{"id":851,"date":"2010-02-08T20:03:23","date_gmt":"2010-02-08T19:03:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/?p=851"},"modified":"2010-02-08T20:03:23","modified_gmt":"2010-02-08T19:03:23","slug":"fraulein-hegemanns-gespur-fur-den-content-raub","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/2010\/02\/fraulein-hegemanns-gespur-fur-den-content-raub\/","title":{"rendered":"Fr\u00e4ulein Hegemanns Gesp\u00fcr f\u00fcr den Content-Raub"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/02\/strobo.jpg\" alt=\"\" title=\"strobo\" width=\"290\" height=\"290\" class=\"alignleft size-full wp-image-852\" srcset=\"https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/02\/strobo.jpg 290w, https:\/\/www.avatter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2010\/02\/strobo-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 290px) 100vw, 290px\" \/>Ich habe die Existenz sogenannter Coming of Age-Geschichten noch nie verstanden. Die Kaufmotivation der Leser speist sich bei Erwachsenen wohl daraus, dass sie sich nicht trauen, die Kinderzimmert\u00fcr von au\u00dfen zu \u00f6ffnen, aus Angst jemanden zu begegnen, den sie nicht kennen. Jugendliche greifen zum Skandal-Buch, weil sie Angst davor haben, die T\u00fcr von innen zu \u00f6ffnen und sich lieber Geschichten ausmalen, wie die Welt da drau\u00dfen, die sie vom Fernseher und den Magazinen her kennen, wohl aussieht. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Benjamin Lebert zeigte Ende der Neunziger, dass sich derlei Lekt\u00fcre hervorragend verkaufen l\u00e4sst. Und als nun Frau Roche ihre smegmatriefende Nonsense-Story &#8222;Feuchtgebiete&#8220; ver\u00f6ffentlichte und von der anderen Seite Heinz Strunk mit seinem &#8222;Fleckenteufel&#8220; auf den Zug aufsprang, war schnell klar, dass die Marschrichtung f\u00fcr die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts fest stand. <\/p>\n<p>H\u00f6chste Zeit also, um die n\u00e4chste Stufe zu z\u00fcnden, muss sich da der Ullstein Verlag gedacht haben. Toppen wir den Skandal, indem nun auch eine Minderj\u00e4hrige hin und wieder das Wort &#8222;Ficken&#8220; in den Mund nehmen darf: und Helene Hegemann war geboren.<\/p>\n<p>Die junge Bochumerin avancierte mit ihrem Debut-Roman &#8222;Axolotl Roadkill&#8220; schon vor Marktbeginn zum <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Helene_Hegemann\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Shooting-Star<\/a> der deutschen Literaturszene (was kein Problem ist, da diese unter erprobten US-Importen und der Mutlosigkeit hiesiger Verlage erstickt). Kritiker verglichen sie mit eben jener Charlotte Roche, die &#8222;Zeit&#8220; kramte Lautr\u00e9amonts &#8222;Ges\u00e4nge des Maldoror&#8220; als Ma\u00dfstab hevor oder Feridun Zaimoglus &#8222;German Amok&#8220;. Es sei &#8222;etwas nervt\u00f6tend&#8220;, was den &#8222;Fickundkotz-Jargon&#8220; und das Gelaber der &#8222;heterosexuellen Matrix&#8220; angehe, wurde <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2010\/04\/L-B-Hegemann\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">eingeworfen<\/a>, doch letztendlich gefielen sich die Kritiker darin, mit roten Ohren hinter den Buchseiten zu kichern, auf der von offenbar entfesselter Lust von M\u00e4dchen zu lesen war, die gut ihre T\u00f6chter h\u00e4tten sein k\u00f6nnen. <!