{"id":311,"date":"2009-05-25T22:29:16","date_gmt":"2009-05-25T20:29:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/?p=311"},"modified":"2009-05-25T22:29:16","modified_gmt":"2009-05-25T20:29:16","slug":"das-netz-als-feind-ein-offener-leserbrief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/2009\/05\/das-netz-als-feind-ein-offener-leserbrief\/","title":{"rendered":"&#8222;Das Netz als Feind&#8220;: Ein offener Leserbrief"},"content":{"rendered":"<p><em>Den folgenden Leserbrief habe ich Adam Soboczynski zukommen lassen. Sein Artikel in der &#8222;Zeit&#8220; besch\u00e4ftigte sich mit dem Verschwinden des Intellektualismus im Zeitalter des Web 2.0. Titel: &#8222;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/22\/Der-Intellektuelle?page=all\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Das Netz als Feind<\/a>&#8222;<\/em><\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr Soboczynski,<\/p>\n<p>ich schreibe Ihnen als Redakteur eines gro\u00dfen Blogs in Deutschland (Anmerkung f\u00fcr die Leser hier: <em>nicht dieses!<\/em>). Dies ist eine Reaktion auf Ihren heutigen Beitrag in der &#8222;Zeit&#8220; und da wir beide &#8211; wie ich sehe &#8211; fast derselben Generation angeh\u00f6ren, w\u00fcrde ich Ihnen gerne ganz offen sagen: Sie haben v\u00f6llig Recht. <\/p>\n<p>Ich sch\u00e4tze, dass ebensolche Debatten bereits bei der Etablierung des Radios und sp\u00e4ter beim Siegeszug des Fernsehens gef\u00fchrt wurden. Damals entschied sich der Intellektualismus f\u00fcr das freiwillige Exil des Printmediums. Doch diese allerletzte R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeit ist nun unwiderruflich in Gefahr: Nachrichten werden zu Content, genauso wie Buchseiten zu Displays verarbeitet werden. Eine unumkehrbare Entwicklung, die nicht mehr aufzuhalten ist. <\/p>\n<p>Die Frage ist: Wohin also nun? Die gem\u00fctlichen Tage sind vorbei und die Menge der Leser, die frei von terminlichen Verpflichtungen die Mu\u00dfe haben, am Morgen eine Zeitung aufzuschlagen, wird in den kommenden Jahren diametral zu den Nutzerzahlen des Internet abnehmen. Ich frage noch einmal: Wohin also nun? Ich halte es f\u00fcr den falschen Weg, die Kapitulation auszurufen, zu resignieren und unter den effektvollen Buh-Rufen der digitalisieren Nation das Feld zu r\u00e4umen. <!--more--><\/p>\n<p>Doch um den Blick f\u00fcr das Kommende zu sch\u00e4rfen, m\u00fcssen sich die Intellektuellen zun\u00e4chst einmal eingestehen, dass die Werte des Humanismus die Jahrtausendwende nicht \u00fcberlebt haben. Der Grund ist einfach: Sie werden nicht mehr ben\u00f6tigt. Sie wirken nostalgisch in einer sich st\u00e4ndig beschleunigenden Welt, die auf dem Weg zu mehr Produktivit\u00e4t zwischen den beiden Polen N\u00fctzlichkeit und Unterhaltung herumdeliriert. Der Sch\u00fcler braucht das ABC nicht mehr zu lernen, weil es eine Wikipedia gibt. Englisch hat sich in der Globalisierung die Krone der Weltsprache aufgesetzt &#8211; mehr wird nicht ben\u00f6tigt (und f\u00fcr alles andere gibt es Google Translation). Das literaturwissenschaftliche Studium ist wirtschaftlich nicht verwertbar &#8211; die Zielgerade lautet heute &#8222;Berufseinstieg als Trainee&#8220; und nicht &#8222;Akademiker&#8220;. Ich bewerte diese Entwicklung ebenso wie Sie: als traurig. Doch es gibt kein Zur\u00fcck mehr.