
Ich komme gerade von der Uni Hamburg zurück, wo Nelson Mattos von Google einen Vortrag zum Thema “The Future of the Web: Challenges & Opportunities” gehalten hat. Ich möchte vorausschicken, dass es ein sehr angenehmer Abend war. Ebenfalls vorausschicken möchte ich, dass ich folgendes Fazit nicht am Unternehmen Google oder eines seiner Produkte festmache. Sondern eher an der daran reflektierten Stimmung im Publikum.
Mattos zeigte sich anfangs verlegen, vor zwei Jahren habe er bereits einmal an der Hamburger Uni referiert, damals sei die Stimmung recht kritikfreudig gewesen. “Ich hoffe, Sie bewerfen mich nicht mit Eiern und Tomaten”, sagte er vorsorglich. Doch das Plenum blieb ruhig, immerhin hatte man hier einen Weltkonzern im Haus und vielleicht kann man von dem auch noch etwas lernen. Mattos plauderte ein wenig über die Geschichte des Internets, über das exponentielle Wachstum, den Dienste-Boom und die Gesamtentwicklung, die einer eigenen Evolution unterliegt: Seiten und Anwendungen, die populär sind (wie Facebook), werden weiterentwickelt und gepusht. Andere, die unpopulär sind (sagen wir Google Wave), verschwinden nach kurzer Zeit wieder in der Versenkung. Betrachtet man das alles aus dem sozialen Kontext, lassen sich tiefgreifende gesellschaftlichen Veränderungen nicht leugnen.
Er brachte das schöne Beispiel der beiden zehn- und zwölfährigen Mädchen, die sich im Jahr 2009 in einem Kanal verlaufen hatten – und anstatt die Polizei mit dem Handy anzurufen, lieber ein hilfesuchendes Statusupdate bei Facebook veröffentlichten. Das Publikum lachte, doch Mattos blieb ernst: “In zwanzig bis dreißig Jahren, werden dies die Menschen sein, die auf der Welt das Sagen haben. Das kann man nicht ausblenden.” Da hat er unzweifelhaft Recht. Weiterlesen

In der Nacht zum Dienstag hat Google mit dem Roll-Out der Street View-Funktion in Maps begonnen – in kleinen, winzig kleinen Häppchen, um den besorgten deutschen Bürger nicht mit der nackten Realität unserer Straßen zu überfordern. Die Suchmaschine tauft den ersten Gehversuch bei den Teutonen “Kleine Deutschlandreise” und hat sich zunächst einmal darauf beschränkt, möglichst unverbindliche Allgemeinplätze zu Schau zu stellen: mehr Landschaft und Sehenswürdigkeiten, weniger Gesichter von Menschen. Vom Start weg dabei sind ein paar Einblicke in Berlin, der Theaterplatz in Dresden, die Hamburger Köhlbrandbrücke, der Königsplatz in München, das Stuttgarter Schloss Schloss Solitude, ein paar Fußballstadien und die Allgäu-Perle Oberstaufen. Warum – bitte schön Oberstaufen? Google selbst hat die Antwort:
Oberstaufen im Allgäu ist auf eigenen Wunsch als erste deutsche Gemeinde bei Street View zu sehen. Im August 2010 hatte die dortige Tourismusgesellschaft Google mit einer selbst gebackenen Torte und einem Video eingeladen, Bilder einiger seiner Straßen und Plätze möglichst frühzeitig bei Street View aufzunehmen.
Hier, auf der Bürgermeister-Hertlein-Straße, lässt sich auch wunderbar nachvollziehen, wie Google die von besorgten Bürgern beantragte Zensur ihrer Häuser umsetzt: Weiterlesen

Johannes Caspar ist ein Schneekönig. Jedenfalls freut er sich so. Der Hamburger Datenschutzbeauftragte hat es geschafft, das mächtige Google in die Knie zu zwingen. Die gigantische Maschinerie der Widerspruchsverfahren ist in Gang gesetzt worden, laut Spiegel Online haben bis heute “mehrere hunderttausend” Bürger die Unkenntlichmachung ihrer Häuser bei Street View eingefordert. Google hat allen Betroffenen eine Frist gesetzt, die am 15. Oktober um Punkt 24:00 Uhr abläuft. Einen Tag später wird das Roll-Out der Straßenansichten beginnen, womit die Schockwellen digitaler Transparenz über der Bundesrepublik zusammenbrechen.
Street View in Deutschland ist eine Tragöde – egal von welcher Seite man es betrachtet. Die Diskussion hat viel mit Furcht, Opportunismus und noch viel mehr mit Dummheit zu tun. Dabei will ich Caspar nichts Unrechtes unterstellen – der Jurist tut das, wofür er bezahlt wird und Datenschutz ist ein hohes Gut, um das ebenso hoch gepokert wird. Caspars ist jedoch nur der Blitzableiter der Debatte, die wieder einmal von der mehrheitsuchenden Politik angestoßen wurde. Jeder Minister sucht einen Titel für seine Legislaturperiode und so hat sich Illse Aigner, unsere Verbraucherministerin, pauschal “Das Internet” auf die Fahnen geschrieben. Das Portal des Ministeriums (das übrigens Besucherdaten via eTracker sammelt) gleicht einer Propaganda-Festung, einem Hysterie-Multiplikator, der sowohl nichtsahnende Bürger als auch ihre lokalen Oberhäupter in den Bann zieht. In vordergründig objektiven Aufklärungstexten zieht Aigners PR-Stab vom Leder: Weiterlesen