--more--><\/p>\n<p>Doch nun wurde das Wunderkind entzaubert. Deef Pirmasens, einem Blogger und Lesungsorganisator, waren einige Passagen aufgefallen, von denen er meinte, sie schon einmal <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/327\/502559\/text\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">in einem anderen Zusammenhang<\/a> gelesen zu haben:<\/p>\n<blockquote><p>Dann ist mir aufgefallen, dass sie sehr herausstechende W\u00f6rter wie &#8222;Vaselintitten&#8220; oder &#8222;Technoplastizit\u00e4t&#8220; verwendet und diese kamen mir bekannt vor. Pl\u00f6tzlich ist mir dann auch eingefallen, woher ich die W\u00f6rter kenne: aus dem Buch &#8222;<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Strobo-Airen\/dp\/3941592068\/ref=sr_1_1?ie=UTF8&#038;s=books&#038;qid=1265651659&#038;sr=8-1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Strobo<\/a>&#8220; des Berliner Bloggers Airen. Aber es sind nicht nur W\u00f6rter, sondern auch leicht verfremdete S\u00e4tze oder Szenen, wie ich bemerkt habe, als ich dann verglichen habe.<\/p><\/blockquote>\n<p>Whoopsie. Fr\u00e4ulein Hegemann soll bei einem Blogger seitenweise abgeschrieben haben, so der aktuelle Vorwurf. Die Beschuldigte brauchte 48 Stunden, um dieser Anklage zu begegnen &#8211; nat\u00fcrlich in Absprache mit dem Verlag. In der ebenso unbeholfenen wie <a href=\"http:\/\/www.buchmarkt.de\/content\/41393-axolotl-roadkill-helene-hegemann-und-ullstein-verlegerin-dr-siv-bublitz-antworten-auf-plagiatsvorwurf.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">dummdreisten Replik<\/a> r\u00e4umt Hegemann ein, dass sie ihr Verhalten und ihre Arbeitsweise als &#8222;total legitim&#8220; einsch\u00e4tzt.  So etwas passiere einfach, wenn man an einen Roman &#8222;eher regiem\u00e4\u00dfig&#8220; rangehe: &#8222;Originalit\u00e4t gibt\u2019s sowieso nicht, nur Echtheit&#8220;, so ihr klasse Fazit. Sie sieht sich als Kind der &#8222;Nullerjahre&#8220; und da sei nun einmal die &#8222;Abl\u00f6sung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation&#8220; angesagt. Naja, jedenfalls entschuldige sie sich daf\u00fcr, &#8222;nicht von vornherein alle Menschen entsprechend erw\u00e4hnt zu haben, deren Gedanken und Texte mir geholfen haben.&#8220; Fertig. Ihre Ullstein-Verlegerin Dr. Siv Bublitz t\u00e4tschelte der Kleinen verlegen den Kopf, trippelte von einem Fu\u00df auf den anderen und verwies diffus stammelnd auf die &#8222;Sharing-Kultur des Internets&#8220; und dass es ja \u00fcberhaupt eigentlich alles Hegemanns Schuld sei, immerhin habe man vor dem Druck gefragt, ob irgendwelche Quellen oder Zitate verwendet wurden.<\/p>\n<p>Als ich heute von der Sache h\u00f6rte, rannte ich erst einmal auf die Toilette, sperrte mich ein und dann war erst einmal eine Runde gepflegtes Fremdsch\u00e4men dran. Wie weit sind wir heute in der Literatur gekommen, dass frecher Diebstahl als vollkommen &#8222;legitim&#8220; deklariert wird und die R\u00e4uber auch noch grinsend davonkommen? Ich meine, wenn man schon billigen Voyerismus als Literatur verkauft, dann bitte richtig.<\/p>\n<p>In einem ersten Reflex polterten die Medien: &#8222;17-j\u00e4hriger Literaturstar klaute Roman aus Netz&#8220; (&#8222;Welt&#8220;), &#8222;Helene Hegemann hat abgeschrieben&#8220; (&#8222;BZ&#8220;), &#8220; Untermieter im eigenen Kopf&#8220; (jetzt.de), doch schon nach kurzer Zeit merkten die News-Anbieter, dass sie wiederum die Meldungen als <i>duplicate content<\/i> auf ihren eigenen Seiten h\u00e4uften. Buzz-Gewinner ist derjenige, der im Strom mit den Konventionen bricht und so riss Spiegel Online als erstes das Segel herum, um Herrn Haas eine <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/literatur\/0,1518,676570,00.