{"id":1793,"date":"2010-10-10T11:24:08","date_gmt":"2010-10-10T10:24:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/?p=1793"},"modified":"2010-10-10T11:24:08","modified_gmt":"2010-10-10T10:24:08","slug":"jubelperser-2-0-wenn-unternehmen-auf-frisierte-meinungen-setzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/2010\/10\/jubelperser-2-0-wenn-unternehmen-auf-frisierte-meinungen-setzen\/","title":{"rendered":"Jubelperser 2.0: Wenn Unternehmen auf frisierte Meinungen setzen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1794\" title=\"screen-capture-1\" src=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/screen-capture-1.png\" alt=\"\" width=\"580\" height=\"322\" srcset=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/screen-capture-1.png 580w, https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/screen-capture-1-300x167.png 300w\" sizes=\"(max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/p>\n<p><strong>Mai 2009:<\/strong> Die Deutsche Bahn r\u00e4umt ein, eine Agentur mit dem Auftrag engagiert zu haben, den seinerzeit geplanten B\u00f6rsengang der \u00d6ffentlichkeit schmackhaft zu machen. Dazu wurden massenhaft <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,627710,00.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">verdeckte Blog- und Foren-Kommentare<\/a> gestreut.<\/p>\n<p><strong>Februar 2010:<\/strong> Das Business-Netzwerk Xing f\u00e4hrt die Kampagne &#8222;Es hat Xing gemacht!&#8220;. Dazu wurden private Nutzer gebeten, ihre pers\u00f6nliche &#8222;Xing-Momente&#8220; in Wort und Bild einzureichen, damit diese ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnen. Kurze Zeit sp\u00e4ter wird klar, dass das Unternehmen <a href=\"http:\/\/www.basicthinking.de\/blog\/2010\/02\/24\/die-jubelperser-von-xing-wir-wollten-keine-gecasteten-models-zeigen-interview\/\">eigene Mitarbeiter f\u00fcr diesen Job eingespannt<\/a> hat.<\/p>\n<p><strong>Oktober 2010:<\/strong> Die &#8222;WeDepp&#8220;-Aff\u00e4re erreicht seinen H\u00f6hepunkt, nachdem Helmut Hoffer von Ankershoffen, Chef des WeTab-Herstellers, dabei auffliegt, wie er und seine Frau gef\u00e4lschte Produktrezensionen <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/B003JFKUWQ?ie=UTF8&#038;tag=adreactor-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=19454&#038;creativeASIN=B003JFKUWQ\">bei Amazon<\/a> verfassen: <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/die-welt\/wirtschaft\/webwelt\/article10080675\/WePad-WeTab-WeDepp.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">jubelnd und unter fremden Namen<\/a>. Ankershofen r\u00e4umt daraufhin seinen Posten bei Neofonie, obwohl er &#8222;eigenm\u00e4chtig&#8220; gehandelt habe.<\/p>\n<p><strong>Oktober 2010:<\/strong> Weltbild launcht den Billig-E-Reader Aluratek Libre (99 Euro). Auf der hauseigenen Produktseite werden Kommentare zum Leseger\u00e4t geduldet \u2013 <a href=\"http:\/\/www.lesen.net\/ereader\/weltbild-frisiert-aluratek-libre-bewertungen-4090\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">allerdings nur positive<\/a>. Negative Bewertungen werden nicht freigeschaltet, Nonsense-Lob findet hingegen binnen Sekunden den Weg auf die Seite. Woher die positiven Kommentare stammen, ist unklar.<\/p>\n<p><strong>Oktober 2010:<\/strong> Die Deutsche Telekom steht im Verdacht, massenweise <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/service\/0,1518,722255,00.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">fingierte Nutzerbewertungen<\/a> f\u00fcr die Shopping-Plattform &#8222;Einkaufswelt&#8220; bei einer Agentur eingekauft zu haben. Der Konzern verteidigt sich mit der Begr\u00fcndung, dass ein &#8222;\u00fcbereifriger Dienstleister&#8220; am Werk gewesen sei, der &#8222;deutlich \u00fcber das Ziel hinausgeschossen&#8220; sei. <!