{"id":7830,"date":"2022-11-16T21:06:04","date_gmt":"2022-11-16T20:06:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/?p=7830"},"modified":"2023-10-04T13:26:31","modified_gmt":"2023-10-04T11:26:31","slug":"twitter-alternative-mastodon-hitlergruss-nach-feierabend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/2022\/11\/twitter-alternative-mastodon-hitlergruss-nach-feierabend\/","title":{"rendered":"Twitter-Alternative Mastodon: Hitlergru\u00df nach Feierabend"},"content":{"rendered":"<p>Okay, also Twitter ist durch, Twitter ist verbrannt. Das Netzwerk wurde Opfer der feindlichen \u00dcbernahme eines unberechenbaren Hedonisten mit megalomanischen Wesensz\u00fcgen. Jemandem, der &#8222;freier Rede&#8220; Vorfahrt gew\u00e4hrt, solange sie Genehmes widerspiegelt und <a href=\"https:\/\/www.golem.de\/news\/twitter-app-musk-feuert-entwickler-der-ihm-widerspricht-2211-169751.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kritik<\/a> nicht verbalisiert. Vor <a href=\"https:\/\/me.mashable.com\/tech\/17230\/the-internet-is-recalling-what-elon-musk-promised-years-back-to-put-a-man-on-mars-in-10-years\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">elf Jahren<\/a> versprach uns Elon Musk, dass wir heute mit Sektfl\u00f6ten ansto\u00dfend auf dem Mars feierten. Stattdessen werden wir in Echtzeit ungl\u00e4ubige Zeugen, wie sein neues Netzwerk, das in der Vergangenheit bereits erwiesenerma\u00dfen Demokratien destabilisierte, mit Nachdruck zum globalen Radikalisierungskatalysator weiterentwickelt wird.<\/p>\n<p>Facebook \u2013 von Datenschutzskandalen durchgesch\u00fcttelt und angesichts des bislang 15 Milliarden Dollar verschlingenden &#8222;Metaverses&#8220; beachtlich ideenlos \u2013 ist ein reines Boomer-Netzwerk geworden. Instagram mutierte in den vergangenen Jahren zum <a href=\"https:\/\/www.wsj.com\/articles\/facebook-knows-instagram-is-toxic-for-teen-girls-company-documents-show-11631620739\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Depressions-Inkubator<\/a>. Und TikTok ist das bunteste Spionage-Netzwerk, das Xi Jinping je kontrollierte. Da schmelzen die Optionen: Wo gewinnen Marken beim Kunden? Wie funktioniert Online-B2B? Wie erreicht die Politik die B\u00fcrger?<\/p>\n<p>Mastodon soll es richten: Open Source, bottom-up, frei von kommerziellen Gedanken, durch die Community betrieben. Alle Macht den Nutzern! Klingt super. Da hatte ich mir also auch vor einiger Zeit <a href=\"https:\/\/mastodon.social\/@avatter\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">einen Account<\/a> zusammengeklickt, lasse diesen aber aus Komfortgr\u00fcnden und vager Hoffnung auf unbeabsichtigte Reichweite bis heute gr\u00f6\u00dftenteils mit <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/avatter\/posts\/pfbid07XaApv8H8MgmdcECy57iTdt9X2tVPL339vnR86561ByaFdRqL6QwwMLboSr6cEjul\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gespiegelten Tweets<\/a> f\u00fcttern. Dennoch stellt sich die Frage: Besteht der einzige Nachteil f\u00fcr SoMe-Leute denn wirklich darin, dass man bei Mastodon wieder mit allem von vorne beginnt? <\/p>\n<p>Nope. Da gibt es noch mehr&#8230;<\/p>\n<h1>Ich bin dann mal weg<\/h1>\n<p>Die meisten Klein- und Kleinstinstanzen von Mastodon werden heute wohl vom Hobbykeller oder Kinderzimmer aus betrieben. Rein theoretisch reicht schon ein <a href=\"https:\/\/pimylifeup.com\/raspberry-pi-mastodon\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Raspberry Pi<\/a>, ein How-To-Video auf YouTube und eine gro\u00dfe Dose Monster Energy