{"id":7782,"date":"2022-11-07T19:57:49","date_gmt":"2022-11-07T18:57:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/?p=7782"},"modified":"2022-11-07T20:51:35","modified_gmt":"2022-11-07T19:51:35","slug":"stolz-und-vorurteil-und-der-irreversible-twitter-fuckup","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/2022\/11\/stolz-und-vorurteil-und-der-irreversible-twitter-fuckup\/","title":{"rendered":"Stolz und Vorurteil \u2013 und der irreversible Twitter-Fuckup"},"content":{"rendered":"<p>Musks erstes gro\u00dfes Missverst\u00e4ndnis bestand darin, Twitter f\u00fcr eine wichtige Plattform zu halten. <\/p>\n<p>Und damit ist er nicht alleine. Die Rolle, die das Netzwerk spielt, wird heute von den meisten \u00fcbersch\u00e4tzt \u2013 dazu z\u00e4hlen in erster Linie Techies, Journalisten, Werber, Aktivisten, Politiker und so manche A- und B-Promis. Niemand anderes interessiert sich f\u00fcr Twitter. Keiner. <\/p>\n<p>Twitter ist bis heute ein Winzling im <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/List_of_social_platforms_with_at_least_100_million_active_users\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sichtbarkeitsstreit<\/a> der sozialen Netzwerke geblieben: Facebook umspannt mit rund drei Milliarden Active Users im Monat die Welt. YouTube hat fast 2,1 Milliarden und ist auf jedem Smartphone der Welt zu finden. WhatsApp ist riesig (zwei Milliarden mittlerweile), TikTok ist noch nicht einmal f\u00fcnf Jahre alt und hat schon \u00fcber eine Milliarde Active Users. Und Twitter? Kommt auf gerade einmal knapp 400 Millionen \u2013 weniger als Snapchat, selbst weniger als Pinterest. Und das sind die Besucher der Plattform (inklusive externer Zugriffe), nicht die Zahl der registrierten Accounts, die Twitter bis heute nicht kommuniziert. Und dann h\u00e4tten wir da noch das Problem der Bots- und Fake-Accounts, das nach <a href=\"https:\/\/in.mashable.com\/tech\/38095\/90-of-comments-on-my-account-are-bots-elon-musk-tweets-even-as-twitter-maintains-status-quo-on-bot-c\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Musks Angaben<\/a> ja bis heute persistiert und die bekannten Statistiken noch einmal k\u00fcnstlich aufbl\u00e4ht.<\/p>\n<h2>Was, bittesch\u00f6n, ist Twitter?<\/h2>\n<p>F\u00fcr die meisten Menschen in den meisten L\u00e4ndern diese Erde spielt Twitter schlichtweg keine Rolle. Musk t\u00e4tigte den Kauf nicht auf Grundlage klarer Deliberation in Sachen Reichweite und gesellschaftlichem Impact, sondern weil er sich in seinem pers\u00f6nlichen Hobby verlor. Anders ausgedr\u00fcckt: Twitter machte ihm einfach Spa\u00df. Das Trolling, das Meme-Game, die Aufmerksamkeit der folgsamen Fanboys, das unmittelbare \u2013 mal am\u00fcsierte, mal schockierte \u2013 Feedback der wenigen, echten User. Es schmeichelte ihm, es unterhielt ihn. Letztlich ma\u00df er dem Ganzen eine Bedeutung bei, die sich mit der Realit\u00e4t nicht deckte. Es war Stolz und Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung.<\/p>\n<p>Dass es sich bei dem Kauf tats\u00e4chlich um einen irreversiblen Fuckup handelte, muss ihm schon kurz nach Betreten des Twitter-HQs klargeworden sein. Das Netzwerk verbrennt derzeit <a href=\"https:\/\/twitter.com\/elonmusk\/status\/1588671155766194176\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">vier Millionen US-Dollar<\/a> pro Tag. Die f\u00e4lligen Zinsen der Kaufsumme von 44 Milliarden Dollar betragen f\u00fcr Musk eine Milliarde Dollar pro Jahr: Geld, das selbst der reichste Mann der Welt nicht fl\u00fcssig hat, da sein Verm\u00f6gen beinahe komplett in Tesla-Anteilen gebunden ist. Und sollte er damit beginnen, dort seine Aktienpakete zur Tilgung der Schulden abzusto\u00dfen, wird sich der Fuckup wie ein Wurm ins n\u00e4chste Unternehmen fressen. Das wei\u00df er.