{"id":7140,"date":"2015-03-15T20:45:26","date_gmt":"2015-03-15T19:45:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/?p=7140"},"modified":"2019-03-29T10:45:38","modified_gmt":"2019-03-29T09:45:38","slug":"dconomy-kampfschrei-des-stillstands","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/2015\/03\/dconomy-kampfschrei-des-stillstands\/","title":{"rendered":"D!conomy"},"content":{"rendered":"<p>Irgendwie entbehrte es nicht drolliger Ironie, als Angela Merkel den Saal der CeBIT im ruckelnden Flash-Livestream betrat, w\u00e4hrend zeitgleich Pharrell Williams die akustische Hintergrundkulisse besorgte: &#8222;It might seem crazy what I&#8217;m about to say&#8230;&#8220; Und als der Blockbuster-Sprecher der Messe dann auch noch vollt\u00f6nig &#8222;disruptive technology&#8220; mit &#8222;disrupted technology&#8220; verwechselte \u2013 was so ziemlich genau dem Gegenteil des ersten entspricht \u2013 h\u00e4tte allen Zuschauen klar sein m\u00fcssen, was hier auf sie wartet.<\/p>\n<p>Der Schwerpunkt der diesj\u00e4hrigen CeBIT kreist um den Begriff &#8222;d!conomy&#8220;, einem der vielen Neologismen, die in Hannover Jahr f\u00fcr Jahr erfunden werden. Auch die Bezeichnung der sogenannten &#8222;<a href=\"http:\/\/www.vdi-nachrichten.com\/Technik-Gesellschaft\/Industrie-40-Mit-Internet-Dinge-Weg-4-industriellen-Revolution\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Industrie 4.0<\/a>&#8220; wurde einst auf dem Messegel\u00e4nde geboren und sickerte von hier mit Hilfe der Medien in den aktiven Wortschatz der Politik \u2013 oft in Begleitung von Adjektiven, wie &#8222;radikal&#8220;, &#8222;revolution\u00e4r&#8220; oder &#8222;umw\u00e4lzend&#8220;. Seit Jahrzehnten entdecken die Deutschen so in jedem Fr\u00fchjahr die &#8222;Digitale Revolution&#8220; aufs Neue, \u00fcberrascht und erstaunt von ihren M\u00f6glichkeiten und ihrem tiefgreifenden gesellschaftlichen Effekt. Um den Messeplanern zumindest f\u00fcr die kommenden Jahre schon mal ein wenig Arbeit abzunehmen, hier ein paar Claims f\u00fcr ein und dasselbe Ph\u00e4nomen \u2013 das sollte bis 2020 reichen: &#8222;Cyberconomy&#8220;, &#8222;T3ch-enhanced Business&#8220;, &#8222;WWWirtschaft&#8220; und &#8222;#MadeInGermany&#8220;.<\/p>\n<h2>Die Buzzword-Republik<\/h2>\n<p>Offenbar brauchen die Deutschen eine deskriptive Trend-Auseinandersetzung mit dem Thema. Ob es ihnen hilft, ist zweifelhaft. In anderen L\u00e4ndern ist es jedenfalls so, dass das Internet, Facebook, Google, eBay, Amazon, Big Data, 3D-Druck, Smart-TVs, selbstfahrende Autos, IoT, Smartphones und Tablets, Drohnenlogistik, Wearables, L\u00f6sungen f\u00fcr Augmented Enhanced Reality und Mobile Payment und Smart-TVs erfunden wurden und dabei nur ein Begriff gebraucht wurde: &#8222;Digitization&#8220; \u2013 ein Wort, das eher eine durchaus nachvollziehbare, konsequente Evolution als eine Revolution beschreibt.<\/p>\n<p>Sei es so. Im Wesen eines jeden proklamierten Aufbruchs liegt es, dass derjenige, der sich mit Elan auf den Weg macht, auch wei\u00df, wohin er eigentlich will. Folgerichtig werfen wir einen Blick zur\u00fcck in das vergangene Jahr, das ganz im Zeichen der &#8222;Industrie 4.0&#8220; stand. Die Wirtschaft applaudierte, die Politik appellierte. Im Fahrwasser der Euphorie, die weiter entwickelte Gesellschaften stirnrunzelnd zu Kenntnis nahmen, wurde die <a href=\"http:\/\/www.plattform-i40.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Plattform Industrie 4.0<\/a> gegr\u00fcndet, ein Konsortium deutscher Unternehmen, dessen Aufgabe es sein sollte, gemeinsamen Standards f\u00fcr die &#8222;vierte industrielle Revolution&#8220; zu entwickeln.<\/p>\n<h2>&#8222;Im Wesentlichen haben wir nichts hinbekommen.&#8220;<\/h2>\n<p>Offenbar hielt die Aufbruchsstimmung nicht lange. Die <a href=\"http:\/\/www.plattform-i40.de\/presse\/plattform-industrie-40\/die-plattform-industrie-40-definiert-industrie-40-und-die\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">j\u00fcngste Pressemitteilung<\/a> der Plattform ist zugleich auch die viertletzte und stammt vom 14.04.2014. Vor wenigen Tagen <a href=\"http:\/\/www.elektroniknet.de\/elektronikfertigung\/strategien-trends\/artikel\/116855\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">r\u00e4umte<\/a> dann auch Reinhard Clemens, CEO von T-Systems, ein, Deutschland habe &#8222;die erste Halbzeit verloren&#8220;. &#8222;Im