aus, um einen neuen Knotenpunkt ins Fediverse zu d\u00fcbeln. Und hier liegt die Gefahr: Genauso schnell, wie Instanzen entstehen, k\u00f6nnen sie auch wieder verschwinden. Private Admins sind niemandem verpflichtet. Wer keine Lust, keine Zeit oder keine Kohle mehr hat, kann nach Gutd\u00fcnken und ohne Ank\u00fcndigung den Stecker ziehen, wichtige Security-Patches verpassen und gehostete Accounts in den Orkus schicken. Und selbst wenn wir den Admins aufrichtigen Eifer und eine lange Motivationsstrecke unterstellen, k\u00f6nnen auch ihnen Fehler passieren. Wie etwa dem Gr\u00fcnder von Bonn.Social, der 2017 beim Update-Versuche seine Instanz inklusive aller Konten kurzerhand und unabsichtlich komplett schrottete:<\/p>\n<p><center><\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\">\n<p lang=\"de\" dir=\"ltr\">Das ist wohl der Nachteil bei <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Mastodon?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#Mastodon<\/a>: Admins mit Halbwissen (die aber daf\u00fcr viel \u00fcber Soziale Netzwerke lernen) <a href=\"https:\/\/t.co\/NwBT2l9ZrA\">https:\/\/t.co\/NwBT2l9ZrA<\/a> <a href=\"https:\/\/t.co\/WvJkWnuEaI\">pic.twitter.com\/WvJkWnuEaI<\/a><\/p>\n<p>&mdash; ? ? @Sascha@Bonn.social (@Sascha_Foerster) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Sascha_Foerster\/status\/854219006022230016?ref_src=twsrc%5Etfw\">April 18, 2017<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><br \/>\n<\/center><\/p>\n<p>Theoretisch ist dies auch bei den gro\u00dfen Netzwerken m\u00f6glich. Jedoch greifen hier offiziell Auflagen, etwa das <a href=\"https:\/\/dsgvo-gesetz.de\/art-20-dsgvo\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Recht auf Daten\u00fcbertragbarkeit<\/a> (Art. 20 DSGVO) oder Initiativen wie das <a href=\"https:\/\/datatransferproject.dev\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Data Transfer Project<\/a>, dem sich Facebook, Microsoft, Twitter, Apple und andere offiziell verpflichtet haben. Kurzum: Hier wird es immer eine Vorwarnung geben und dass Daten pl\u00f6tzlich verschwinden, ist so gut wie ausgeschlossen.<\/p>\n<h1>Deine Daten sind meine Daten<\/h1>\n<p>Aufgrund seiner Dezentralit\u00e4t wird dem Fediverse oft eine gro\u00dfe Datenschutzfreundlichkeit unterstellt. Es gibt keinen creepy Mark Zuckerberg oder herablassenden Elon Musk, der auf dem knarzenden Sessel sitzend im White Room des Hauptquartiers zentralen Zugriff auf die geheimsten Gedanken seiner Nutzer hat. &#8222;Digitalisierung und Datenschutz geh\u00f6ren zusammen!&#8220;, <a href=\"https:\/\/www.baden-wuerttemberg.datenschutz.de\/lfdi-brink-nutzt-und-unterstuetzt-social-media-plattform-mastodon\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bejubelte<\/a> daher etwa j\u00fcngst Stefan Brink, Landesbeauftragter f\u00fcr Datenschutz und Informationsfreiheit in Baden-W\u00fcrttemberg, die Alternative Mastodon. &#8222;Social Media kann auch datenschutzkonform funktionieren!&#8220; Ja. Kann. Denn nat\u00fcrlich steht und f\u00e4llt der Datenschutz mit dem Betreiber der jeweiligen Instanz, der die Datenverarbeitung vollkommen eigenverantwortlich regelt. Er &#8222;kann&#8220; n\u00e4mlich auch die DMs seiner Mitglieder durchst\u00f6bern, wenn er m\u00f6chte. Er &#8222;kann&#8220; Daten verlieren. Er &#8222;kann&#8220; unachtsames Opfer von Hackern werden, die den R\u00fcssel tief in den Datentrog seiner Instanz stecken. <\/p>\n<p>&#8222;Please keep in mind that the operators of the server and any receiving server may view such messages, and that recipients may screenshot, copy or otherwise re-share them&#8220;, hei\u00dft es daher in der recht knappen <a href=\"https:\/\/mastodon.social\/privacy-policy\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Datenschutzerkl\u00e4rung<\/a> der Mastodon-Urinstanz (<a href=\"https:\/\/mastodon.social\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mastodon.social<\/a>) des Netzwerkerfinders Eugen Rochko. &#8222;Do not share any sensitive information over Mastodon.