--more--><\/p>\n<p>Anfang des 19. Jahrhunderts wurde auf franz\u00f6sischem Boden ein neuer Job im Theaterwesen erfunden \u2013 den des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Claqueur\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Claqueurs<\/a>. Seine Aufgabe bestand darin, gegen Bezahlung den &#8222;dramatischen Erfolg&#8220; eines Werkes &#8222;sicherzustellen&#8220;. Er sollte applaudieren, bewegt lachen oder weinen, in den Pausen vom St\u00fcck schw\u00e4rmen und am Ende laut nach Zugaben rufen. Damit wurde die klare Trennung zwischen Theater und Publikum aufgehoben, das Theater fand sozusagen unter anderem auch im Zuschauerraum statt.<\/p>\n<p>Im Social Web, wo sich das Plenum der Zuh\u00f6rer radikal vergr\u00f6\u00dfert hat, findet diese 200 Jahre alte Jubel-Instanz offenbar neue Anh\u00e4nger \u2013 und die kommen immer h\u00e4ufiger aus der Wirtschaft. Agenturen oder aber daf\u00fcr abgestellte Mitarbeiter werden daf\u00fcr bezahlt, in Foren, Blogs und auf Rezensionsseiten positives Feedback vom Stapel zu lassen. Dies geschieht mal filigran, mal plump, doch all diese Bem\u00fchungen speisen sich in erster Linie aus einem Gedanken: &#8222;Wir vertrauen unseren eigenen Produkten nicht mehr.&#8220;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1799\" title=\"screen-capture-4\" src=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/screen-capture-4.png\" alt=\"\" width=\"580\" height=\"213\" srcset=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/screen-capture-4.png 580w, https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/screen-capture-4-300x110.png 300w\" sizes=\"(max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/p>\n<p>Wenn dergleichen Dinge entdeckt werden, entsteht Schaden also nicht nur f\u00fcr das jeweilige Unternehmen, sondern auch und insbesondere f\u00fcr das Produkt. Wer kauft sich schon ein Tablet, das sich nicht ohne St\u00fctzr\u00e4der auf dem Markt bewegen kann? Das Risiko ist gro\u00df, dennoch scheinen die Unternehmen nicht davor zur\u00fcckzuschrecken. Deshalb hier einmal ein paar warnende Worte:<\/p>\n<p><strong>Erstens:<\/strong> Es ist schlicht Kundenverarsche, Besuchern auf der eigenen Seite einen augenscheinlich neutralen Raum f\u00fcr den gemeinsamen Austausch zur Verf\u00fcgung zu stellen, um dann hinter den Kulissen manipulativ und feixend die Diskussion in die gew\u00fcnschte Bahn zu lenken. Das hat zur Folge, dass sich Kunden \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur noch auf externen Plattformen f\u00fcr die Informationsbeschaffung bewegen: ein massiver Verlust f\u00fcr das Unternehmen, das nun nicht mehr offen und konstruktiv auf Fragen reagieren kann.<\/p>\n<p><strong>Zweitens:<\/strong> Noch gef\u00e4hrlicher ist es, auf Seiten von Drittanbietern f\u00fcr Rezensionen ein b\u00f6ses Spiel zu spielen. Dienste wie Amazon, Qype oder Dooyoo sehen es nicht gerne, wenn die Glaubw\u00fcrdigkeit in den Schmutz gezogen wird \u2013 und verankern dementsprechende Klauseln in ihren AGB:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.qype.com\/kodex\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Qype<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Es ist nicht erlaubt, als Privatperson oder unter Vorgabe einer anderen Identit\u00e4t ein eigenes Unternehmen zu bewerten. Unternehmen haben die M\u00f6glichkeit, Ihr Angebot \u00fcber die Funktion &#8218;Selbstdarstellung&#8216; sachlich genauer zu erl\u00e4utern. In Beitr\u00e4gen oder Kommentaren erstellte offensichtliche werbliche Aussagen werden umgehend gel\u00f6scht.