Twitter analog: So lassen sich Tweets in ein Buch verwandeln

14. Oktober 2010  |  Fun, Netzkunst, Netznews  |  No Comments  |  Share

Ah, die liebe bibliophile Nostalgie! Das Blättern von Seiten, der Geruch von Druckerschwärze, schöne Lesezeichen und die ständige Frage: “Wo habe ich es nur hingelegt?” Richard Gutjahr hat diese Woche sein Twitter-Buch erhalten, ein Hardcover, welches das vergangene Jahr in rund 6.000 seiner Tweets Revue passieren lässt. Die Idee ist nicht neu – doch wenn man das Büchlein so vor sich liegen sieht, lässt sich eine gewisse Begeisterung nur schwer zurückhalten.

Man kann sich die Frage stellen, wie viel Sinn es macht, das Echtzeitnetz auf das ehrsame Weiß von Papier zu bannen, zumal wenn es sich um Tweets von Journalisten wie uns handelt, die hauptsächlich mit Links auf interessante Seiten um sich werfen. Doch hin und wieder gibt es auch private Momente und wie kommt man wieder an diese ran? Die Twitter-Suche reicht in der Praxis maximal zwei, vielleicht drei Tage zurück, alle übrigen Tweets scheinen unweigerlich verloren; sofern man nicht auf externe Dienste zurückgreift, die über die API das große Twitter-Archiv anzapfen. Oder man bestellt sich eben ein Buch seiner Tweets.

Weil mich das Thema neugierig machte, habe ich mich auf die Suche nach Start-Up-Verlagen gemacht, die darauf spezialisiert sind, die 140-Zeichen-Bücher anzubieten und ich habe eine ganze Reihe interessanter Projekte gefunden, die sich nicht nur im Aussehen, sondern auch im Preis unterscheiden. Weiterlesen

Fräulein Hegemanns Gespür für den Content-Raub

8. Februar 2010  |  Journalismus, Netzkunst  |  No Comments  |  Share

Ich habe die Existenz sogenannter Coming of Age-Geschichten noch nie verstanden. Die Kaufmotivation der Leser speist sich bei Erwachsenen wohl daraus, dass sie sich nicht trauen, die Kinderzimmertür von außen zu öffnen, aus Angst jemanden zu begegnen, den sie nicht kennen. Jugendliche greifen zum Skandal-Buch, weil sie Angst davor haben, die Tür von innen zu öffnen und sich lieber Geschichten ausmalen, wie die Welt da draußen, die sie vom Fernseher und den Magazinen her kennen, wohl aussieht. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Benjamin Lebert zeigte Ende der Neunziger, dass sich derlei Lektüre hervorragend verkaufen lässt. Und als nun Frau Roche ihre smegmatriefende Nonsense-Story “Feuchtgebiete” veröffentlichte und von der anderen Seite Heinz Strunk mit seinem “Fleckenteufel” auf den Zug aufsprang, war schnell klar, dass die Marschrichtung für die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts fest stand.

Höchste Zeit also, um die nächste Stufe zu zünden, muss sich da der Ullstein Verlag gedacht haben. Toppen wir den Skandal, indem nun auch eine Minderjährige hin und wieder das Wort “Ficken” in den Mund nehmen darf: und Helene Hegemann war geboren.

Die junge Bochumerin avancierte mit ihrem Debut-Roman “Axolotl Roadkill” schon vor Marktbeginn zum Shooting-Star der deutschen Literaturszene (was kein Problem ist, da diese unter erprobten US-Importen und der Mutlosigkeit hiesiger Verlage erstickt). Kritiker verglichen sie mit eben jener Charlotte Roche, die “Zeit” kramte Lautréamonts “Gesänge des Maldoror” als Maßstab hevor oder Feridun Zaimoglus “German Amok”. Es sei “etwas nervtötend”, was den “Fickundkotz-Jargon” und das Gelaber der “heterosexuellen Matrix” angehe, wurde eingeworfen, doch letztendlich gefielen sich die Kritiker darin, mit roten Ohren hinter den Buchseiten zu kichern, auf der von offenbar entfesselter Lust von Mädchen zu lesen war, die gut ihre Töchter hätten sein können. Weiterlesen

Frohe Weihnachten vom Planeten Chiron Beta Prime!

20. Dezember 2009  |  Fun, Musik, Netzkunst  |  No Comments  |  Share

chironbetaprimeJonathan Coulton schrieb den Song im Winter 2004. Zuvor hatte ihn ein Freund gebeten, ein Lied zu komponieren und texten, das ein “futuristisches Flair” hat. Anstatt Weihnachtskarten verschickte der junge Mann in diesem Jahr Audio-CDs an Verwandte und Freunde. Später wanderte “Chiron Beta Prime” in die “A Thing a Week“-Sammlung. Coulton hatte seinen Job geschmissen (er war Programmierer), um als Geek-Rocker ohne Label und nur mit Hilfe des Internets Karriere zu machen. Er stellte sich selbst die Aufgabe, ein Jahr lang jede Woche je einen Song zu schreiben und ihn dann als Podcast zu veröffentlichen.