&#8220;<\/p>\n<p>Denn in Wirklichkeit ist das Fediverse ein Datenschutz-Albtraum \u2013 unzuverl\u00e4ssig, niemandem Rechenschaft schuldig und aufgrund seiner Gr\u00f6\u00dfe schon heute quasi unkontrollierbar. Zumal in Deutschland, das seit Jahrzehnten mit einem attestierten Mangel an digitalem Know-How und folgerichtig mauem Durchsetzungsverm\u00f6gen im Netz operiert. Die einzige M\u00f6glichkeit, Mastodon heute datenschutzkonform nutzen zu k\u00f6nnen, besteht im Betrieb der eigenen Instanz. Alles andere ist Wilder Westen.<\/p>\n<h1>Hitlergru\u00df nach Feierabend<\/h1>\n<p>In einem gewissen Sinne haben Apple und Google bessere Instrumente der Selbstregulation geschaffen, als Berlin oder Br\u00fcssel es f\u00fcr die gro\u00dfen Tech-Unternehmen je h\u00e4tten erdenken k\u00f6nnen. Eine Regel ihrer App Stores etwa lautet: Die mobilen Anwendungen sozialer Netzwerke d\u00fcrfen erst dann in die Kataloge aufgenommen werden, wenn sie ein effektives System zur Moderation nutzergenerierter Inhalte nachweisen k\u00f6nnen. Das Nazi-Netzwerk Parler konnte es beispielsweise nicht und flog aus Apples App Store. Auch Trumps Truth Social schaffte es nicht auf die Smartphones. Mittlerweile darf wieder <a href=\"https:\/\/www.derstandard.de\/story\/2000138780036\/sperre-aufgehoben-parler-ist-auch-bei-google-play-wieder-verfuegbar\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">offiziell gehetzt<\/a> werden. Moderation sei heute angeblich da. Naja.<\/p>\n<p>Und hier der Schocker: Im Fediverse ist Content-Moderation ein optionales Nice-to-have. Ob Snuff-Filmchen, Enthauptungsvideo, KiPo oder Mordaufruf \u2013 der jeweilige Mastodon-Admin entscheidet alleine, was Instanz-konform ist und was nicht. Das Fediverse kennt keine globalen Community-Guidelines, kein gemeinsames Wertesystem, es gibt keine allgemeing\u00fcltigen Regeln f\u00fcr Postings, kein Aufsichtsgremium, das bei Zensurbeschwerden angerufen werden kann. Nun kann man davon ausgehen, dass vor allem deutsche Admins den Gesetzesh\u00fctern aus dem Weg gehen wollen und entsprechende Ma\u00dfnahmen ergreifen m\u00f6chten. Sofern sie von Verst\u00f6\u00dfen erfahren. Ich habe einige Instanzen ausprobiert und bin dabei auf mehrere Flagging-Optionen gesto\u00dfen: Bei den einen l\u00e4sst sich Spam melden, bei den anderen Rechtswidriges, bei den einen Verst\u00f6\u00dfe gegen Server-Regeln, bei anderen fast gar nichts. Und selbst dann stellt sich die Frage, was Fynn (21 Jahre alt, macht seinen B.A. in Betriebswirtschaft und betreut nebenher eine eigene Mastodon-Instanz mit 10.000+ registrierten Accounts) mit all den Meldungen nach Feierabend macht: Ob eine Mastodon-Plattform moderiert oder resigniert von Hitlergr\u00fc\u00dfen geflutet wird, h\u00e4ngt von Zeit, Geld und Ressourcen des jeweiligen Admins ab. Die gro\u00dfen Netzwerke setzen auf KI und fortlaufend psychologisch betreute Moderationsteams, um Unvorstellbares aus den Feeds der Nutzer zu fischen. Ein schier unerreichbarer Luxus f\u00fcr Betreiber solch nichtkommerzieller