{"id":6278,"date":"2014-05-08T05:15:01","date_gmt":"2014-05-08T04:15:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/?p=6278"},"modified":"2019-04-01T21:45:38","modified_gmt":"2019-04-01T19:45:38","slug":"zweifrontenkrieg-der-generation-c-dann-lasst-es-eben-knallen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/2014\/05\/zweifrontenkrieg-der-generation-c-dann-lasst-es-eben-knallen\/","title":{"rendered":"Der Zweifrontenkrieg der Generation C"},"content":{"rendered":"<p>Sch\u00f6ne Vorlesung, kein Zweifel. Sascha Lobo hat auf der re:publica seine &#8222;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3hbEWOTI5MI\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rede zur Lage der Nation<\/a>&#8220; gehalten, in der er versucht, die Mechanismen des ausbleibenden, makrogesellschaftlichen Feedbacks auf den globalen \u00dcberwachungsskandal aufzuzeigen. Er vergleicht die Netzaktivisten mit den Umweltaktivisten, die es im Gegensatz zu diesen es immer wieder schaffen, Unterst\u00fctzer f\u00fcr ihre Sache zu mobilisieren. Offenbar machen sie die bessere Lobbyarbeit.<\/p>\n<p>Aber das Internet ist eben kein zu sch\u00fctzendes \u00d6kosystem, bietet keinen Freikauf vom schlechten Gewissen, der f\u00fcr den Erfolg von vielen Umweltschutzorganisationen so wichtig ist: &#8222;Ich schmei\u00dfe Kippen auf die Stra\u00dfe, werfe Pappbecher neben den M\u00fclleimer, stelle den alten Fernseher runter auf die Stra\u00dfe und fahre einen SUV. Deshalb spende ich an den WWF. Das Internet? Ist mir furzegal.&#8220;<\/p>\n<h2>Menschen sind nicht so doof<\/h2>\n<p>Das \u2013 und hier sind wir schon mittendrin \u2013 ist der Grund f\u00fcr das schlechte Abschneiden der Netzlobby: die mangelnde Relevanz. Vor knapp einem Monat hat das Marktforschungsunternehmen GfK eine <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article126882276\/Deutsche-unterschaetzen-den-Wert-persoenlicher-Daten.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">repr\u00e4sentative Umfrage<\/a> unter Deutschen gemacht. Dabei kam heraus, dass fast die H\u00e4lfte aller Bundesb\u00fcrger nichts an ihrem Umgang mit pers\u00f6nlichen Daten ge\u00e4ndert hat. Die mit Abstand h\u00e4ufigste Antwort dabei war: &#8222;Nein, ich habe nichts zu verbergen.&#8220;<\/p>\n<p>Menschen sind nicht so doof, dass sie sich nicht aufregen, wenn sie es f\u00fcr angemessen betrachten. Die Medien haben im Snowden-Fahrwasser (und das gebe ich selten zu) einen gro\u00dfartigen Job geleistet, haben sich in allen Sp\u00e4hskandalen verbissen, Politiker vor die Kameras gezerrt, nicht locker gelassen, nachgehackt und immer wieder versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. W\u00e4hrend wir fassungslos und kopfsch\u00fcttelnd vor den Fernsehern hingen, sa\u00df halb Deutschland schulterzuckend daneben: &#8222;Schalt doch mal um, da \u2013 wie hei\u00dft der nochmal? \u2013 den guck ich ja so gerne.&#8220;<\/p>\n<p>Die Erkenntnis ist schmerzhaft, da wir uns selbst viel zu selten aus unser eigenen Online-Filterblase heraus in das rustikale Deutschland bewegen: Doch der halben Republik erscheint die Generation C als ein Haufen ADS-Kinder, die den Tag mit Killerspielen vor der Klackerkiste verbringen. Das <em>Bed\u00fcrfnis Internet<\/em> wird nicht ernst genommen, weil die <em>Bedeutung Internet<\/em> nicht verstanden wird. Das Internet bietet L\u00f6sungen auf Probleme, die die Baby Boomer nicht haben. Warum auch? Es ging ja auch so immer. Dieses Desinteresse der Unbeteiligten ist der fundamentale, gesellschaftliche Skandal hinter dem eigentlichen Sp\u00e4hskandal. Denn die Ignoranz sorgt daf\u00fcr, dass sich nichts \u00e4ndert. Von vielen Alten wird die Aff\u00e4re als hochgejubeltes \u00c4rgernis einer Generation verstanden, die sich eigentlich um Wichtigeres k\u00fcmmern sollte.