<\/p>\n<p><center><\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\">\n<p lang=\"en\" dir=\"ltr\">Entering Twitter HQ \u2013 let that sink in! <a href=\"https:\/\/t.co\/D68z4K2wq7\">pic.twitter.com\/D68z4K2wq7<\/a><\/p>\n<p>&mdash; Elon Musk (@elonmusk) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/elonmusk\/status\/1585341984679469056?ref_src=twsrc%5Etfw\">October 26, 2022<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><br \/>\n<\/center><\/p>\n<p>Nur mal zum Vergleich: Es gibt heute auf Twitter rund <a href=\"https:\/\/www.statista.com\/chart\/28633\/verified-users-on-twitter\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">424.000<\/a> verifizierte Accounts, die sich durch was auch immer bis heute f\u00fcr ein blaues H\u00e4kchen qualifiziert haben. W\u00fcrden all diese Menschen den <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/digitales\/twitter-musk-kostenpflichtige-abonnements-update-100.html\" target\"=_blank\">8-Dollar-Deal<\/a> ein Jahr lang eingehen, k\u00f6nnte Twitter auf der Einnahmenseite gerade einmal knapp 41 Millionen Dollar verbuchen. Es gibt keinen Stein auf der Welt, der ansatzweise hei\u00df genug w\u00e4re, um diese Summe entsprechend schnell verdampfen zu lassen. Unser neuer Twitter-Chef braucht Geld. Und das ganz schnell. <\/p>\n<h2>Der schmale Grat zwischen &#8222;freier Rede&#8220; und &#8222;freier Rede&#8220;<\/h2>\n<p>Und hier beginnt das eigentliche Problem: Musk ist (\u00fcbrigens vollkommen aufrichtig angemerkt) ein bewundernswerter Mensch. Es gab und gibt nur wenige, die so gro\u00dfe Risiken eingehen, um ihre Tr\u00e4ume zu verwirklichen. Doch Musk denkt wie ein Ingenieur, wie ein Entwickler. Er sieht Herausforderungen als reine Technologieprobleme an, bei denen es reicht, ein Dutzend kluger K\u00f6pfe \u2013 gut bezahlt und lange genug \u2013 in ein Zimmer einzusperren, um fr\u00fcher oder sp\u00e4ter eine allgemeing\u00fcltige L\u00f6sung zu pr\u00e4sentieren, die dem kritischen Test der Physik und Mathematik standh\u00e4lt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/elon-6083103_1920.jpg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"934\" class=\"alignleft size-full wp-image-7802\" srcset=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/elon-6083103_1920.jpg 1920w, https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/elon-6083103_1920-300x146.jpg 300w, https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/elon-6083103_1920-1024x498.jpg 1024w, https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/elon-6083103_1920-768x374.jpg 768w, https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/elon-6083103_1920-1536x747.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><\/p>\n<p>Doch Twitter stellt kein Technologieproblem dar. Die Plattform ist in erster Linie ein gesellschaftliches und in zweiter Linie ein politisches Problem. Wir befinden uns hier in einer Welt, in der 1 + 1 nicht 2 ergibt, sondern irrationalen Hass, ausufernden Narzissmus, manchmal einfach Zeitvertreib und manchmal einen Aufruf zum Umsturz. Musk hatte bereits fr\u00fch das Versprechen abgegeben, &#8222;Free Speech&#8220; \u00fcber alles zu stellen. Niemand solle einen Maulkorb verpasst bekommen, niemand solle wegen simpler Verst\u00f6\u00dfe der sowieso \u00fcberarbeitungsw\u00fcrdigen Community-Richtlinien Opfer einer Account-Sperre werden. &#8222;Free Speech&#8220; \u2013 wie er es versteht \u2013  ist jedoch etwa f\u00fcr uns Europ\u00e4er ein auffallend radikales Recht. Etwa menschenverachtendem Hass, Antisemitismus, aufhetzenden Gedanken Worte zu verleihen, ist aus guten Gr\u00fcnden nicht nur hierzulande ge\u00e4chtet. Jedes Land hat unterschiedliche, politisch angeordnete Regeln, wie die Meinungsfreiheit konkret ausgelebt werden kann: demokratische, wie autokratische. Diese Balance zwischen freier Rede und gebotener Zur\u00fcckhaltung zu wahren, wird in n\u00e4chster Zeit keine k\u00fcnstliche Intelligenz \u00fcbernehmen k\u00f6nnen. Solch eine Bewertung h\u00e4ngt von Werturteilen denkender Menschen ab.