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Bibliothek 2.0: Deshalb bin ich zur ZBW gegangen

By 30. Dezember 2010 11 Comments

Der eine oder andere hat ja schon mitbekommen, dass ich in Hamburg gelandet bin. Nach zehn Jahren Köln (und zuletzt Basic Thinking) habe ich bei der ZBW (Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft) angelegt, was bei einigen ein großes Fragezeichen verursacht hat: „ZBWas?“ – Ich will im Folgenden ein bisschen über meinen neuen Arbeitgeber schreiben und davon berichten, was ich dort so mache.

Okay, was ist die ZBW? Allgemein gesagt, ist die ZBW das weltweit größte Informationszentrum für wirtschaftswissenschaftliche Literatur mit einem überregionalen Auftrag – online wie offline. Heute beherbergt die Einrichtung rund 4,5 Millionen Bände und 32.000 laufend gehaltene Zeitschriften. Würde alles nebeneinander gestellt, käme man auf 78 Kilometer Länge – das entspricht in etwa der Höhe der Mesopause, der atmosphärischen Schicht der Erde, nach der das Weltall beginnt. Daneben stellt die ZBW die wohl am schnellsten wachsende Sammlung von Open Access-Dokumenten im Internet zur Verfügung: EconStor, das digitale Archiv, verfügt heute über 25.000 frei zugängliche Aufsätze und Working Papers. Keine Rumhampelei, keine Paywall – Studenten und Forscher kommen an Ergebnisse, die sie mit ihren Steuergeldern bereits finanziert haben. Wissen ist die einzige Ressource, die sich durch Teilung vergrößert.

Die ZBW ist Teil der Leibniz-Gemeinschaft, was zum einen bedeutet, dass sie als Stiftung (des öffentlichen Rechts) keine kommerziellen Absichten verfolgt. Zum anderen heißt das aber auch, dass ihr Bestehen mit einem expliziten Auftrag verbunden ist. Und genau dieser war auch der Grund, weshalb ich zugeschlagen habe: Die ZBW hat die Aufgabe, sich von der einstmals klassischen Bibliothek in eine erstklassige Serviceeinrichtung für die Wissenschaftscommunity zu verwandeln. Und zwar in einer Form, dass andere Bibliotheken – ob öffentlich oder akademisch – davon lernen können.

Dazu hat sich die ZBW vor rund einem halben Jahr den wohl fähigsten Mann auf diesem Gebiet geschnappt, Prof. Klaus Tochtermann, der Dinge sagt, wie: „Aufgrund der rasanten Weiterentwicklung des Internets befindet sich die Medienbranche in einem noch nie da gewesenen Umbruch. Mein Ziel ist nicht nur, dass die ZBW diesen Umbruch erfolgreich meistert, sondern sich zukünftig als international anerkannter Innovator positioniert.“ Mir gegenüber drückte er es einmal so aus: „Was nützt es, über eine gigantische Sammlung zu verfügen, wenn es die Nutzer sind, um die es geht.“

In ein paar Jahren geht kaum noch jemand in eine Bibliothek, bestellt Bände aus dem Magazin; ebenso will niemand tagelang auf seine Fernleihe warten. Nein, in ein paar Jahren wird das Wissen unmittelbar dort gebraucht, wo es verarbeitet wird und zwar schnell und kostenfrei. Die Mehrzahl der Literaturbereitsteller versteht das nicht, es wird weiter so gearbeitet, wie immer. Kein Wunder, dass immer mehr Bibliotheken dicht machen müssen (eine gute Übersicht über eingestampfte Büchereien bietet bibliothekssterben.de – zur Zeit leider nicht erreichbar). Zu den knappen Haushaltskassen kommt immer häufiger ein Mangel an gescheiten Existenzargumenten.

Klaus Tochtermann ist Experte für Wissensmanagement, Web 2.0, Semantische Technologien und Future Internet. Dass es sich nicht nur um Buzzwords, sondern um praktische Anwendung handelt, machte er mir in einem unserer ersten Gespräche klar. Wir sprachen über Chancen, Kosten und Nutzen der neuen Technologien. Ich entgegnete kritisch, dass ich aus der Wirtschaft käme, wo Risikoabwägungen häufig die Innovationen stoppen: „Oft holt einer den Taschenrechner heraus, sieht die Kosten und die Arbeit – und schreckt dann zurück. Man setzt auf das Bewährte.“ Er sah mich an und meinte trocken, dass er natürlich auch intensive Risikoabwägungen mache: „Unser Risiko ist es, einem Trend hinterherzulaufen.“ Ein paar Stunden später hatte ich den Vertrag unterschrieben.

Ja, es ist viel Arbeit. Was können Location Based Services der Wissensgesellschaft bringen? Helfen API-Responder bei Twitter den Studenten? Was bietet Forschern vernünftige Mehrwerte bei der Katalogsuche? Was ist mit der Vernetzung? Wie lässt sich Open Access weiter pushen, damit in der Globalisierung ein moderner Wissenstransfer gewährleistet ist und die Menschheit davon profitieren kann? Die ZBW, die in diesen Feldern bereits jetzt gut aufgestellt ist, wird bei der Beantwortung dieser und anderer Fragen künftig ganz weit vorne mitspielen. Mein Job ist es dabei, die Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer zu sondieren, neue Technologien aufzuspüren und sie auf ihre Tauglichkeit hin abzuklopfen. Das bewältige ich nicht alleine, sondern gemeinsam mit einem ganzen Team von Spezialisten. In meinen ersten Unterhaltungen in den Abteilungen wurde mir schnell klar, dass jeder Mitarbeiter für die Vision brennt und neue Ideen beisteuern will. Die neue Leitlinie genießt also vollen Support im Haus und ich freue mich, in einer so hoch motivierten Gruppe aufgenommen worden zu sein.

In den kommenden Wochen werden wir einiges zu den Plänen veröffentlichen – und weil die Frage aufkam: ja, natürlich auch hier. Ich werde auch neben dem neuen Job weiter privat bloggen, immerhin läuft mir beim Trendscounting wie bei Basic Thinking immer etwas über den Weg, über das sich zu berichten lohnt. Wenn ihr noch weitere Fragen zur ZBW, ihren Diensten oder zum Auftrag habt – her damit. In den Kommentaren ist noch ein Platz frei. Auch für neue Ideen.

Noch etwas: Wenn Ihr uns bei der Aufgabe unterstützen wollt, würde ich mich freuen, wenn ihr die ZBW bei Twitter, Facebook oder StudiVZ im Auge behaltet. Hier werden wir schon bald über alle Änderungen berichten.

About André Vatter

Leidenschaftlicher Social Median und Blogger aus Hamburg. Mehr erfahren.

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