ernst: “In zwanzig bis dreißig Jahren, werden dies die Menschen sein, die auf der Welt das Sagen haben. Das kann man nicht ausblenden.” Da hat er unzweifelhaft Recht. Weiterlesen
Cookies? Kennt jeder. Das sind die kleinen HTML-Schnipsel, die sich wichtige Dinge für uns und vor allem für die Online-Werber merken. Hier wird protokolliert, welche Seite wann und wie oft besucht wird, was uns interessiert und ob wir bei Diensten eingeloggt sind oder nicht. Doch was sind Flash-Cookies? Im Grunde genommen genau dasselbe, nur dass die Informationen nicht im Browser-Verzeichnis, sondern in externern Ordnern vom jeweiligen Flash-Plugin gespeichert werden. Im Regelfall ist dies der Adobe Flash-Player.
Flash-Cookies sind autonom, das heißt, wenn sie einmal gespeichert sind, stehen sie jedem installierten Browser auf der Festplatte zur Verfügung. Das hat Vorteile – in erster Linie aber auch Nachteile. Es gibt kein Verfallsdatum für sie und die Privacy-Einstellungen des Browsers können ihnen nichts anhaben. Die einzige Möglichkeit, ihnen Herr zu werden, ist beispielsweise die globale Verwaltung, die Adobe im Netz anbietet. Doch dazu muss man erst einmal wissen, dass es so etwas wie Flash-Cookies überhaupt gibt.
Im Juli wurde bekannt, dass eine Reihe populärer Websites (darunter die von MTV, ESPN, MySpace, Hulu, ABC und NBC) Flash-Cookies nutzen, um die von Anwendern gelöschten HTML-Cookies wiederherzustellen. Sie eignen sich also perfekt dazu, um den selbstbestimmten Datenschutz ohne Wissen der Nutzer komplett auszuhebeln. Die Betreiber haben daraufhin vom US District Court in San Francisco einen auf die Mütze bekommen und man dachte, der Spuk sei vorbei. Doch wie es nun einmal mit Technologien ist: Sind sie einmal bekannt, werden sie auch benutzt. Weiterlesen

Johannes Caspar ist ein Schneekönig. Jedenfalls freut er sich so. Der Hamburger Datenschutzbeauftragte hat es geschafft, das mächtige Google in die Knie zu zwingen. Die gigantische Maschinerie der Widerspruchsverfahren ist in Gang gesetzt worden, laut Spiegel Online haben bis heute “mehrere hunderttausend” Bürger die Unkenntlichmachung ihrer Häuser bei Street View eingefordert. Google hat allen Betroffenen eine Frist gesetzt, die am 15. Oktober um Punkt 24:00 Uhr abläuft. Einen Tag später wird das Roll-Out der Straßenansichten beginnen, womit die Schockwellen digitaler Transparenz über der Bundesrepublik zusammenbrechen.
Street View in Deutschland ist eine Tragöde – egal von welcher Seite man es betrachtet. Die Diskussion hat viel mit Furcht, Opportunismus und noch viel mehr mit Dummheit zu tun. Dabei will ich Caspar nichts Unrechtes unterstellen – der Jurist tut das, wofür er bezahlt wird und Datenschutz ist ein hohes Gut, um das ebenso hoch gepokert wird. Caspars ist jedoch nur der Blitzableiter der Debatte, die wieder einmal von der mehrheitsuchenden Politik angestoßen wurde. Jeder Minister sucht einen Titel für seine Legislaturperiode und so hat sich Illse Aigner, unsere Verbraucherministerin, pauschal “Das Internet” auf die Fahnen geschrieben. Das Portal des Ministeriums (das übrigens Besucherdaten via eTracker sammelt) gleicht einer Propaganda-Festung, einem Hysterie-Multiplikator, der sowohl nichtsahnende Bürger als auch ihre lokalen Oberhäupter in den Bann zieht. In vordergründig objektiven Aufklärungstexten zieht Aigners PR-Stab vom Leder: Weiterlesen
“Menschen sind damit einverstanden, Informationen über sich mit anderen zu teilen, und öffnen sich für immer mehr Menschen. Die sozialen Normen haben sich mit der Zeit entwickelt. Wir sehen es als unsere Rolle in dem System an, ständig Veränderungen umzusetzen und unsere Software so anzupassen, dass sie widerspiegelt, wie die sozialen Normen gegenwärtig sind”, hatte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg Anfang des Jahres gesagt und stieß damit eine neue Debatte über die Themen Privatsphäre und Datenschutz im Web 2.0 an. Beides erscheine ihm als kultureller Atavismus aus grauer Vorzeit, den es nun zu überwinden gilt. Die “Internetworld” hat zu dieser Feststellung Statements von vier Leuten aus der Branche eingeholt – Basic Thinking war dabei.
Die komplette Ausgabe gibt es kostenlos als PDF (ca. 14 MB). Einen Screenshot gibt es im Folgenden. Ein etwas ausführlicheres Interview zum Thema Datenschutz und Google hat die “Rheinzeitung” mit uns gemacht. Weiterlesen