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/www.dooyoo.de\/community\/_page\/dyocom\/agb\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Dooyoo<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Insbesondere die Einstellung folgender Inhalte ist verboten (&#8222;verbotene Inhalte&#8220;): Inhalte, die als Meinung getarnte Werbung darstellen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/www.ciao.de\/faq.php\/Id\/2\/Idx\/6\/Idy\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ciao<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Mitglieder verpflichten sich ferner, keine Inhalte einzustellen, die als Berichte getarnte Werbungen sind.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/pages.ebay.de\/help\/feedback\/reputation-policies.html\">eBay<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Bewertungen bilden das Vertrauensfundament innerhalb der eBay-Gemeinschaft. Nur ein unabh\u00e4ngiges, neutrales Bewertungssystem, das unverf\u00e4lschte Bewertungsprofile abbildet, kann dies gew\u00e4hrleisten. Jeder Missbrauch des Bewertungssystems f\u00fcgt der Integrit\u00e4t des Bewertungssystems Schaden zu und schm\u00e4lert das gegenseitige Vertrauen unserer Mitglieder. Ein Versto\u00df gegen einen unserer Grunds\u00e4tze kann eine oder mehrere der folgenden Konsequenzen nach sich ziehen:<\/p>\n<p>&#8211; L\u00f6schung von Angeboten und Suchanzeigen<br \/>\n&#8211; Einschr\u00e4nkung der Nutzung des eBay-Marktplatzes (d.h. Kaufen, Bieten oder Verkaufen ist nicht mehr m\u00f6glich)<br \/>\n&#8211; Vorl\u00e4ufiger oder endg\u00fcltiger Ausschluss vom eBay-Marktplatz&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Folgen eines Rausschmisses k\u00f6nnen unangenehm bis dramatisch sein \u2013 je nachdem, welche Rolle das jeweilige Portal in der Marken- und Vertriebsstrategie spielt. Zu dem Image-Schaden k\u00f6nnten direkte wirtschaftliche Einbu\u00dfen kommen.<\/p>\n<p><strong>Drittens:<\/strong> Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter kriegen sie dich! Der Nutzer ist immer schlauer, keine PR- oder Marketingabteilung kommt gegen die geballte Macht des Crowdsourcings an. Nutzer sind schlauer als man denkt, findiger, kritischer \u2013 und auch nachtragender. Wenn technische Hebel umgelegt werden m\u00fcssen, um unseri\u00f6se Bewertungen aufzusp\u00fcren, so finden sich in Windeseile geeignete Experten, die pl\u00f6tzlich den Detektiv in sich entdecken. Als Folge hagelt es massenhaft negative Bewertungen. Und das ist auch gut so: Das Social Web verf\u00fcgt \u00fcber selbstreinigende Kr\u00e4fte, die Fremdk\u00f6rper sofort identifizieren und denunzieren. Und immer h\u00e4ufiger finden diese Entlarvungen auch ihren Weg in die etablierten Medien.<\/p>\n<p>Also, liebe Unternehmen, \u00fcberlegt es euch zwei Mal, ehe ihr das n\u00e4chste Mal pseudo-verborgene PR-Lines im Kreis von Followern, Mitgliedern und Fans zieht. Es kann euch schnell das Genick brechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bild: <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/princesstheater\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Flickr<\/a>, Fotograf: princesstheater<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mai 2009: Die Deutsche Bahn r\u00e4umt ein, eine Agentur mit dem Auftrag engagiert zu haben, den seinerzeit geplanten B\u00f6rsengang der \u00d6ffentlichkeit schmackhaft zu machen. 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