{"id":3729,"date":"2011-06-30T18:42:27","date_gmt":"2011-06-30T17:42:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/?p=3729"},"modified":"2011-06-30T18:42:27","modified_gmt":"2011-06-30T17:42:27","slug":"der-early-adopter-und-seine-panik-vor-dem-virtuellen-identitatsverlust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/2011\/06\/der-early-adopter-und-seine-panik-vor-dem-virtuellen-identitatsverlust\/","title":{"rendered":"Der Early Adopter und seine Panik vor dem virtuellen Identit\u00e4tsverlust"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-3730\" title=\"facebookfade\" src=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/facebookfade.png\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"157\" srcset=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/facebookfade.png 600w, https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/facebookfade-300x79.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p>Ich war eben drei Mal duschen, was f\u00fcr ein Tag! Der Run auf <a href=\"https:\/\/plus.google.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Google+<\/a> f\u00f6rderte heute schlimme Szenen zutage (<em>&#8230;aus guten Gr\u00fcnden entfernt&#8230;<\/em>). Was f\u00fcr ein Rempeln, ein Dr\u00e4ngen, ein Quetschen! \u2013 alle wollten hinein in Googles neues soziale Netz. Ich glaube, ich habe heute f\u00fcnfzig Invites an wildfremde Menschen verteilen m\u00fcssen, <a href=\"http:\/\/www.washingtonpost.com\/business\/technology\/want-a-google-invite-real-bad-try-ebay\/2011\/06\/30\/AGdv08rH_story.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">auf eBay<\/a> werden Einladungen gerade f\u00fcr bis zu 75 US-Dollar (!) vertickt. Jeder will dabei sein, ganz vorne, im Herzen des sozialen Googleversums. Und man kann es ja auch verstehen: Der Suchmaschine ist wirklich ein potenzreiches Paket gelungen, noch immer ein wenig fragmentiert und vor allem von allen anderen etablierten Diensten isoliert \u2013 aber gelungen.<\/p>\n<p>Ich habe mich gefragt, woher dieser Run r\u00fchrt, dieses &#8222;Erster!&#8220;-Geschrei. Neugierde? Das ist m\u00f6glich. Auch Profilierungssucht w\u00e4re ein m\u00f6glicher Grund.  Dann ging ich eine rauchen, sch\u00fcttelte den Kopf und dachte an einen Dialog wie diesen hier: <!--more--><\/p>\n<p><strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Dann legen Sie sich bitte erst einmal hin.&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Ich will mich nicht hinlegen! Ich bin aufgebracht!&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Aber eben sagten Sie doch noch, Sie seien &#8218;zutiefst beunruhigt&#8216; und &#8218;traurig&#8216;.&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Das stimmt ja auch!&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Legen Sie sich hin.&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Okay.&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Also?&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Herr Doktor, ich f\u00fchle mich schlecht, mir geht es mies. Ich f\u00fchle mich schlimmer als Tantalos. Der Typ, der den Stein immer wieder den Berg&#8230;&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;&#8230; Sysiphos.&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Was?&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Es war Sysiphos, der den Stein immer wieder den Berg hinaufrollen musste, als Strafe der G\u00f6tter. Tantalos wurde die Leber zerhackt.&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Das ist mir <em>egal<\/em>.&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Worum geht es \u00fcberhaupt?&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Google+ ist heute gestartet.&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Aha.&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Ein neues Social Network, so etwas wie Facebook \u2013 nur von Google.&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Und Sie&#8230;&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Und ich stehe wieder ganz am Anfang!&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Ich kann Ihnen nicht folgen.&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Ich habe 798 Freunde auf Facebook. Siebenhundertachtundneunzig! Und \u00fcber 2.000 Follower bei Twitter.&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Beeindruckend. Und die kennen Sie alle?&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Was? Nein, aber darum geht es auch nicht. Ich stehe wieder am Anfang. Alle Anstrengungen umsonst, all die Zeit, die Gespr\u00e4che, die Arbeit \u2013 alles umsonst.&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Mir ist immer noch nicht so ganz klar, woher Ihr Zustand r\u00fchrt.