Vor wenigen Monaten brachte Coulton sein erstes offizielles Album heraus: “Best. Concert. Ever.” Dabei handelt es sich um den Live-Mitschnitt eines Konzerts, das er in der Great American Music Hall gegeben hatte. Ein Auftritt dort bedeutet die Feuertaufe für jeden US-Künstler. Das CD/DVD-Bundle fand reißenden Absatz, nicht zuletzt, weil Coulton seinen eigenen Song “Still Alive” als Karaoke-Version beim Konsolenspiel Rock Band zum Besten gab. An der Plastik-Gitarre begleitete das intelligente Netz-Starlet Veronica Belmont (hier auch ein gastronomisches Portrait).

Im Folgenden nun “Merry Christmas from Chiron Beta Prime”. Es ist der gesungene Weihnachtsgruß der Familie Anderson, die von Außerirdischen auf einen Asteroiden entführt wurde und dort Steine kloppen muss. Einen völlig legalen Download-Link für die MP3-Datei gibt es ebenfalls. Coulton spielte sämtliche Instrumente selbst ein. Das Vimeo-Video stammt wiederum von einem völlig durchgeknallten Amerikaner, der sich keine Sorgen um seine Stromrechnung macht. Frohe Weihnachten euch allen! :) Weiterlesen

Gestohlene Design-Ideen: Doku bietet Einblicke in den Apple-Braintank

7. November 2009  |  Netzkunst, Netznews, Wissenschaft  |  3 Comments  |  Share

screen-capture-9Der Begriff des Genies kennt heute zwei Bedeutungen – eine alltägliche und eine etymologisch korrekte. Wenn wir heute von ‘Genie’ sprechen, meinen wir meistens, dass ein Mensch überdurchschnittlich begabt und von überragender Intelligenz gekennzeichnet sei. Tatsächlich ist diese Semantik aber viel tiefer verwurzelt und reicht zurück bis in das 18. Jahrhundert, in die Zeit der Romantik, als Kant erklärte: “Darin ist jedermann einig, daß das Genie dem Nachahmungsgeiste gänzlich entgegen zu setzen sei.”

Ein Genie ist also in der Lage, einen Gedanken zu fassen, der zuvor ungedacht war. Er schafft aus dem Nichts etwas Neues (creatio ex nihilo) – eine Vorstellung, der wir heute nur noch in der Theologie begegnen. Alle Übrigen, seien es Künstler oder Wissenschaftler, bewegen sich in einem intertextuellen Kontext und führen praktisch nur das weiter, was andere bereits begonnen haben. “Romeo und Julia” ist ein Remake von Ovids “Pyramus und Thisbe“, ohne die Maxwellschen Gleichungen hätte es die Relativitätstheorie nicht gegeben. So gesehen, ist der Genie-Begriff reichlich utopischer Natur.

Ich schicke diese kleine Definition nur voraus, um den Ausrufen zu begegnen, die einige angesichts von Produkten einer bestimmten Firma aus Cupertino, Kalifornien, immer wieder vom Stapel lassen: “Genial!” Das Apple-Design ist in der Tat schön, inspirierend, manchmal umwerfend – doch es ist in keinem Fall originär.

Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass Apples Senior Vice President of Industrial Design, Jonathan Ive, maßgeblich an der Entwicklung des iPod, des iPhone, iMac und der MacBooks beteiligt war. Das gilt sowohl für das Äußere, wie auch für die Gestaltung des Graphical User Interface. Ebenso bekannt dürfte sein, dass Ive seine Ideen aus einem riesigen Fundus schöpft, den Dieter Rams in den Sechzigern anhäufte. Er war bis 1995 Chefdesigner bei Braun. Weiterlesen

Life Advice from Old People: “Stay as young as you can, for as long as you can.”

31. August 2009  |  Netzkunst, Netznews  |  No Comments  |  Share

Reddit ist eigentlich eine Sickergrube des präpubertären Internet – umso überraschter war ich, als ich heute diesen Linktipp dort fand: Life Advice from old People. Initiator der Seite ist der Amerikaner Seth Menachem, der auf seinem Blog eigentlich nichts anderes unternimmt, als Senioren der USA nach einem einleitenden Gespräch Mikrofon und Kamera unter die Nase zu halten und sie um einen Ratschlag für die heutige Jugend zu bitten. Das schafft er, ohne die Damen und Herren vorzuführen. Das da oben ist beispielsweise Kathy, eine Schauspielerin im ehemals besten Alter, die Seth auf einem Treffen der Screen Actors Guild getroffen hat. Also: Unbedingt einmal vorbei schauen!

Promi-Beisetzungen: “Giant Birds should not be able to stir such emotions in me!”

