Posts Tagged ‘Journalismus’

Warten auf Gutenberg 2.0

Posted in Journalismus on Juli 13th, 2010 by André – Be the first to comment

Jean Paul sagte einmal “Die Erinnerung ist das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können.” Und der Spruch hängt seit Jahren als Poster an den Bürowänden der deutschen Zeitungsbosse. Mir erschließt sich nicht, woher diese Hartnäckigkeit kommt, dieses Winden, dieses bornierte Festhalten an Gewesenem, aber eines ist sicher: Wenn die deutsche Printbranche sich auf ihrer heutigen BDZV-Jahrespressekonferenz auf einen rettenden Kurs eingeschworen hat, so wird sie die eingeschlagene Richtung geradewegs in die Scheiße reiten.

Es ist nicht kurz vor zwölf. Es ist bereits später Nachmittag für Deutschlands Printmetier und dennoch reiben sich die Verleger noch immer verträumt den Schlaf aus den Augen: “Bitte, noch einmal umdrehen. Nur noch ein wenig.” Wer gehofft hatte, dass der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger am heutigen Tag einen Masterplan zur Reform der einer Jahrhundertbranche vorlegen würde, wurde bitter enttäuscht. Es bleibt beim alten Spiel: Bestandsaufnahme und Schuldzuweisung.

Offenbar haben sich die Verlage nun erleichtert darauf verständigt, dass eines Tages das Electronic Publishing den Vogel abschießen wird. In den Verlagen werde intensiv an Inhalten, Design und Vermarktungsmodellen gearbeitet, sagte Hauptgeschäftsführer Dietmar Wolff. Die gesamte Branche bewege sich in einer “wichtigen Experimentierphase”. Es bestehe Konsens, dass die “neuen Tablets große Chancen” böten, das klassische Geschäftsmodell der Zeitung, nämlich Vertriebserlöse plus Werbeerlöse, in die “digitale Welt” zu übertragen. – In diesem ehrgeizigen Unterfangen stecken für das Jahr 2010 noch eine Menge Konjunktive. Gibt es konkrete Pläne? Gibt es Kooperationen? Ideen zur Umsetzung? Gibt es Best Case-Szenarien? Wenn Gedrucktes künftig auf dem Display gelesen wird, wie werden diese Inhalte aufbereitet? Wie lauten die Namen der Vertriebspartner? Werden auch alle an einem Strang ziehen? Wolff drückte sich um konkrete Ansagen und schickte lieber seinen IT-Kollegen Fuhrmann (Abteilung “Kommunikation + Multimedia”) auf das Podium, um die Euphorie mit Hinweisen auf die problematische Hardware-Vielfalt und das Preisdiktat der Hersteller vorsorglich zu dämpfen. Das war es. Das Buch wurde geschlossen und eine neue Runde im Wettwarten auf die rettende Reinkarnation Gutenbergs eingeläutet. Eines Tages wird er kommen, eine glänzende 2.0 vor sich hertragend, und eine ganze Branche aus der Misere herausholen. Aber nicht heute. read more »

Die Sache mit den E-Books / Interview

Posted in Journalismus, Netznews, avatter on Oktober 25th, 2009 by André – 1 Comment

nook

Dem deutschen Büchermarkt geht es prächtig. Im ersten Halbjahr dieses Jahres wurde ein Umsatzwachstum von 2,2 Prozent erzielt, allein im Sommermonat Juni konnten die Verlage hier ein Plus von 6,8 Prozent (!) verzeichnen. Ein stattliches Ergebnis mitten im Jammertal der Wirtschaftskrise, das in dieser Größenordnung nur wenigen Branchen vergönnt ist. Auf der Frankfurter Buchmesse 2009 knallten jedenfalls die Champagnerkorken, wohingegen das IT-Volk auf der CeBIT damit bemüht war, im Rahmes eines gigantischen Motivationsseminars die Mitglieder verzweifelt auf bessere Zeiten einzuschwören.