&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Mein Influence! Er ist fort. Von einen auf den anderen Moment weggewischt.&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Weil Ihre Konten bei Facebook und Twitter gel\u00f6scht wurden!&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Nein! Weil es Google+ gibt. Verstehen Sie: Hier spielt nun die Musik. Meine m\u00fchsam aufgebaute Identit\u00e4t ist fort. Mein Leben verblasst vor meinen Augen!&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Tja, was ein Pech, was?&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Sie nehmen mich nicht ernst!&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Ich, also&#8230; naja.&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Ach, was frage ich Sie \u00fcberhaupt. Sie haben keine Ahnung.&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Reden Sie weiter.&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Ich habe mich heute dort angemeldet. Wissen Sie, was mich dort begr\u00fc\u00dft hat?&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Na?&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Eine Null! Eine dicke, runde, fette Null!&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Ach, <em>das<\/em> meinen Sie.&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Exakt. Wenn Google+ der n\u00e4chste Renner wird, muss ich mir alles wieder von vorne aufbauen.&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Sie dachten, Sie seien bereits etabliert.&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Ich hatte alles! Renommee, Einfluss \u2013 alles! Und jetzt habe ich nichts mehr. Ich muss wieder von vorne anfangen.&#8220;<br \/>\n<strong>Arzt:<\/strong> &#8222;Vielleicht wird Google+ aber nicht der n\u00e4chste Renner. Vielleicht haben Sie ja Gl\u00fcck und&#8230;&#8220;<br \/>\n<strong>Patient:<\/strong> &#8222;Was meinen Sie, wie ich darauf hoffe. Ich war seit der Beerdigung meiner Mutter nicht mehr in der Kirche. Aber heute. Alles andere w\u00e4re mein Untergang!&#8220;<\/p>\n<p>Ich glaube, dass hier der Ursprung von Googles heutigem Erfolg herr\u00fchrt. Was ist, wenn Facebook und Twitter tats\u00e4chlich im Schatten des neuen Dienstes verblassen w\u00fcrden?<\/p>\n<p>Ich nehme mich in diesem Fall eigentlich wirklich ungern aus, aber ich habe angesichts von Googles Bem\u00fchungen im Social Web ebenfalls den Daumen gesenkt. Und ich glaube, dass ich es <a href=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/2011\/05\/warum-google-wahrscheinlich-nie-im-social-web-ankommen-wird\/\">argumentativ gut belegen<\/a> konnte. Doch viele andere lachten pro forma: &#8222;Haha, Google schafft das nie, weil&#8230; Na! Haha!&#8220; Das Neue muss einfach bek\u00e4mpft werden, da alles Neue uns den Boden unter den F\u00fc\u00dfen wegziehen k\u00f6nnte. Und man steht dann wieder am Anfang.<\/p>\n<p>Nachdem klar war, dass Google+ entgegen vieler Meinungen tats\u00e4chlich Potential besitzt und erste Medien das Wort vom &#8222;Facebook-Killer&#8220; in Berichten fallen lie\u00dfen, wuchs die Panik und man konnte das Unvermeidliche wirklich nicht mehr verhindern: &#8222;Was passiert sonst mit meinem Influence?&#8220;<\/p>\n<p>Der heutige Tag hat mir drei Dinge gezeigt: Erstes gibt es im Social Web kein Zuhause. Wir k\u00f6nnen uns an Dienste erstaunlich schnell gew\u00f6hnen, in ihnen leben und sie zum Teil unseres Alltags machen. Doch niemals sind sie eine unumst\u00f6\u00dfliche Konstante. Tats\u00e4chlich k\u00f6nnen sie schneller wieder von der Bildfl\u00e4che verschwinden, als sie gebraucht haben, um zu entstehen: auch innerhalb einiger Monate. Zweitens wird damit deutlich, dass es neben dem Web 2.0 respektable Werte braucht, um die Abh\u00e4ngigkeiten zu minimieren. Dies gilt in erster Linie auch f\u00fcr Unternehmen, die in diesen Tagen so gerne auf den Hype-Train &#8222;Social Web&#8220; aufspringen, um sich Abk\u00fcrzungen zu erhoffen. Wenn die Dinge hier wacklig werden und es Zeit ist, Neues aufzubauen, so gelingt dies nur,  wenn auch abseits des Netzes ordentlich Substanz vorhanden ist. Und drittens impliziert diese Furcht vor dem pl\u00f6tzlichen Identit\u00e4tsverlust eine Form von Innovationsfeindlichkeit. Wir wollen schlichtweg kein besseres Twitter, kein funktionaleres Facebook. Weil wir unsere Leute nicht verlieren m\u00f6chten. Nun ist es aber geschehen und jedermann schlagartig davon besessen, die alten Identit\u00e4ten \u2013 und mit ihnen das Renommee und den Einfluss \u2013 an das neue Ufer hin\u00fcberzuretten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war eben drei Mal duschen, was f\u00fcr ein Tag! Der Run auf Google+ f\u00f6rderte heute schlimme Szenen zutage (&#8230;aus guten Gr\u00fcnden entfernt&#8230;). 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