<\/p>\n<p>In diesem Fall ist Kommunikation gut \u2013 aber eben bei weitem nicht ausreichend. Wir k\u00f6nnen protestieren, aufkl\u00e4ren, schreien und toben, doch bis heute hat es niemals einen wirklichen Kampf gegeben, denn der Mitstreiter ist nie aufs Feld gezogen. Er sitzt zuhause auf der Couch und schaut die letzten Reste von &#8222;Wetten dass&#8230;?&#8220;.<\/p>\n<h2>Mir schei\u00dfegal &#8211; Yolo!<\/h2>\n<p>Der Kampf um Aufmerksamkeit und das Betteln um Verst\u00e4ndnis ist zeit- und kr\u00e4fteraubend. Und w\u00e4hrend all der Jahre reifte so von vielen unbeobachtet ein weiteres Heer der Interessenlosen heran, die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Generation_Y\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Millennials<\/a> oder Vertreter der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Generation_Z\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Generation Z<\/a>; unsere Sorgenkinder, die nichts anderes als das Internet kennen und ihre ersten Selfie-Auftritte noch vor der Geburt in Form <a href=\"http:\/\/www.tomsguide.com\/us\/AVG-Research-Now-Babies-Online-Presence,news-8255.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">embryonaler Ultraschallfotos<\/a> auf Facebook hatten. Oft genug erscheinen sie uns naiv, tats\u00e4chlich sind sie aber Opfer einer Gesellschaft, die es nicht schafft, Privatsph\u00e4re als etwas Relevantes zu vermitteln. Den Jungen ist \u00dcberwachung durch Staat und Wirtschaft \u2013 yolo! \u2013 so ziemlich schei\u00dfegal, weil: Es ging ja auch so immer.<\/p>\n<p>Schuld an der Einstellung \u2013 die sich eben in Sexting, Whatsapp-Mobbing und Suffalben auf Instagram \u00e4u\u00dfert \u2013 ist in erster Linie ein gescheitertes Bildungssystem, das davon ausgeht, dass jemand, der einen Browser bedienen kann, auch versteht, wie das Internet funktioniert. Ende des Unterrichts. Selbst ein Lobbyverband wird da nichts ausrichten k\u00f6nnen, es sei denn, er \u00fcbernimmt dann auch gleich die Lehrstunden f\u00fcr Differentialrechnung oder die biologische RGT-Regel.<\/p>\n<p>Die Generation C steht mit ihrer Emp\u00f6rung alleine da, gesellschaftlich eingeklemmt zwischen ZDF-Ignoranz und WTF-Laissez-faire, zwischen &#8222;Ich habe doch nix zu verbergen!&#8220; und &#8222;Was k\u00f6nnte ich denn verbergen?!&#8220;. Ihr gegen\u00fcber stehen die milliardenschweren IT-Riesen oder beh\u00f6rdlichen Sp\u00e4hinstanzen, die mitten im oder nah am Zentrum der Macht kauern. Die eigene politische Machtlosigkeit der Netzinteressierten wurde bei der <a href=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/2013\/08\/liebe-netzpolitikemporte-a-geht-wahlen-und-b-weiht-oma-und-opa-ein-infografik\/\">j\u00fcngsten Bundestagswahl<\/a> wieder einmal eindrucksvoll demonstriert.<\/p>\n<h2>Ein augen\u00f6ffnender Knall<\/h2>\n<p>Wir haben es mit Appellen versucht, wir haben es mit Druck versucht. Nichts hat sich bewegt. Solange es der Mehrheit egal ist, bleibt die breite Emp\u00f6rung eben aus. Solange es egal ist, wird sich die Politik nicht bewegen, wird es keine Aufkl\u00e4rung geben, ebenso keine neuen Gesetze, keine Internetverfassung, die die Rechte der Digitalb\u00fcrger sch\u00fctzt. Und so passiert das, was in diesen F\u00e4llen immer passiert, n\u00e4mlich das Einsetzen fassungsloser Resignation \u2013 gefolgt von muffeliger Selbstreflexion.