Posts Tagged ‘Medien’

Nutzer in Isolationshaft: Über die Silodenke von Medien und Unternehmen

29. Juli 2012  |  Journalismus, Netznews, Social Media  |  1 Comment




“Lasst, die ihr andere eintreten lasst, alle Hoffnung fahren!”
– frei nach Dante Alighieri


 

Breaking News: Ein Foto von Christian Wulff, Karl-Theodor zu Guttenberg und Ronald Schill beim Pokerspielen ist auf Facebook zu bestaunen!

Auch reingefallen? Deutsche Online-Medien sind Meister darin, die eigenen Leser an der Nase herumzuführen. Das Taggen der internen Rubriken stellt nach jahrelanger Verweigerung der Quellennennung (-und verlinkung) bereits eine Progression dar. Fast die Hälfte aller Zeitungen und Magazine im Netz steht heute auf dieser Stufe und schämt sich nicht. Es gibt drei Gründe für die Selbstreferenzialität:

1.) Simples Unwissen (wie ich leidvoll in Gesprächen erfuhr)
2.) Clevere SEO-Maßnahme (interne Verlinkungen sind immer gut)
3.) Panische Angst vor dem Trafficverlust (“Meins, meins, alles meins!”)

Der dritte Punkt scheint mir derzeit am interessantesten – die Furcht, den Nutzer aus den eigenen Fängen zu verlieren. Gerade bei Textcontent mutet diese Einstellung ziemlich schwachsinnig an: Als Leser weiß ich es doch zu verstehen und schätzen, wenn ein Medium auf Quellen (extern) verlinkt, mich inmitten eines Berichts oder Analyse direkt zu den Orten des Geschehens verweist. Ich weiß, dass ich nicht bevormundet werde und genau das ist ein Grund für mich, um immer wieder zurückzukehren. Weiterlesen

Wulff ist abgewählt

16. Januar 2012  |  Journalismus  |  1 Comment

Hat es der geneigte Leser mitbekommen? Nein. Tja, so kann es kommen – und doch ist unser Staatsoberhaupt tatsächlich abgewählt worden, gestürzt, in Ungnade gefallen. Selbst, wenn Reuters noch vor wenigen Stunden titelte, dass in der “Wulff-Affäre” die “Ermittlungen weiter offen seien” – in den Medien ist der Korruptionsverdacht im Schloss Bellevue mittlerweile Geschichte. Bei Bild.de ist er komplett von der Bildfläche verschwunden, der Tagesschau ist er egal, Spiegel Online begnügt sich mit einem letzten Satire-Abklatschen.

Zwei Themen haben stattdessen die Titelseiten erobert: Standard & Poor’s Entscheidung, Frankreich, Österreich und anderen EU-Staaten die Dekoration vom Revers zu reißen, um anschließend den gesamten Euro-Rettungsfond abzuwatschen. Und das Schiffsunglück an der Toskanischen Küste. Die Causa Wulff ist gegessen, gibt es doch nun ganz neue Spielfelder der Betätigung, in deren Rahmen man sich etwa fragen kann, was Rating-Agenturen heutzutage überhaupt leisten und ob wir uns das gefallen lassen müssen. Oder das Rätselraten um den unfähigsten Kapitän der Welt, der leichtfertig das Leben hunderter Touristen riskiert hat. Nebenbei gefragt: Hat der Boom-Sektor der Kreuzfahrten die ganze Zeit auf Kosten der Sicherheit gewirtschaftet? Weiterlesen

SOPA und die Selbstzensur: Kein Wunder, dass die US-Medien schweigen

7. Januar 2012  |  Netznews  |  9 Comments

Die US-Foren sind voll davon, ebenso die Netzwerke – der Ton wird von Tag zu Tag rauer. Aber nur im Internet. Ende Oktober 2011 wurde der Gesetzentwurf zum Stop Online Piracy Act (SOPA) eingereicht, derzeit debattiert darüber noch der Justizausschuss im Repräsentantenhaus (PDF des Antrags). Die bislang besprochenen Maßnahmen sollen Rechteinhaber dazu befähigen, Websites, auf denen urheberrechtlich geschützten Material ohne Erlaubnis gefunden werden, direkt lahmzulegen. Eine richterliche Erlaubnis soll dazu nicht erforderlich sein. In der Praxis kann das so aussehen: Wird ein unrechtmäßig kopiertes Video bei YouTube entdeckt, können Service-Provider (auch außerhalb der USA) angehalten werden, den Zugang zur Plattform zu sperren. Der exegetische Spielraum der Gesetzvorlage ist monströs – heißt: jeder kann fast nach Belieben frei interpretieren und assoziieren. Die juristischen Folgen für Verweigerer sind hingegen ziemlich eindeutig. Es geht um schwere Straftatbestände.