Wesentlichen haben wir nichts hinbekommen&#8220;, so Clemens. Auch ein guter Slogan. Somit ist das Projekt bereits auf Bundesebene im Sande verebbt, die Anstrengungen, einen EU-weiten Konsens zu erzielen, scheinen daher mehr als auss!chtslos 4.0. Die Reise, der Aufbruch, wurden abgesagt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-7158 size-full\" src=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/innovation-mittelstand1.png\" alt=\"innovation-mittelstand\" width=\"1128\" height=\"784\" srcset=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/innovation-mittelstand1.png 1128w, https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/innovation-mittelstand1-300x209.png 300w, https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/innovation-mittelstand1-768x534.png 768w, https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/innovation-mittelstand1-1024x712.png 1024w\" sizes=\"(max-width: 1128px) 100vw, 1128px\" \/>W\u00e4hrend die Politik beharrlich <a href=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/2014\/11\/deutsche-digitalpolitik-ist-nicht-das-ergebnis-von-dummheit-ignoranz-oder-verbohrtheit-sondern-vorsatz\/\">den Status-quo verwaltet<\/a>, ergeben sich Wirtschaftsverb\u00e4nde in ebenso kontinuierlichem wie folgelosem Buzzword-Bellen. Der deutsche Mittelstand, der den gr\u00f6\u00dften Teil der hiesigen Wirtschaft ausmacht, ist verwirrt und <a href=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/2014\/06\/ueber-das-lauter-werdende-mimimi-der-wirtschaft-1-0\/\">schaut wehm\u00fctig auf die Vergangenheit zur\u00fcck<\/a>, als das Fax-Ger\u00e4t nur zehn Kn\u00f6pfe und den On\/Off-Button hatte. Die &#8222;Lasst mich doch mit eurem Schei\u00df in Ruhe!&#8220;-Mentalit\u00e4t der deutschen Mittelst\u00e4ndler l\u00e4sst sich sogar in Zahlen ausdr\u00fccken. Die KfW attestiert den KMUs erst k\u00fcrzlich einen <a href=\"https:\/\/www.kfw.de\/KfW-Konzern\/Newsroom\/Pressematerial\/Themen-kompakt\/Innovationsbericht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">gravierenden Mangel an Innovationswillen<\/a>. Die aktuellen Anstrengungen in diesem Bereich seien demnach sogar schw\u00e4cher als in den stark von der Finanzkrise beeinflussten Jahren 2007 bis 2009.<\/p>\n<h2>Schattenboxend im Abseits<\/h2>\n<p>Ich bin kein Nostradamus, aber die Entwicklung k\u00f6nnte sich in wenigen Jahren als gef\u00e4hrlich erweisen, wenn amerikanische und asiatische Wellen aus Produkt-, Prozess- und Service-Innovationen \u00fcber den deutschen Markt zusammenklatschen. Als rohstoffarmes Land, das eher passiv an der globalen Digitalisierung partizipiert, wird Deutschland zumindest schon in wenigen Jahren weder als Entwicklungs- noch als Produktionsstandort punkten k\u00f6nnen. Also, wenn wir uns tats\u00e4chlich in einem Zeitalter disruptiver Umbr\u00fcche und technologischer Revolutionen befinden, lassen es sich die Bosse hierzulande nicht anmerken.<\/p>\n<p>Um mit Clemens&#8216; Worten zu sprechen, haben wir nicht nur die &#8222;erste Halbzeit verloren&#8220;, sondern sind bereits in der ersten Qualifikationsrunde schattenboxend ausgeschieden. Die USA, aber auch die Asiaten, sind uns nicht einen, sondern zwei, wenn nicht drei Schritte voraus. Denn nach den technologischen Innovationen (wo die Deutschen eigentlich gut sind) haben sie schon die dazu passenden Gesch\u00e4ftsmodelle entwickelt (wo wir nicht so gut sind) und Weichen f\u00fcr die politischen Rahmenbedingungen (wo wir richtig schlecht sind) gestellt. Kalifornien hat bereits 2012 (!) ein Gesetz f\u00fcr die <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/digital\/mobil\/2012-09\/google-autonome-autos\/komplettansicht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Erlaubnis selbstfahrender Autos<\/a> auf den Stra\u00dfen erlassen. F\u00fcr alle, die in Geschichte mit Defiziten zu k\u00e4mpfen haben: Das war rund ein Jahr bevor <a href=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/2013\/06\/uber-den-neuland-streit-und-es-ist-doch-zum-kopfschutteln\/\">Merkel das Internet als Neuland entdeckte<\/a> und sich schnell aus der bin\u00e4ren Kolonie zur\u00fcckzog. Und drei Jahre bevor die deutsche Bundesregierung noch immer <a href=\"https:\/\/digitalegesellschaft.de\/2015\/03\/stoererhaftung-steinzeit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">keine tragf\u00e4hige L\u00f6sung<\/a> f\u00fcr \u00f6ffentliches WLAN vorlegen konnte.