8. August 2009  |  Musik, Netzkunst  |  No Comments  |  Share

800px-Kermit_the_frog_hollywood_walk_of_fameEs gab einige, die fanden die Beerdingung des Michael Jackson “gelungen”, “würdig” – “unvergesslich” gar. Es war ein Ereignis megalomanischen Ausmaßes, der Tod seiner Pop-Majestät! Und später würde man seinen Kindern davon erzählen können: “Ja, Jean-Fynn. Ich war dabei.” Als ich die Live-Berichterstattung der US-Sender verfolgte, von denen jeder mindestens zwei NewsCopter erst über der Trauerhalle und dann über dem Staples-Center kreisen ließ, kamen mir andere Adjektive in den Sinn. Die eigentliche Abschiedszeremonie glich einem Stapellauf der musikalischen Best Buddies und hätte Jacksons Prunksarg nicht auf einer konvexen Brücke vor der Bühne gestanden, wäre der Anlass schnell in Vergessenheit geraten.

Ich schätze, es ist eine typisch amerikanische Routine, zur Beerdigung das Leben des Verstorbenen nicht durch Worte, sondern seine Taten Revue passieren zu lassen. Wenn den Ex-NRA Chef Chartlon Heston (“You can have my gun when you can pry it loose from my cold, dead hand!“) das Zeitliche segnet, wird es ein Defilee aus Waffennarren geben, die nach der Zeremonie die Gewehre anlegen und mehrere Salutschüsse in den texanischen Himmel abgeben. Bill Gates letzte Geleitworte könnten von einer computergenerierten Stimme stammen, die sich für ihre Erschaffung bedankt und dann das Lebenswerk des Redmonders mit begleitender PowerPoint-Präsentation referiert. Es ist auch vorstellbar, dass nach dem Ableben von Dick und Mac McDonald – einmal in den 70ern und einmal in den 90ern – die Mitglieder der Trauergemeinde um das jeweils frisch ausgehobene Grab standen, weinten oder sich still tröstend in den Armen lagen, um am Ende einen bunten Regen aus Einwegservietten, Plastikstrohhalmen und BigMac-Kartons auf den Sarg zu werfen, ehe ein als Clown kostümierter Minibaggerfahrer das Loch wieder mit Erde auffüllte.

Es soll nicht abwertend klingen, immerhin macht es durchaus Sinn, den Moment der Abschiednahme mit lebhaften Erinnerungen zu verbringen, anstatt – wie beispielsweise bei deutschen Beerdigungen üblich – das vom Pastor oder Pfarrer in einem Schnellhefter gespannte DIN-genormte Standard-Tremolo über sich ergehen zu lassen. Weiterlesen

Octopus-Spezial: Versuch einer Seeungeheuer-Rehabilitierung

12. Juli 2009  |  Fun, Netzkunst, Wissenschaft  |  2 Comments  |  Share

Bild: http://www.patchowl.de/BOMs.html

Yeah, Kraken! Es ist Zeit, dass endlich einmal jemand aufsteht, um Seeungeheuer zu rehabilitieren. Die Diffamierungskampagne gegen den Octopus (Octopus vulgaris) geht schon viel zu lange. Mittlerweile ist er von der Kryptozoologie in die Enzyklopädien geschwommen; wir wissen, was er so macht, wenn er einige Kilometer unter der Meeresoberfläche schmatzend am Grund kauert. Deshalb besteht der Kickoff zur Image-Rettung der Octopoden auch aus einem Donnerschlag des Wissens. Nämlich den

Zehn Eigenschaften, die den Octopus cool machen:

  1. Der Krake (umgangssprachlich mit grammatikalisch weiblichen Geschlecht) hat seinen Namen aus dem Skandinavischen. Er bedeutet soviel wie “entwurzelter Baum”.
  2. Er ist mit acht Armen – nicht “Tentakeln” – ausgestattet
    (einer davon dient den Männchen der Fortpflanzung).
  3. Er hat blaues Blut.
  4. Er kann eine Spannweite von bis zu zehn Metern erreichen.
  5. Er zählt zu den schlauesten Meerestieren. Seine Intelligenz reicht an die von Ratten heran.
  6. Er besitzt drei Herzen.
  7. Er denkt mit neun Gehirnen (eines für jeden Arm und das Haupthirn).
  8. Er ist zum sekundenschnellen Farbwechsel fähig.
  9. Er hat einen evolutionsbiologischen logischen Augenaufbau: die Netzhaut ist vorne.
  10. Er kann giftig sein.

Octopoden haben nur ein Problem: Sie sind potthässlich. Kopffüßler hatten in der Welt noch nie einen einfachen Stand, während des Mittelalters wurden sie als Salzwassermonster lanciert, die mit gigantischen Armen Schiffe zerbrechen und Matrosen zum Grund des Meeres reißen. Der Octopus ist daran aber unschuldig, das waren die furchtbaren Tiefseekalmare, die zwar um Längen größer – aber auch dümmer sind. Weiterlesen

Aus gegebenen Anlass: “Du bist Terrorist”

19. Mai 2009  |  Netzkunst, Netznews  |  No Comments  |  Share

Quelle: Du bist Terrorist
Update, 23. Mai 2009: Die Agentur von “Du bist Deutschland” mahnt den Macher von “Du bist Terrorist” ab. Zeit.de.