Obwohl SOPA in den Staaten noch nicht Gesetz ist, üben die Amerikaner bereits seit Wochen Druck auf Europa aus – die westlichen Industrieländer sollen alle an einem Strang ziehen. Weiterlesen

Al Jazeera und Co.: Stell dir vor, es ist Information War und es ist uns scheißegal

6. März 2011  |  Journalismus  |  5 Comments

Es wird nicht offen ausgesprochen (außer vielleicht von George W. Bush), doch insgeheim vertritt der Westen die Ansicht, dass man selbst durch die Aufklärung das Mittelalter überwunden habe – wohingegen der Nahe und Mittlere Osten noch darin gefangen sei. An der Theorie ist was dran, das muss selbst der liberalste Weltbürger eingestehen. Die Religion steht noch in vielen arabischen Staaten der Freiheit der Menschen entgegen. Doch die Zeit der Querdenker, der intellektuellen Individualisten, die einstmals die Kraft hatten, ein System zu stürzen, ist vorbei. Heute bestimmt der globale Menschenschwarm die grobe Richtung, die wir Zukunft nennen und so ist es unmöglich geworden, einzelne Stimmen in diesem Gewirr auszumachen. Außer vielleicht die der Medien.

Die Aufgaben der Presse lauten: berichten und analysieren. Der Journalismus soll die Aufklärung zu einer ständigen Einrichtung machen, uns unabhängig informieren und uns Schlüsse aus den Entwicklungen für unsere Leben ziehen lassen. Dies zumindest war der Urgedanke, der schon lange unter einer Decke aus Werbung, PR und politischem Kalkül verschwunden ist. Man könnte meinen, dass wir gesättigt sind von der hart erkämpften Unabhängigkeit und uns die Suche nach ein wenig Entertainment – eben: Ablenkung – wichtiger geworden ist.

Was in Nordafrika geschah und noch geschieht, ist keine lokale Revolutionsserie, die ein paar TUI-Kunden zum Storno zwingt. Sie ist eine politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umwälzung, deren Ausläufer gebührend hart an unser westliches Ufer schlagen werden. Wie berichtet, geht dies vielen heimischen Medien galant am Arsch vorbei: Regimestürze gibt es ja offenbar alle paar Monate – “Germany’s next Topmodel” kommt nur einmal pro Jahr. Hier muss man klare Prioritäten setzen. Weiterlesen

News-Gebläse Twitter: Diesen Medien sind ihre Follower völlig egal

21. November 2010  |  Journalismus, Social Media  |  32 Comments

Das wird keiner dieser “Angeklagt!”-Posts; doch es juckt schon in den Fingern, ihn in diese Richtung zu drücken. Kollege Marek Hoffman brachte mich auf die Idee, einmal nachzuschauen, wer im Internet eigentlich abnimmt, wenn man anruft. Er hatte vor einiger Zeit auf Spiegel Online einen dicken Rechtschreibfehler in einem Artikel gefunden. Das kann schon einmal passieren, wenn man unter Zeitdruck einen Text backt, dessen Ingredienzien aus dpa, AFP, AP, einigen klugen Einwürfen und Füllwörtern bestehen.

Um sich ritterlich zwischen die zu erwartenden Leseranklagen und dem Urheber des Artikels zu werfen, machte er Spiegel Online in knappen Worten auf den Fauxpas aufmerksam. Dazu nutzte er Twitter, denn es war der offizielle Magazin-Account @spiegelonline, über den er die Nachricht aufgeschnappt hatte. Was dann geschah? Kurze Zeit später war der Fehler korrigiert, auf eine kollegiale Dankesnote wartet Marek hingegen bis heute vergeblich (er wird es verwunden haben). Doch es zeigt eines ganz deutlich: Offenbar mieten sich einige Damen und Herren der Medienzunft bereitwillig im Netz ein, um die Vorteile mitzunehmen – die nervige Kundenpflege aber bleibt aus. Warum auch? Hat man früher auch nie gemacht: Mit der monodirektionalen Kiste lässt es sich seit der Erfindung der Zeitung (im Jahr 1650 in Leipzig) ja ganz gut leben. Weiterlesen