Das zeigt: Papier ist nicht out, der Geruch von Druckerschwärze, schöne Lesezeichen, Taschenbücher zum Mitnehmen – all das hat die Jahrtausendwende völlig unbeschadet überstanden. Der Kreis der Offline-Leser wächst stetig weiter, eine Entwicklung, die wohl so niemand vermutet hätte. Darin ist auch das Selbstbewusstsein der Bücherverlage begründet. Ein Umsatteln auf E-Books? Kann man machen – muss man aber nicht, lautet das Motto von Belletristik und Sachbuch. In einer selbst initiierten Studie von Oktober tastete sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels eher neugierig als getrieben an das Thema Electronic Publishing heran: “Wir wollten wissen, wie nachhaltig die aktuelle E-Book-Welle ist”, heißt es da. Das Fazit fiel mit der Aussage “E-Books: Umsatzzwerge mit Wachstumspotenzial” eher nüchtern aus.

Wenn von E-Books oder ihren Readern die Rede ist, wird häufig zunächst an “Harry Potter” und den Kindle gedacht, auch beim Publikum hält sich da die Begeisterung in Grenzen. Verständlicherweise. Mehr als ein Buch gleichzeitig kann niemand lesen, warum also ein elektronisches Gadget mit tausend Titeln einstecken, wenn ich doch Literatur gestochen scharf, batterieunabhängig und mit unvergleichlicher Haptik völlig komplikationslos genießen kann. Um es kurz zu machen: Ob E-Books in naher Zukunft auch im klassischen Buchverlagswesen ein Erfolg werden, ist eine eher zweitrangige Frage. Eine dringende Abhängigkeit besteht jedenfalls nicht. read more »

“Das Netz als Feind”: Ein offener Leserbrief

Posted in Journalismus, Netznews on Mai 25th, 2009 by André – Be the first to comment

Den folgenden Leserbrief habe ich Adam Soboczynski zukommen lassen. Sein Artikel in der “Zeit” beschäftigte sich mit dem Verschwinden des Intellektualismus im Zeitalter des Web 2.0. Titel: “Das Netz als Feind

Sehr geehrter Herr Soboczynski,

ich schreibe Ihnen als Redakteur eines großen Blogs in Deutschland (Anmerkung für die Leser hier: nicht dieses!). Dies ist eine Reaktion auf Ihren heutigen Beitrag in der “Zeit” und da wir beide – wie ich sehe – fast derselben Generation angehören, würde ich Ihnen gerne ganz offen sagen: Sie haben völlig Recht.

Ich schätze, dass ebensolche Debatten bereits bei der Etablierung des Radios und später beim Siegeszug des Fernsehens geführt wurden. Damals entschied sich der Intellektualismus für das freiwillige Exil des Printmediums. Doch diese allerletzte Rückzugsmöglichkeit ist nun unwiderruflich in Gefahr: Nachrichten werden zu Content, genauso wie Buchseiten zu Displays verarbeitet werden. Eine unumkehrbare Entwicklung, die nicht mehr aufzuhalten ist.

Die Frage ist: Wohin also nun? Die gemütlichen Tage sind vorbei und die Menge der Leser, die frei von terminlichen Verpflichtungen die Muße haben, am Morgen eine Zeitung aufzuschlagen, wird in den kommenden Jahren diametral zu den Nutzerzahlen des Internet abnehmen. Ich frage noch einmal: Wohin also nun? Ich halte es für den falschen Weg, die Kapitulation auszurufen, zu resignieren und unter den effektvollen Buh-Rufen der digitalisieren Nation das Feld zu räumen. read more »

Obama über die Bedeutung des Journalismus im 21. Jahrhundert

Posted in Allgemeines, Journalismus on Mai 10th, 2009 by André – Be the first to comment

White House Correspondents’ Dinner, 9. Mai 2009