Plattformen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/mastodon-screnshot.jpg\" alt=\"\" width=\"1900\" height=\"1438\" class=\"alignleft size-full wp-image-7838\" srcset=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/mastodon-screnshot.jpg 1900w, https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/mastodon-screnshot-300x227.jpg 300w, https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/mastodon-screnshot-1024x775.jpg 1024w, https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/mastodon-screnshot-768x581.jpg 768w, https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/mastodon-screnshot-1536x1163.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 1900px) 100vw, 1900px\" \/><\/p>\n<p>Zugegeben, das klingt alles recht niederschmetternd. Und suggeriert, das Heil in der digitalen Heimatlosigkeit zu suchen. Denn was bleibt uns schon \u00fcbrig? Wir werden absehbar in jeder Konstellation mit sozialen Netzwerken Probleme bekommen: Durch private Unternehmen per Werbefinanzierung betriebene Plattformen bedeuten zwangsl\u00e4ufig Kollisionen mit dem Datenschutz und unweigerlich polarisierende, zum Teil demokratiegef\u00e4hrliche Inhalte \u2013 Ads leben immer von Aufmerksamkeit. Direkt kostenpflichtige Netzwerke laufen Gefahr, wichtige Stimmen verstummen zu lassen. In staatlichen H\u00e4nden w\u00fcrde eine gigantische \u00dcberwachungsinfrastruktur aufgebaut: WeChat und TikTok etwa sind heute fester Bestandteil der Kommunikationsinfrastruktur der Kommunistischen Partei. Feuchter Traum auch deutscher Beh\u00f6rden. Noch eine Alternative! Stellen wir uns f\u00fcr einen Moment ein soziales Netzwerk vor, das vom deutschen \u00f6ffentlichen Rundfunk betrieben wird. Und danach die von Anfang an erwartete Entt\u00e4uschung. Oder eben&#8230; wir lassen die Open Source-Leute etwas auf die Beine stellen: Freiwillig, abh\u00e4ngig von individueller Laune, ressourcenlos, dezentral. Und anf\u00e4llig f\u00fcr das Scheitern so vieler Anspr\u00fcche, die eine moderne Gesellschaft an sie stellt. Es braucht unweigerlich mehr Konsolidierung, Professionalisierung, rechtliche Pr\u00e4diktabilit\u00e4t und tragf\u00e4hige Monetarisierungsmodelle, um hier privatwirtschaftlichen Angeboten die Stirn bieten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Anyway. F\u00fcr alle, die am Ball bleiben wollen, hier ein paar Tipps f\u00fcr Mastodon-Interessierte: Ich wei\u00df, es ist verlockend, sich f\u00fcr Instanzen zu entscheiden, die &#8222;meinem Hobby, meiner Leidenschaft und meinem unb\u00e4ndigen Drang nach Individualit\u00e4t&#8220; ein Zuhause geben. Tut das nicht. Sucht euch f\u00fcr die Erstellung eurer Accounts m\u00f6glichst gro\u00dfe und seit m\u00f6glichst langer Zeit <a href=\"https:\/\/joinmastodon.org\/servers\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">etablierte Instanzen<\/a> aus, die bestenfalls nicht von einzelnen Admins, sondern von \u00f6ffentlichen Einrichtungen betrieben werden. \u00dcberpr\u00fcft das Impressum und macht euch wirklich einmal die M\u00fche, die Server-Regeln und Datenschutzerkl\u00e4rung durchzuscrollen. Und dann entscheidet euch am Ende f\u00fcr <a href=\"https:\/\/mastodon.social\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mastodon.social<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Okay, also Twitter ist durch, Twitter ist verbrannt. Das Netzwerk wurde Opfer der feindlichen \u00dcbernahme eines unberechenbaren Hedonisten mit megalomanischen Wesensz\u00fcgen. 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