{"id":2899,"date":"2011-02-17T20:11:42","date_gmt":"2011-02-17T19:11:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/?p=2899"},"modified":"2011-02-17T20:11:42","modified_gmt":"2011-02-17T19:11:42","slug":"vom-buh-mann-zum-verlagsretter-der-seltsame-fall-der-google-anbetung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/2011\/02\/vom-buh-mann-zum-verlagsretter-der-seltsame-fall-der-google-anbetung\/","title":{"rendered":"Vom Buh-Mann zum Verlagsretter: Der seltsame Fall der Google-Anbetung"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/300x.jpg\" alt=\"\" title=\"Google Logo Heiligenschein\" width=\"300\" height=\"145\" class=\"alignleft size-full wp-image-2901\" \/>Wir beginnen mit den Worten des gro\u00dfen John F. Kennedy: &#8222;Vergib deinen Feinden, aber vergiss niemals ihre Namen.&#8220; W\u00e4re dies die Absicht der deutschen Verlagsszene gewesen, m\u00fcsste man heute eine branchenweite Demenzerkrankung diagnostizieren \u2013 oder habe ich etwas verpasst? Hierzulande wie in \u00dcbersee geh\u00f6rte es stets zum guten Ton, Google zu hassen. Im Zuge der <a href=\"http:\/\/www.axelspringer.de\/presse\/Internationale-Verlage-unterzeichnen-Hamburger-Erklaerung-zum-Schutz-des-geistigen-Eigentums_887946.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hamburger Erkl\u00e4rung<\/a> wurde dieses Feindbild einstmals schriftlich fixiert, sp\u00e4ter <a href=\"http:\/\/www.zdnet.de\/news\/digitale_wirtschaft_internet_ebusiness_bericht_deutsche_verleger_pruefen_kartellrechtsklage_gegen_google_story-39002364-41515299-1.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kartellrechtsklagen<\/a> vorbereitet. &#8222;Wir werden schleichend enteignet!\u201c, <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7\/Doc~E5A9CAF508685453EB782013BE79E9C91~ATpl~Ecommon~Scontent.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">polterte<\/a> da ein Hubert Burda und bei jedem Treffen der Verlagsbosse kam es noch vor ein paar Tagen erst dann zum Schulterschluss, wenn in Sprechch\u00f6ren das <a href=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/2010\/09\/wie-kinder-wirtschaft-verlage-kratzen-beisen-um-das-leistungsschutzrecht\/\">Leistungsschutz-Lied<\/a> angestimmt und die Google-Flagge verbrannt wurde.<\/p>\n<p>Was wurde denn jetzt aus dem miesen Gesch\u00e4ft mit dem Diebstahl und der frechen Vermarktung fremder Inhalte? Was wurde aus der kompromisslosen Forderung nach einer Umsatzbeteiligung? Ach, so \u2013 es war gar nicht so schlimm.<\/p>\n<p>Das System funktioniert ziemlich einfach und ist uns allen aus dem Alltag (oder der historischen Kriegsf\u00fchrung) bestens bekannt: der Feind meines Feindes ist mein Freund. Apple hat erstmals richtig die Muskeln spielen lassen und mit seiner Marktmacht geprotzt. Satte <a href=\"http:\/\/newsticker.sueddeutsche.de\/list\/id\/1111910\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">30 Prozent<\/a> sollen die Verleger bei Abo-Modellen auf dem iPad abdr\u00fccken, zus\u00e4tzlich werden nur die n\u00f6tigsten Informationen \u00fcber die Leser an die Auftraggeber weitergeleitet. Ein Unding! maulen da BDZV und VDZ \u2013 eine Unversch\u00e4mtheit. In einem hilflosen, <a href=\"http:\/\/www.vdz.de\/startseite_nachricht.html?