Der Zweifrontenkrieg der Generation C Dann lasst es eben knallen!

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Schöne Vorlesung, kein Zweifel. Sascha Lobo hat auf der re:publica seine „Rede zur Lage der Nation“ gehalten, in der er versucht, die Mechanismen des ausbleibenden, makrogesellschaftlichen Feedbacks auf den globalen Überwachungsskandal aufzuzeigen. Er vergleicht die Netzaktivisten mit den Umweltaktivisten, die es im Gegensatz zu diesen es immer wieder schaffen, Unterstützer für ihre Sache zu mobilisieren. Offenbar machen sie die bessere Lobbyarbeit.

Aber das Internet ist eben kein zu schützendes Ökosystem, bietet keinen Freikauf vom schlechten Gewissen, der für den Erfolg von vielen Umweltschutzorganisationen so wichtig ist: „Ich schmeiße Kippen auf die Straße, werfe Pappbecher neben den Mülleimer, stelle den alten Fernseher runter auf die Straße und fahre einen SUV. Deshalb spende ich an den WWF. Das Internet? Ist mir furzegal.“

Menschen sind nicht so doof

Das – und hier sind wir schon mittendrin – ist der Grund für das schlechte Abschneiden der Netzlobby: die mangelnde Relevanz. Vor knapp einem Monat hat das Marktforschungsunternehmen GfK eine repräsentative Umfrage unter Deutschen gemacht. Dabei kam heraus, dass fast die Hälfte aller Bundesbürger nichts an ihrem Umgang mit persönlichen Daten geändert hat. Die mit Abstand häufigste Antwort dabei war: „Nein, ich habe nichts zu verbergen.“

Menschen sind nicht so doof, dass sie sich nicht aufregen, wenn sie es für angemessen betrachten. Die Medien haben im Snowden-Fahrwasser (und das gebe ich selten zu) einen großartigen Job geleistet, haben sich in allen Spähskandalen verbissen, Politiker vor die Kameras gezerrt, nicht locker gelassen, nachgehackt und immer wieder versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. Während wir fassungslos und kopfschüttelnd vor den Fernsehern hingen, saß halb Deutschland schulterzuckend daneben: „Schalt doch mal um, da – wie heißt der nochmal? – den guck ich ja so gerne.“

Die Erkenntnis ist schmerzhaft, da wir uns selbst viel zu selten aus unser eigenen Online-Filterblase heraus in das rustikale Deutschland bewegen: Doch der halben Republik erscheint die Generation C als ein Haufen ADS-Kinder, die den Tag mit Killerspielen vor der Klackerkiste verbringen. Das Bedürfnis Internet wird nicht ernst genommen, weil die Bedeutung Internet nicht verstanden wird. Das Internet bietet Lösungen auf Probleme, die die Baby Boomer nicht haben. Warum auch? Es ging ja auch so immer. Dieses Desinteresse der Unbeteiligten ist der fundamentale, gesellschaftliche Skandal hinter dem eigentlichen Spähskandal. Denn die Ignoranz sorgt dafür, dass sich nichts ändert. Von vielen Alten wird die Affäre als hochgejubeltes Ärgernis einer Generation verstanden, die sich eigentlich um Wichtigeres kümmern sollte.

In diesem Fall ist Kommunikation gut – aber eben bei weitem nicht ausreichend. Wir können protestieren, aufklären, schreien und toben, doch bis heute hat es niemals einen wirklichen Kampf gegeben, denn der Mitstreiter ist nie aufs Feld gezogen. Er sitzt zuhause auf der Couch und schaut die letzten Reste von „Wetten dass…?“.

Mir scheißegal – Yolo!

Der Kampf um Aufmerksamkeit und das Betteln um Verständnis ist zeit- und kräfteraubend. Und während all der Jahre reifte so von vielen unbeobachtet ein weiteres Heer der Interessenlosen heran, die Millennials oder Vertreter der Generation Z; unsere Sorgenkinder, die nichts anderes als das Internet kennen und ihre ersten Selfie-Auftritte noch vor der Geburt in Form embryonaler Ultraschallfotos auf Facebook hatten. Oft genug erscheinen sie uns naiv, tatsächlich sind sie aber Opfer einer Gesellschaft, die es nicht schafft, Privatsphäre als etwas Relevantes zu vermitteln. Den Jungen ist Überwachung durch Staat und Wirtschaft – yolo! – so ziemlich scheißegal, weil: Es ging ja auch so immer.

Schuld an der Einstellung – die sich eben in Sexting, Whatsapp-Mobbing und Suffalben auf Instagram äußert – ist in erster Linie ein gescheitertes Bildungssystem, das davon ausgeht, dass jemand, der einen Browser bedienen kann, auch versteht, wie das Internet funktioniert. Ende des Unterrichts. Selbst ein Lobbyverband wird da nichts ausrichten können, es sei denn, er übernimmt dann auch gleich die Lehrstunden für Differentialrechnung oder die biologische RGT-Regel.