<\/p>\n<p>Es gibt nur einen Weg aus der misslichen bis gef\u00e4hrlichen Lage und zwar ein augen\u00f6ffnender Knall. Das Internet wird unbeeindruckt von netzaktivistischen Anstrengungen hinter den Kulissen weiter zerm\u00fcrbt und umgeformt werden, daran besteht zum jetzigen Zeitpunkt kein Zweifel mehr. Die \u00dcberwachung wird wie die Vertuschungen zunehmen, hin und wieder gibt es Eskalation, ein schwaches Aufb\u00e4umen der unmittelbar Betroffenen, das war&#8217;s.<\/p>\n<p>Der augen\u00f6ffnende Knall geschieht erst dann, wenn die NSAs, BNDs, Googles und Apples der Welt einen Knopf zu viel dr\u00fccken und ein Funke direkt in das Leben der Alten und Jungen \u00fcberspringt: Wenn ein Spionageakt enttarnt wird und in der Folge einen Kursrutsch an der B\u00f6rse provoziert, der kurz darauf die Rentenersparnisse schmelzen l\u00e4sst. Wenn deutsche Lebensabendtouristen mit Verweis auf ihren j\u00fcngsten Mailverkehr von Grenzbeamten zur Seite genommen werden. Wenn im Gespr\u00e4ch mit der Tochter pl\u00f6tzlich eine dritte Stimme im Apparat ert\u00f6nt. Wenn eine ganze Schulklasse die M\u00fcnchen-Reise absagen muss, weil die dortige Polizei die angek\u00fcndigte Facebook-Party jetzt nicht ganz so cool fand. Wenn der erste Azubi-Job ins Wasser f\u00e4llt, da der Personaler auf den Parkfotos den winzigen Joint zwischen den Fingern entdeckte. Nur, wer einen Grund dazu hat, wird sich emp\u00f6ren. Wer zuvor pr\u00e4ventive Warnungen mit tauben Ohren quittiert hat, wird anders denken m\u00fcssen, wenn der eintretende Fall zu einer pers\u00f6nlichen Erfahrung wird. Wann wurde die Politik wach? Als bekannt wurde, dass Merkels Handy auf der Abh\u00f6rliste stand.<\/p>\n<h2><\/h2>\n<h2>&#8222;Weitermachen!&#8220;<\/h2>\n<p>Es ist ein dummes Spiel, das gespielt werden muss, um eine Ver\u00e4nderung zu bewirken. Ein Spiel, an dessen Ende jeder sagen wird: &#8222;Ja, h\u00e4tte man eigentlich so kommen sehen m\u00fcssen&#8230;&#8220; Man k\u00f6nnte meinen, dass eine demokratische Gesellschaft im Jahr 2014 so etwas nicht n\u00f6tig hat. Aber&#8230; hier stehen wir. Also: H\u00f6rt nicht auf, den Zeigefinger zu erheben und immer wieder zu mahnen. Macht weiter Druck. Vergesst aber nicht, dass jede Botschaft vergebens ist, wenn der Empf\u00e4nger weder den Sinn, noch die Relevanz versteht. Zieht die Tauben und Stummen auf eure Seite, gebt dem Internet f\u00fcr alle eine Bedeutung. Erst dann wird etwas passieren.<\/p>\n<p>Sascha Lobo geht in seinem Vortrag auf Herbert Marcuse und seine \u00dcberlegungen zur Macht ein. Aber ich denke, in diesem Fall braucht es keine filigranen, poststrukturalistischen Theorien mehr (\u00fcbrigens w\u00e4re da Michel Foucaults &#8222;<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3518387715\/ref=as_li_ss_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=19454&amp;creativeASIN=3518387715&amp;linkCode=as2&amp;tag=adreactor-21\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00dcberwachen und Strafen<\/a>&#8220; viel geeigneter) \u2013 denn die, die das Problem des Machttransfers und -missbrauchs verstehen wollen, verstehen es auch. Marcuses Grab befindet sich \u00fcbrigens auf dem Dorotheenst\u00e4dtischen Friedhof in Berlin. Der <a href=\"http:\/\/www.berlin.de\/tourismus\/fotos\/sehenswuerdigkeiten\/1993499-1355138.gallery.html?page=5\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">schlichte Stein<\/a> tr\u00e4gt neben seinem Namen und Lebensdaten eine Aufschrift: &#8222;Weitermachen!&#8220; \u2013 und ich denke, daran sollten wir uns halten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sch\u00f6ne Vorlesung, kein Zweifel. 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