<\/p>\n<h2>Adpocalypse, here we come<\/h2>\n<p>Daher kann Musks erster Moves, zun\u00e4chst einmal die halbe Belegschaft bei Twitter zu feuern, nur als zweifelhaft klug gewertet werden. Kein Werber der Welt wird seine Markenbotschaft dort schalten, wo Hate Speech floriert. Wir alle erinnern uns noch farbig an die &#8222;<a href=\"https:\/\/nymag.com\/intelligencer\/2017\/12\/can-youtube-survive-the-adpocalypse.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Adpocalypse<\/a>&#8220; auf YouTube, bei der Unternehmen unisono Google den Mittelfinger zeigten und s\u00e4mtliche Werbegelder von der Plattform abzogen. &#8222;Ich liebe es!&#8220;-Hamburger neben dem \u00fcberzeugten Hitlergru\u00df eines &#8222;Free Speech&#8220;-Enthusiasten kommt nicht so gut.<\/p>\n<p>Twitter ist nun auf Gedeih und Verderb den Entscheidungen eines von Geldsorgen getriebenen Self-Made-Million\u00e4rs ausgeliefert, der bislang vollkommen irrrational agierte, da er keine \u2013 wirklich absolut keine \u2013 Erfahrung im Bereich globaler sozialer Netzwerke hat. Nicht wenige Nutzer sind daher in diesen Tagen auf dem Absprung. Doch denjenigen, die jetzt mit Gedanken an eine Account-Schlie\u00dfung auf Twitter spielen, m\u00f6chte ich dennoch folgende Gedankenpunkte mit auf den Weg geben.<\/p>\n<p><b>Erstens:<\/b><br \/>\nNoch ist nichts passiert, nichts entschieden. Bei Musk ist derzeit vieles &#8222;Laber, Laber, Rhabarber&#8220;, viele Testballons werden live gestartet, weil er immer noch der Meinung ist, dass seine Followerschaft &#8222;Twitter&#8220; darstellt. Er wartet auf Reaktionen. Zudem: Wer jetzt geht, aber nach wie vor auf Facebook, TikTok oder Telegram aktiv ist, kann sich morgen stolz eine Pharis\u00e4er-Urkunde ans Revers heften, um dann f\u00fcr den Rest des Tages besch\u00e4mt in die Ecke zu gucken. <\/p>\n<p><b>Zweitens:<\/b><br \/>\nMastodon. Ja. Jaaa. Ne. Es gibt auch hier Probleme. Selbst f\u00fcr diejenigen, die sich in das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fediverse\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fediverse<\/a> hineinfuchsen. &#8222;Yeah!&#8220; f\u00fcr Open Source, &#8222;WTF?!&#8220; f\u00fcr die Tatsache, dass theoretisch jeder Admin einer Instanz ungest\u00f6rt in den DMs seiner Nutzer bl\u00e4ttern darf. Es gibt keine Moderationsrichtlinien, nicht einmal die Kapazit\u00e4ten daf\u00fcr oder die Absicht oder Finanzierung, solche aufzubauen. Rein theoretisch kann jeder Admin seine User und Instanz nach Gutd\u00fcnken l\u00f6schen. \u00dcbrigens: Trotzdem bin ich auf <a href=\"https:\/\/mastodon.social\/@avatter\" target\"=\"_blank\">Mastodon<\/a>. <\/p>\n<p><b>Drittens:<\/b><br \/>\nDie Sache mit dem Global Village: Es k\u00f6nnte sein, dass es an der Zeit ist, langsam voneinander Abschied zu nehmen und das gro\u00dfe, weltumspannende Netzwerk der Kommunikation zu verlassen. Wir haben jahrelang experimentiert. Und es hat nicht wirklich funktioniert. Vielleicht <a href=\"https:\/\/steadyhq.com\/en\/realitatsabzweig\/posts\/73370e13-c618-486a-93c5-0d41a32a55f9\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">lest ihr bei Frank Rieger<\/a> nach, warum es vielleicht doch lohnt, die Filterbubbles wieder aufzubauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Musks erstes gro\u00dfes Missverst\u00e4ndnis bestand darin, Twitter f\u00fcr eine wichtige Plattform zu halten. Und damit ist er nicht alleine. 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