Die Generation C steht mit ihrer Empörung alleine da, gesellschaftlich eingeklemmt zwischen ZDF-Ignoranz und WTF-Laissez-faire, zwischen „Ich habe doch nix zu verbergen!“ und „Was könnte ich denn verbergen?!“. Ihr gegenüber stehen die milliardenschweren IT-Riesen oder behördlichen Spähinstanzen, die mitten im oder nah am Zentrum der Macht kauern. Die eigene politische Machtlosigkeit der Netzinteressierten wurde bei der jüngsten Bundestagswahl wieder einmal eindrucksvoll demonstriert.

Ein augenöffnender Knall

Wir haben es mit Appellen versucht, wir haben es mit Druck versucht. Nichts hat sich bewegt. Solange es der Mehrheit egal ist, bleibt die breite Empörung eben aus. Solange es egal ist, wird sich die Politik nicht bewegen, wird es keine Aufklärung geben, ebenso keine neuen Gesetze, keine Internetverfassung, die die Rechte der Digitalbürger schützt. Und so passiert das, was in diesen Fällen immer passiert, nämlich das Einsetzen fassungsloser Resignation – gefolgt von muffeliger Selbstreflexion.

Es gibt nur einen Weg aus der misslichen bis gefährlichen Lage und zwar ein augenöffnender Knall. Das Internet wird unbeeindruckt von netzaktivistischen Anstrengungen hinter den Kulissen weiter zermürbt und umgeformt werden, daran besteht zum jetzigen Zeitpunkt kein Zweifel mehr. Die Überwachung wird wie die Vertuschungen zunehmen, hin und wieder gibt es Eskalation, ein schwaches Aufbäumen der unmittelbar Betroffenen, das war’s.

Der augenöffnende Knall geschieht erst dann, wenn die NSAs, BNDs, Googles und Apples der Welt einen Knopf zu viel drücken und ein Funke direkt in das Leben der Alten und Jungen überspringt: Wenn ein Spionageakt enttarnt wird und in der Folge einen Kursrutsch an der Börse provoziert, der kurz darauf die Rentenersparnisse schmelzen lässt. Wenn deutsche Lebensabendtouristen mit Verweis auf ihren jüngsten Mailverkehr von Grenzbeamten zur Seite genommen werden. Wenn im Gespräch mit der Tochter plötzlich eine dritte Stimme im Apparat ertönt. Wenn eine ganze Schulklasse die München-Reise absagen muss, weil die dortige Polizei die angekündigte Facebook-Party jetzt nicht ganz so cool fand. Wenn der erste Azubi-Job ins Wasser fällt, da der Personaler auf den Parkfotos den winzigen Joint zwischen den Fingern entdeckte. Nur, wer einen Grund dazu hat, wird sich empören. Wer zuvor präventive Warnungen mit tauben Ohren quittiert hat, wird anders denken müssen, wenn der eintretende Fall zu einer persönlichen Erfahrung wird. Wann wurde die Politik wach? Als bekannt wurde, dass Merkels Handy auf der Abhörliste stand.

„Weitermachen!“

Es ist ein dummes Spiel, das gespielt werden muss, um eine Veränderung zu bewirken. Ein Spiel, an dessen Ende jeder sagen wird: „Ja, hätte man eigentlich so kommen sehen müssen…“ Man könnte meinen, dass eine demokratische Gesellschaft im Jahr 2014 so etwas nicht nötig hat. Aber… hier stehen wir. Also: Hört nicht auf, den Zeigefinger zu erheben und immer wieder zu mahnen. Macht weiter Druck. Vergesst aber nicht, dass jede Botschaft vergebens ist, wenn der Empfänger weder den Sinn, noch die Relevanz versteht. Zieht die Tauben und Stummen auf eure Seite, gebt dem Internet für alle eine Bedeutung. Erst dann wird etwas passieren.

Sascha Lobo geht in seinem Vortrag auf Herbert Marcuse und seine Überlegungen zur Macht ein. Aber ich denke, in diesem Fall braucht es keine filigranen, poststrukturalistischen Theorien mehr (übrigens wäre da Michel Foucaults „Überwachen und Strafen“ viel geeigneter) – denn die, die das Problem des Machttransfers und -missbrauchs verstehen wollen, verstehen es auch. Marcuses Grab befindet sich übrigens auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin. Der schlichte Stein trägt neben seinem Namen und Lebensdaten eine Aufschrift: „Weitermachen!“ – und ich denke, daran sollten wir uns halten.

 

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