&#038;tx_ttnews[tt_news]=59204&#038;tx_ttnews[backPid]=4&#038;cHash=ffa3fc7c54\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">offenen Brief<\/a> an Apple machen sie ihrer Emp\u00f6rung Platz und gehen sogar so weit, einen Katalog mit &#8222;Forderungen&#8220; nach Cupertino zu schicken. Eine Etage h\u00f6her, bei der European Newspaper Publishers&#8216; Association (ENPA), schl\u00e4gt man in <a href=\"http:\/\/www.enpa.be\/en\/news\/publishers-call-for-access-to-newspapers-on-tablets-for-subscribers-without-restrictive-conditions_56.aspx\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">dieselbe Kerbe<\/a>. Steve Jobs d\u00fcrfte reagiert haben, als habe man ihn mit einem St\u00fcck N\u00e4hseide geschlagen. <!--more--><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/toy-a-day_-june-2008.png\" alt=\"\" title=\"toy-a-day_-june-2008\" width=\"299\" height=\"296\" class=\"alignleft size-full wp-image-2903\" \/>Dabei war Apples Entscheidung keine gro\u00dfe \u00dcberraschung. Warum sollten Content-Anbieter anders behandelt werden als App-Anbieter, die schon seit der Erfindung des App Stores mit 70 Prozent Umsatzbeteiligung abgespeist werden? Wegen der kulturellen Bedeutung? Wegen der politischen Dimension des Journalismus? Der vierten Macht im Staate? Es gibt zwei Antworten: Apple hat zum einen gezeigt, dass das iPad auch so rei\u00dfenden Absatz findet \u2013 ob mit oder ohne Zeitungsinhalten. Und zum anderen wird offenbar vergessen, dass die iOS-Ger\u00e4tschaften nicht im Dienst an der Gesellschaft entwickeln wurden. Apple ist eine Inc. \u2013 keine Stiftung \u00f6ffentlichen Rechts. Es ist ein gewinnorientiertes Unternehmen, Erfolg oder Misserfolg werden am EBITDA gemessen. Nicht daran, ob die Verleger gut schlafen k\u00f6nnen. Man kann dazu stehen, wie man will. Wer als Kunde Forderungen an ein erfolgreiches Unternehmen stellt, ist entweder naiv oder gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig. In diesem Fall treffen beide Attribute zu. <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sollten die Verlage froh sein, \u00fcberhaupt Einlass auf die Plattform gew\u00e4hrt zu bekommen. Als das iPhone das Licht der Welt erblickte, wurde nur einer Handvoll hochexklusiver Telekommunikationsanbieter ein Angebot unterbreitet. Alle anderen schauten jahrelang in die R\u00f6hre. Erst langsam werden die Exklusivvertr\u00e4ge gelockert.<\/p>\n<p>&#8222;Ja, aber&#8230;&#8220; \u2013 Nichts &#8222;ja, aber.&#8220; Die Verlagsh\u00e4user hatten lange genug Zeit gehabt, sich eigene Modelle zu \u00fcberlegen: E-Books als Abo-Pr\u00e4mie, St\u00e4rkung von Alternativen wie dem WeTab, die Entwicklung gescheiter Micropayment-Verfahren und anschlie\u00dfende Kooperationen und Absprachen, um Paid-Content salonf\u00e4hig zu machen. Das ist nicht geschehen. Sie haben in den Neunzigern das Internet als Freemium-Modell etabliert, in den K\u00f6pfen der Nutzer die Gratismentalit\u00e4t selbst fest verankert. Dann explodierte die vermarktbare Werbefl\u00e4che, der Markt brach ein. Das Problem, dass das Desktop-Netz heute als rentabler Vertriebskanal versaut ist, ist hausgemacht. Und die Suche nach neuen, unbelasteten Distributionsstrukturen wurde anderen Branchen \u00fcberlassen, die nun folgerichtig zur Kasse bitten.<\/p>\n<p>Aber wir haben ja noch Google. Sagte Springer-Chef Mathias D\u00f6pfner im <a href=\"http:\/\/meedia.de\/nc\/details-topstory\/article\/dpfner--beten-und-steve-jobs-danken_100027294.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">vergangenen Jahr<\/a> noch: &#8222;Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs daf\u00fcr danken, dass er mit diesem Ger\u00e4t die Verlagsindustrie rettet.