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ritterliche Apologie<\/a> f\u00fcr das arme M\u00e4dchen halten zu lassen: &#8222;Wo kommen wir eigentlich hin, wenn die Literatur auf einmal wieder einem Autorenbegriff unterworfen wird, der aus dem 18. Jahrhundert stammt?&#8220;,  feixt er dem Leser entgegen und findet das Vorgehen Hegemanns vollends zeitgem\u00e4\u00df. Um diese These zu untermauern, bem\u00fcht er Burroughs Cutup-Verfahren und schlie\u00dflich sogar Foucault h\u00f6chstpers\u00f6nlich, was letztendlich in einem Konglomerat pseudoakademischer Ausma\u00dfe gipfelt. Die &#8222;Zeit&#8220; leckte angesichts des Skandal-Skandals ebenfalls Blut und sprang als akkreditierter Kulturadvokat <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/2010-02\/hegemann-blogger-plagiat?page=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">an die Seite der Autorin<\/a>: &#8222;Ich w\u00fcrde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigerma\u00dfen gelernt h\u00e4tte, fremde Sch\u00e4tze bescheiden zu borgen&#8220;, wird dort Lessing zitiert, um nach einer dramatischen Kunstpause &#8222;Das war 1768!&#8220; hinzuzuf\u00fcgen. Beide Redakteure w\u00fcrde ich gerne fragen, ob ich ihre intelligenten Einw\u00fcrfe kopieren und in Buchform unter meinem Namen ver\u00f6ffentlichen d\u00fcrfte, sehe aber davon ab, weil ich keine Lust auf langwierige Konfrontationen mit den Rechtsabteilungen habe. &#8222;Wenn dann aber die Risiken eines solchen, nicht mehr selbstherrlich auf Individualit\u00e4t und Originalit\u00e4t pochenden Schreibens deutlich werden, dann f\u00e4ngt das Gezeter an&#8220;, schreibt Hass und ich rufe hiermit alle Blogger auf, das &#8222;\u00a9 SPIEGEL ONLINE 2010&#8220; am Fu\u00dfe der Seite zu ignorieren und SpOn-Artikel seitenweise per RSS auf ihr WordPress zu ziehen.<\/p>\n<p>Diese groteske Scharade wird sich die kommenden Tage fortsetzen. Doch eines ist sicher: Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen Intertextualit\u00e4t und Kopie, eine gro\u00dfe Kluft zwischen Assoziationen und Diebstahl. Burroughs Cutups waren Mashups &#8211; Experimente, die er nicht als origin\u00e4re Eigenmarke mit gro\u00dfem Werbe-Tamtam unter die Leute brachte. Er war kein &#8222;kongenialer Superstar&#8220;, Burroughs starb 1997 einsam in einem Haus voller Katzen. &#8222;Ein Buch von einem 28-j\u00e4hrigen Blogger aus einem Untergrundverlag ist offensichtlich nicht so interessant wie eine Ver\u00f6ffentlichung in einem Gro\u00dfverlag von einer Jugendlichen, deren Vater in der Kulturszene bekannt ist&#8220;, so Pirmasens. Wie weit die Rebellion gegen &#8222;die da oben&#8220; bei Hegemann geht, merkt man, wenn man sich vor Augen f\u00fchrt, dass ihr \u00dcbervater den Roman &#8222;Strobo&#8220; f\u00fcrsorglich bei Amazon <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/literatur\/0,1518,676490,00.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">f\u00fcr seine Tochter bestellte<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe die Existenz sogenannter Coming of Age-Geschichten noch nie verstanden. 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