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Intellektuellen ist es h\u00f6chste Zeit, sich neu zu definieren. Es ist sogar dringend erforderlich, dass dies geschieht. Die Zeit des Monierens ist vorbei. Anstatt dabei zuzuschauen, wie die Konsolidierung der Zeitungen voranschreitet, Redaktionen abgebaut, andere zu Kollektivb\u00fcros zusammengeschlossen werden, wie immer mehr reine Agenturmeldungen die Analysen abl\u00f6sen, tarifliche Armutszeugnisse in Kauf genommen werden und der Presserat von Jahr zu Jahr mehr R\u00fcgen ausspricht, sollte er die Entwicklung endlich ernst nehmen und sich seinen neuen Platz suchen.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass dies eine schwere Aufgabe ist, zumal die besprochenen Entwicklungen in einem Zeitrahmen passiert sind, der nicht einmal zehn Jahre umspannt. Ich gebe in erster Linie auch nicht den Journalisten die Schuld an der Latenzzeit, sondern vielmehr den Verlegern, die sich sehenden Auges von einer Str\u00f6mung haben \u00fcberrennen lassen (der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck zum Beispiel, einer der Hauptinvestoren im deutschen Internet, h\u00e4tte ich f\u00fcr die &#8222;Zeit&#8220; mehr Weitsicht zugetraut).<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung? Treten Sie in einen Dialog mit der verloren geglaubten Zielgruppe. Der Intellektuelle muss verstehen, dass Kommunikation ab sofort keine monodirektionale Angelegenheit mehr ist. Nehmen Sie Ranickis Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis: massenhaft multimediales Kopfsch\u00fctteln auf der einen Seite. Auf der anderen? Stiller Applaus im Zigarrenzimmer der Intellektuellen (zugegeben: an diesem Abend habe ich mir auch eine Zigarre angesteckt). Der Stolz muss eine zeitlang der Effizienz weichen, wenn klassische Medien auch im kommenden Jahr noch eine Stimme haben sollen. <\/p>\n<p>Der Intellektualismus muss \u00fcberleben &#8211; in einer anderen Form vielleicht &#8211; doch er ist unentbehrlich. \u00dcber Jahrhunderte hat er den B\u00fcrgern die Kompetenz vermittelt, die Puzzleteile richtig zu deuten, zu legen und eigene Bewertungen von Sachverhalten zu erzielen. Er bot Orientierung. Der Intellektualismus ist die P\u00e4dagogik der Demokratie. Deshalb muss der Intellektuelle unbedingt verstehen, dass der Bildungsauftrag mit der Ankunft des Web 2.0 nicht getilgt wurde. Ebenso darf er sich nicht als leidende, anachronistische Nostalgiefigur stilisieren. Es mag schaurig klingen: Doch irgendwo hinter der simplifizierten Fassade von DSDS-Anh\u00e4ngern, YouTube-Fans und Silbermond-H\u00f6rern wartet sein Leser. Er sollte endlich in den Dialog treten. <\/p>\n<p>Mit den besten Gr\u00fc\u00dfen aus K\u00f6ln<\/p>\n<p>Andr\u00e9 Vatter<\/p>\n<p><strong>Update, 26. Mai 2009<\/strong><br \/>\nDie Antwort aus Hamburg kam beinahe postwendent, kurz und knapp &#8211; aber immerhin:<\/p>\n<blockquote><p>Lieber Andr\u00e9 Vatter,<br \/>\nhaben Sie herzlichen Dank f\u00fcr Ihren Leserbrief. Sie benennen, finde ich,<br \/>\ngenau jenen konstruktiven Ausweg aus der Situation, den ich &#8211; auch der<br \/>\nGattung, also der Polemik wegen &#8211; nicht ausbreiten wollte.<\/p>\n<p>Es gr\u00fc\u00dft freundlich<br \/>\nAdam Soboczynski<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den folgenden Leserbrief habe ich Adam Soboczynski zukommen lassen. 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