&#8220; \u2013 so wird ab heute Mountain View in die F\u00fcrbitten eingeschlossen. Die Suchmaschine hatte sich schon im Jahr 2009 Gedanken \u00fcber ein Bezahlungssystem f\u00fcr Verlage gemacht, um die l\u00e4stigen Vorw\u00fcrfe des Content-Raubs abzusch\u00fctteln. Nur wenige Stunden nach Apples Erl\u00e4uterung der Abo-Konditionen wurde also <a href=\"http:\/\/www.google.com\/intl\/de_ALL\/landing\/onepass\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">One Pass<\/a> aus dem Hut gezaubert: eine Kampfansage an Apple und ein Freundschaftsangebot an die Verleger. Diese greifen dankbar nach dem Strohhalm und erheben zeitgleich den Stinkefinger in Richtung Steve Jobs. Google will 90 Prozent des Umsatzes an die H\u00e4user weiterleiten \u2013 damit sind die Streitigkeiten von gestern vergessen und der Suchmonopolist wandert auf die Liste der Guten.<\/p>\n<p><object width=\"580\" height=\"356\"><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/www.youtube-nocookie.com\/v\/qiz_2c_QpOQ?fs=1&amp;hl=de_DE&amp;rel=0&amp;hd=1\"><\/param><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\"><\/param><param name=\"allowscriptaccess\" value=\"always\"><\/param><\/object><\/p>\n<p>Der tats\u00e4chliche Einsatz von One Pass (wie Axel Springer ihn bereits <a href=\"http:\/\/www.axelspringer.de\/presse\/Sueper-Lig-BILD.de-uebertraegt-Spiele-der-tuerkischen-Fussball-Liga-live_1694718.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">konkret angek\u00fcndigt<\/a> hat), wirft jedoch einige Fragen auf. Zum Beispiel: Warum, bitte sch\u00f6n, One Pass? In Deutschland gibt es seit Jahren einen Haufen von Online-Bezahll\u00f6sungen \u2013 wie Paypal oder Click&#038;Buy \u2013 die weit verbreiteter sind als Google Checkout, \u00fcber das nun abgebucht werden soll. Antwort: Weil man Insell\u00f6sungen und vor allem dem eigenen Wettbewerb nicht traut. Das Paid-Content-Gesch\u00e4ft kann nur dann funktionieren, wenn alle Teilnehmer gleichzeitig an einem Strang ziehen. Die Versuchung, Konkurrenz-Medien ihre Kunden zur Kasse bitten zu lassen und selbst als Gratis-Held mit ordentlich Klickzahlen dazustehen, ist einfach zu gro\u00df. Google k\u00f6nnte den sch\u00fctzenden Mantel bieten, der sich synchron \u00fcber alle Verlagsh\u00e4user legt. Dass Google damit nicht nur im Such-, sondern auch im Bezahl-Business zum gigantischen Monopolisten wird, der dereinst Preise und Konditionen nach Belieben diktieren kann, wird nun erst einmal ausgeblendet. Hauptsache, man konnte eine Karte gegen Apple ausspielen.<\/p>\n<p>Das Vertrauen auf den gro\u00dfen Partner Google ist keine L\u00f6sung, es ist eine Verschiebung oder besser: eine Verschleppung des Problems. Die Verlage werden so immer Spielball der Unternehmen bleiben, der eigene Handlungsspielraum wird auf kartellrechtliche Klagen, Appelle an die Politik und offene Briefe zurechtgestutzt. Eine aktive Marktgestaltung sieht anders aus.<\/p>\n<p>Noch einmal: Weder Apple noch Google sind der Buh-Mann in dieser Geschichte. Einzig die Verleger, die durch den immerw\u00e4hrenden Tr\u00e4nenschleier nicht klar sehen k\u00f6nnen, sollten das Ziel der Schuldzuweisung sein. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir beginnen mit den Worten des gro\u00dfen John F. 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