<\/p>\n<h2>Tradition3xit &#8211; oder so<\/h2>\n<p>Nein, von der Politik konnte sich die Wirtschaft bislang wahrlich keine gro\u00dfe Hilfe erhoffen. Nach vollmundigen Erkl\u00e4rungen, Attesten der Dringlichkeit und der \u00c4u\u00dferung anderer ePlatt!t\u00fcden hatten sich das Bundesbildungs- und Bundeswirtschaftsministerium gerade einmal durchgerungen, die Industrie 4.0 mit <a href=\"http:\/\/www.bmbf.de\/de\/9072.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">200 Millionen Euro<\/a> zu f\u00f6rdern. Zum Vergleich: Genauso viel kostete j\u00fcngst ein <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/laermschutztunnel-koeln-200-millionen-euro-fuer-die-ruhe.1769.de.html?dram:article_id=295063\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">L\u00e4rmschutztunnel<\/a> an der A1 in K\u00f6ln, der nun 2.000 Anwohner ruhiger schlafen l\u00e4sst. Und genau diesen Effekt hat auch die Zahlung der genannten Alibisumme bei der Bundesregierung: einen ruhigen Schlaf. Statt Visionen und konkrete Ma\u00dfnahmenkataloge zu formulieren, ergeht sie sich in mitleidigen Durchhalteparolen und Selbstbeschw\u00f6rungen \u2013 und scheut nicht einmal davor zur\u00fcck, sie auch \u00f6ffentlichen in fremdsch\u00e4mtauglichen <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Bundesregierung\/photos\/a.769938079764597.1073741828.768905426534529\/798340900257648\/?type=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kampagnen<\/a> (&#8222;Deutschland kann das.&#8220;) von sich zu geben.<\/p>\n<p>Wenn die digitale Umw\u00e4lzung tats\u00e4chlich in einer Radikalit\u00e4t nie erlebter Ausma\u00dfe \u00fcber uns kommt, muss doch die Reaktion ad\u00e4quat sein. Und eigentlich hat die Bundesregierung daf\u00fcr schon eine L\u00f6sung in der Schublade. 2009 initiierte sie die wohl gr\u00f6\u00dfte staatlich sanktionierte <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Umweltpr%C3%A4mie#Bewertung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wertvernichtung<\/a> eines Industrielandes. K\u00e4ufersubventionen in Form der Abwrackpr\u00e4mie sollten einem Wirtschaftszweig wieder auf die Beine helfen, der seinen Gro\u00dfteil des Absatzes sowieso durch Exporte bestreitet. Heute wissen wir: Irgendetwas hat es gebracht, was genau, wei\u00df wiederum niemand so genau. Vielleicht wird es Zeit, das erprobte Modell von der Stra\u00dfe in die B\u00fcros und Fabriken zu holen. Bevor wir die Barrikaden einer deutschen digitalen Revolution erklimmen k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir zun\u00e4chst die fragilen \u00dcberreste der Wirtschaft 1.0 abwracken. Anreize schaffen, raus mit dem Alten, rein mit dem Neuen. Sicherlich ist ein Ankurbeln freundlicher als eine versp\u00e4tete Reanimiation. Man muss nur wollen, dann geht das schon. Und ein Buzzword-tauglicher Name wird sich daf\u00fcr schon finden lassen. &#8222;Tradition3xit&#8220;, oder so.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwie entbehrte es nicht drolliger Ironie, als Angela Merkel den Saal der CeBIT im ruckelnden Flash-Livestream betrat, w\u00e4hrend zeitgleich Pharrell Williams die akustische Hintergrundkulisse besorgte:&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":7385,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14,16,18],"tags":[61,149,186,192,362],"sgb\/featured_image_src":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/architecture-brick-broken-162630-1024x726.jpg","sgb\/author_data":{"display_name":"Andr\u00e9 Vatter","avatar":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/838789e2550a09a9cfda02ae6d536d97?s=96&d=mm&r=g","author_link":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/author\/admin\/"},"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/architecture-brick-broken-162630.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7140"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7140"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7140\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7518,"href":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7140\/revisions\/7518"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7385"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7140"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7140"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7140"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}